Es ist der größte Corona-Ausbruch seit Beginn der Pandemie im Landkreis Bad Kissingen: Im Münnerstädter Seniorenzentrum St. Elisabeth haben sich im Zeitraum kurz vor Weihnachten bis heute 51 von 68 Bewohner infiziert, drei Menschen starben. Marco Schäfer ist der Vorstand des Trägers, der Carl von Heß'schen Sozialstiftung. Allein in Münnerstadt betreibt die Stiftung zwei Seniorenheime und ein Haus für Betreutes Wohnen, im Landkreis sind es insgesamt sieben. Für das Heim kam die Katastrophe aus dem Nichts.

Herr Schäfer, scheinbar ohne Vorankündigung stecken sich in einem Ihrer Heime so viele Menschen an. Wie konnte das passieren?

Marco Schäfer: Das ist eine gute Frage. Als wir zu Beginn der Pandemie bemerkten, dass vor allem Altenheime betroffen sind, haben wir nach den schlimmen Fällen mit vielen Toten in Würzburg oder Ochsenfurt gehofft, dass mit einem äußerst genauen Hygienekonzept der Kelch vielleicht an uns vorübergeht. Aber auch mit höchsten Sicherheitsvorkehrungen kann man nicht verhindern, dass der Virus reinkommt.

Was haben Sie gemacht, beziehungsweise was hat nicht genügt?

Wir konnten einige Faktoren ausschließen, die es dem Virus leicht gemacht haben: Alles, was ein Leben in einem Altenheim ausmacht, wurde heruntergefahren - Feste, Mitarbeiterausflüge, zum Schluss sogar ungetestete Besucher, es wurde alles reduziert, um die Gefahr zu minimieren. Unsere Mitarbeiter arbeiten nur mit FFP 2-Masken. Hundertprozentige Sicherheit konnten wir nicht herstellen. Beispiel Weihnachten: Wir sind kein Gefängnis, wir dürfen die Einrichtungen nicht abriegeln.

Hätten Sie das gern getan?

Da schlagen zwei Seelen in meiner Brust. Unsere Betreuten brauchen in dieser Lebensphase ein Höchstmaß an Sozialkontakten. Doch ich sehe auch deren teilweise fragile Gesundheit. Und einiges können wir nicht steuern. Wenn sich ein Bewohner entscheidet, das Heim zu verlassen, um einen Angehörigen zu treffen, dann kann ich nur hoffen, dass er sich "draußen" an die AHA-Regeln hält. Doch wir haben mehr als einmal gesehen, dass um die Ecke die Masken abgenommen werden.

Wie wäre es mit Schnelltests alle zwei Tage für die Bewohner?

Die regelmäßige Testung der Bewohner ist nicht vorgesehen. Im Einzelfall bzw. bei Verdacht wurde das natürlich schon gemacht.

Das klingt jetzt sehr nach Amtsdeutsch und leuchtet mir nicht ein. Denn je schneller erkannt wird, wer infiziert ist, desto eher lassen sich die anderen Bewohner schützen.

Ich erkläre gerne die politische Lage. Anfang November kamen die Schnelltests auf. In der bayerischen Testverordnung stand, dass wir Besucher, Bewohner und Mitarbeiter testen können. Können!

...also auf freiwilliger Basis?

...ja. Aber: Der Gesetzgeber hat nicht beantwortet, wer das auf die Beine stellt, finanziert und umsetzt.

Aber das Bundesgesundheitsministerium verkündet derzeit, dass die Tests erstattet werden.

Ja, jetzt. Damals nicht. Über den Rettungsschirm wird das re-finanziert. Doch die spannende Frage war und ist: Wer macht's? Wir haben eine Risikoabwägung angestellt und kamen zu Ergebnis, dass die meiste Gefahr von unseren Mitarbeitern ausgeht. Wir haben über 500 Mitarbeiter. Für die stellten wir ein Dreier-Team auf, das geschult wurde. Die drei wurden freigestellt und begannen, zweimal im Monat alle Mitarbeiter über Schnelltests zu testen.

Doch es kam anders, Ministerpräsident Markus Söder grätschte in Ihren Plan.

Ja. Kurz vor dem Lockdown hat die Staatsregierung angeordnet, dass die Heime zweimal wöchentlich die Mitarbeiter testen müssen. Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie viel Arbeit da vor uns lag - aber wir haben es trotzdem hingekriegt: Das Test-Team ging in die kleineren Häuser bis 40 Betten, in den großen Einrichtungen wie das St. Elisabeth oder das Juliusspital in Münnerstadt wurden zusätzliche Mitarbeiter geschult, die Abstriche zu machen. Ein Riesenaufwand, ich bin sehr stolz auf die Mitarbeiter.

