Sie kommt leise auf die Bühne, als wolle sie nicht stören, legt ihre Tasche auf den Stehtisch, setzt sich auf ihren Hochstuhl, stöpselt ihre Gitarre ein, und dann wartet sie ruhig, bis der Beifall etwas abflaut. "Griast's eich! Schee, dass ihr da seid's! I bin a froh, dass i da bin!" ruft sie ins Publikum. Und dann singt Martina Schwarzmann von einem widerwärtigen Tag voller Pannen und von einer nervigen Fahrt: "Aber des is mir wurscht, denn jetzt bin i da." Und die letzte Strophe endet mit einem entwaffnenden "... und jetzt spui i fir eich." Damit ist sie mitten im Publikum angekommen.

Martina Schwarzmann ist eine verdammt gute Entertainerin. Das war ihr bestimmt nicht in die Wiege gelegt, als sie vor 39 Jahren in eine Landwirtschaft in dem oberbayerischen Dorf Überacker (was für ein Name, vor allem für Psychologen!) geboren wurde. Da hieß die Zukunft genauso wie die Vergangenheit: Bauernhof.

Damals hießen Menschen wie sie "Bildungsreserve vom Land". Sie hätte in - fast - allen Berufen reüssieren können. Sie galt schon mit fünf Jahren als schlagfertig, aber Konsequenzen hatte das nicht. Nach der Grund- und Hauptschule wurde sie Köchin und arbeitete auch mehrere Jahre in dem Beruf. Ein Märchenprinz kam da nie vorbei, sie musste sich selber entdecken. Geschrieben hat sie ja schon immer gerne, nur Gitarre spielen musste sie noch lernen - und die Skepsis der Freunde überwinden. 2000 hatte sie ihre ersten schüchternen Auftritte in mutigen Kleinkunstbühnen. Wie es weiterging, ist bekannt. Heute, nach - oder vielleicht trotz - einer Heirat und drei Kindern, füllt sie jeden Saal.

Dabei ist sie ihrem Milieu treu geblieben, denn sie heiratete einen Landwirt, und sie packt auch immer mit an, wenn sie zu Hause ist. Aber vielleicht ist gerade das ein Schlüssel zum Geheimnis ihres Erfolges: Ihre Fantasie hat nie die Bodenhaftung verloren. Sie verliert sich nicht im unverbindlichen Gelabere der Comedians rund um die Gürtellinie, sondern sie nimmt ihre Themen aus ihren subjektiven Erfahrungen und ihrer unmittelbaren Umgebung - die auf den ersten Blick so gar nichts Kabarettistisches hat: Der Kampf gegen die drei minderjährigen Mitbewohner - Kinder darf sie nicht sagen, das haben die ihr verboten - und den Mann, obwohl der der beste aller Ehemänner ist. Gegen die Unordnung im Haus, den sie längst aufgegeben und zum Experiment erklärt hat: Bei den Schwarzmanns sieht über dem Sofa offenbar aus wie bei Hempels darunter. Gegen das männliche Rollenverständnis von der Frau ("Zum Fensterputzn braucht ma koan Busn") und von der guten Mutter. Dass sie zu ihren drei minderjährigen Mitbewohnern "oiwei so grob" ist, erklärt sie ihnen geradezu entwaffnend: "Ihr soits es später amoi besser ham ois wia jetzt."

Oder sie steigt hinab in die Niederungen des Dorftratsches, um ihn die die Regionen der zeitlosen tieferen Bedeutung zu heben. Wie in ihrem Lied vom "Weiberstammtisch", eigentlich einer Notgemeinschaft der Ehefrauen des Männerstammtischs. Sie ist da "eher so neigraten", aber jetzt muss sie immer hin, denn sie will ja wissen, wie es weiter geht in den kriselnden Ehen. Und sie traut sich nicht mehr, früher zu gehen, "sonst reden die nur über mich". Und das kann gefährlich werden - wie für die übergewichtige Rosi, die sich gerne zu enge Jeans kauft und dann von ihren Stammtischschwestern für ihre tolle Figur gelobt wird. Aber wenn sie "am Klo" ist, heißt es hinter ihrem Rücken: "Wenn die an Kartoffisalat unter die Arme klemmt, kannt's im Fasching glatt ois Rollbratn gehn." Ein umwerfend geschmakloses Bild, das einem genüsslich auf der Zunge zergeht. Das ist eine Niedertracht, die man gerne selber tragen tät, wenn man sich trauen würde.

Das ist der Trick der Martina Schwarzmann: Da sitzt ein liebes, nettes Bauernmadel (freilich schon volljährig) auf seinem Hochstuhl und klampft vor sich hin. Und jedes zweite Wort aus ihrem Mund ist eine Hinterfotzigkeit. Das schafft eine enorme Publikumsbindung, denn man will ja nichts verpassen.

Dabei schont sie sich selbst am allerwenigsten. Auch sie trinkt von dem Kakao, durch den sie sich und andere zieht. Und sie ist eine messerscharfe Beobachterin des Details: "Bumsen hat man in den 70er Jahren gesagt." Wenn heute einer fragt: "Magst bumsen?", dann "woaßt gleich, dass der fui z'oid fir di is." Sie ist halt eine Schnelldenkerin, die immer wieder überraschend um die Ecke biegt.

Der andere Trick: Sie verzichtet auf Politiker, auf billige Lacherfolge schon bei der Nennung eines Namens - nicht einmal Seehofer. Aber Politik schwingt trotzdem mit: Wenn sie in ihrem Lied über die Toleranz von den "Preißn" singt und die am Ende ganz in Ordnung findet, dann tut sie das so, dass man die Asylbewerber mitdenkt. Ist ja auch richtig, denn die Preißn, die nach Bayern kamen, waren ja auch nichts anderes.

Sogar einen Praktikanten hatte Martina Schwarzmann dabei, "oiso wia a Keks zum Cappucciono, den koaner bstellt hat und den trotzdem jeder isst": Ihren Kollegen Stefan Kröll. Die jungen Leute hätten zwar Auftrittsmöglichkeiten, aber oft fehle ihnen noch das Publikum: "Dem leih ich ganz einfach mein Publikum. I sing deshoib trotzdem net kürzer."

So ganz jung ist Stefan Kröll, der gelernte Schreinermeister mit seinen 48 Jahren freilich nicht mehr. Aber er nutzte mit einem kurzen Trailer aus seinem Programm "Gruam" - Bayern von unten", um gleich eine ziemlich gute Werbung für seinen eigenen Auftritt im Dezember in der Werntalhalle in Poppenhausen zu machen.

Was Martina Schwarzmann mal wieder geboten hat, war ein Kabarettabend der Nachhaltigkeit, weil man in so vielem sich selbst erkannt hat. Nur in einem hat sie glatt gelogen: "I bin so mittel" sang sie zum Schluss. Welch ein koketter Irrtum: Sie war genauso wie ihr Programm: "Genau richtig!"