Aber warum werden die Bewohner nicht ebenfalls getestet?

Wir schaffen es gerade so, die Mitarbeiter abzustreifen. Es ist utopisch, noch mehr zu machen. Und durch Söders andere Verordnung dürfen ja aktuell nur Besucher in die Heime, die einen negativen Schnelltest vorweisen können. Außerdem sind die Tests (nasal oder oral) für die Bewohner, die oft nicht verstehen was um sie vorgeht, sehr belastend und unangenehm.

Hätten mit mehr Tests mehr Menschen gerettet werden können oder gesund bleiben können?

Schwer zu sagen. Ich möchte aber niemandem Schuld zuweisen. Hinterher kann man sich immer ein Urteil bilden, was besser gelaufen wäre. Ich ärgere mich beispielsweise manchmal über die schnelle Gesetzgebung, aber ich sehe auch das Bemühen auf allen Ebenen. Wir müssen Fragen beantworten, die sich noch nie vorher in unserem Leben gestellt haben - völlig ohne Erfahrung, eine Blaupause gibt es nicht. Klar wäre es toll gewesen, wenn wir den Impfstoff vier Wochen vorher erhalten hätten, ich habe dafür gebetet.

Dennoch wirft die Wucht und die Schnelligkeit, mit der der Virus so viele in St. Elisabeth infizieren konnte, Fragen auf. Wie konnte das unentdeckt bleiben, Covid-19 hat ja auch einen gewissen Vorlauf?

Es begann Mitte Dezember mit vier positiven Mitarbeitern, die aber keinen Kontakt zu den Bewohnern hatten und ausschließlich in der Verwaltung arbeiteten. Nachdem bei einem der routinemäßigen CoV-Antigen-Schnelltest bei den Mitarbeitern des Seniorenzentrums am Montag, 21.12.2020 ein Mitarbeiter positiv getestet wurde, wurden zunächst alle 34 Bewohner des Wohnbereichs 1 mit den CoV-Antigen-Schnelltests getestet. Ergebnis war, dass sieben Bewohner dieses Wohnbereichs positiv getestet wurden. Daraufhin wurden am nächsten Tag beim Labor L&S in Großenbrach PCR-Tests geholt, mit denen dann alle Mitarbeiter und alle Bewohner getestet wurden. Das Ergebnis bekamen wir am 23.12.2020. Da hatten wir plötzlich 47 erkrankte Bewohner und fünf Mitarbeiter. Das Ergebnis bestätigte sich im zweiten PCR-Test, der am 24. Dezember gemacht wurde.

Wie kann das denn sein?

Ich kann es nur vermuten: Vielleicht war die Viruslast um den 21. Dezember herum noch nicht so stark, sodass der Schnelltest nicht anschlug. Außerdem kann sich der Virus gerade in einem Pflegeheim, in dem Bewohner keine Masken tragen und nicht auf Abstände zu anderen Bewohnern achten, sehr schnell ausbreiten. Wie auch immer, wir waren schockiert. Und natürlich begann sofort die Maschinerie: Positive wurden räumlich von Negativen getrennt, sie haben jetzt eigene Kreisläufe bei Essen, Pflege, Reinigung, Wäsche. Wir haben das gut auch mit externer Unterstützung hinbekommen.

Wie ist die Stimmung?

Sehr bedrückend, weil die Menschen in ihren Zimmern bleiben müssen. Und es sind Menschen darunter, die das nicht verstehen. Aber es geht nicht anders. Wir kämpfen um jede Seele, bzw. um jeden, der noch negativ ist

Haben Sie Sorgen um die anderen Heime, nicht nur in Münnerstadt?

Dieses Damoklesschwert schwebt ständig über mir. Es ist die größte Angst, dass es ein weiteres Haus trifft.

Wurden in den anderen Häusern wie dem Juliusspital nach den aktuellen Erfahrungen die Bewohner getestet?

Nein, nur die Mitarbeiter. Es sei denn, Bewohner haben Symptome.

Dann sind Sie dort in der gleichen Situation wie das St. Elisabeth Mitte Dezember.

Wir haben einfach nicht die Kapazität, alle abzustreichen. Ich habe seit November über 12 000 Schnelltests geordert, dafür bis heute 80 000 Euro gezahlt, drei Mitarbeiter abgestellt. Ja, das Geld bekommen wir wieder, aber wir müssen in Vorleistung gehen.

Macht Sie das wütend, es einfach nicht zu schaffen, die Bewohner regelmäßig zu testen?

Wütend wäre zu viel - aber wer soll es machen?

Die Bundeswehr?

Das wäre eine Idee. Wir sind am Limit.