Vor ein paar Wochen wandte sich das Ehepaar Wilk verzweifelt an die Öffentlichkeit. Die Ehrenamtlichen forderten dringend eine Vollzeitstelle für die Flüchtlingsunterkunft in Volkers. Wie ist die Lage in anderen Unterkünften im Landkreis?

Wie ein Vollzeitjob

"Alles ist am Anschlag." Diese Haltung vertreten mehrere Menschen im Landkreis, die in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit hauptamtlich und ehrenamtlich aktiv sind. Manche Ehrenamtliche schultern sogar so viel Arbeit, dass sie mit dem Umfang einer hauptberuflichen Vollzeitstelle verglichen werden kann.

Es sind Menschen, die sich seit der Flüchtlingskrise 2015 immer noch engagieren oder vor ein paar Jahren dazu gekommen sind. Menschen wie das Ehepaar Wilk aus Volkers, Gesine von Postel aus Hammelburg oder Maria Wahler aus Ebenhausen. Es sind zu viele Namen, um sie hier alle zu nennen, aber zu wenig Menschen, um die Aufgabe zu schultern, die die Politik sie tragen lässt. Denn wer hier nicht irgendwann auch mal "Nein" sagt, bricht unter der Masse der Aufgaben zusammen.

Anmeldung im Kindergarten

Flüchtlingsunterkunft Oerlenbach-Ebenhausen: Wird ein Baby geboren oder kommen neue Kinder in die Unterkunft gibt Maria Wahler im Kindergarten und in der Gemeinde "sofort Bescheid". Als Ehrenamtliche kümmert sie sich darum, - nicht nur, aber auch - dass Kinder beim Kindergarten oder in der Schule angemeldet werden. Die Zusammenarbeit mit den Kindergärten und der Schule funktioniere sehr gut, sagt sie.

Aber ursprünglich war es so nicht gedacht. "2015 dachte ich, dass man mal einen Kaffee oder Tee zusammen trinkt und gemeinsam etwas unternimmt." Als 2015 Flüchtlinge nach Ebenhausen kamen, habe es geheißen, die Ehrenamtlichen brauchten sich um solche Verwaltungsangelegenheiten nicht kümmern, dafür sei offiziell jemand da. "Inzwischen ist die Realität eine ganz andere. Niemand ist da, der sich kümmern würde."

Wahler sagt das ohne Vorwurf. Wenn Hausmeister krank seien, seien sie krank. Die Frau von der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas täte ihr Bestes, sei aber nur alle 14 Tage da. Sie muss sich auch um die Flüchtlingsunterkunft in Münnerstadt kümmern. "Keiner kann mehr arbeiten, als er arbeiten kann."

Innenministerium wäre zuständig

Kritisch äußert sie sich in Richtung der Regierung von Unterfranken - die jedoch verweist auf das Innenministerium. Die Politik verlasse sich darauf, "dass das von Ehrenamtlichen aufgefangen wird", findet Wahler.

Anfrage bei der Regierung von Unterfranken: Wer kümmert sich in den jeweiligen Unterkünften um die Kindergartenplätze? Dies sei Aufgabe der Flüchtlings- und Integrationsberatung; die Unterkunftsverwaltung unterstütze ebenfalls. Gleiches gelte für den Schulbesuch, heißt es von dort.

In Hammelburg läuft es ähnlich

Ortswechsel: Gesine von Postel kommt gerade aus der Flüchtlingsunterkunft in Hammelburg. "Integration wird fast ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen", sagt sie. Wo Ehrenamtliche aktiv seien, funktioniere Integration. Dort wo es keine gebe, finde sie nur sehr schlecht statt. Ein neuer Kindergartenplatz muss her? Die Einschulung steht an? "Da kümmere ich mich drum."

Zum Ehrenamt gehöre für sie auch der Umgang mit medizinischen Bedürfnissen der Flüchtlingen, angefangen vom kaputten Rollstuhl bis hin zu psychiatrischen Fällen. "Von der Regierung von Unterfranken werde ich gar nicht unterstützt. Null, niente, gar nichts." Dort teilt Pressesprecher

Johannes Hardenacke von der Regierung von Unterfranken mit: Die Regierung von Unterfranken sei für die Unterbringung zuständig. Ehrenamtliches Engagement werde begrüßt und im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt. "Selbstverständlich pflegen die Unterkunftsverwalter vor Ort den Kontakt zu den Ehrenamtlichen."

Die Entscheidung über Umfang und Förderung ausgebildeter Fachkräfte liege nicht in der Zuständigkeit der Regierung von Unterfranken, sondern bei der Regierung von Mittelfranken beziehungsweise beim Bayerischen Innenministerium.

Kommentar: Das muss sich ändern

von Charlotte Wittnebel-Schmitz

Im Landkreis Bad Kissingen leben laut der Regierung von Unterfranken derzeit 117 Kinder und Jugendliche in Flüchtlingsheimen (in Bad Brückenau 26, in Münnerstadt 28, in Oerlenbach-Ebenhausen 13, in Bad Kissingen 23, in Hammelburg 17 und in Reiterswiesen 10. In Bad Bocklet leben derzeit keine Minderjährigen in der Unterkunft). Ihre Eltern und sie kämpfen oft mit riesigen sprachlichen Barrieren, kulturellen Hürden, mit der deutschen Bürokratie, traumatischen Erlebnissen und körperlichen Beschwerden. Derzeit werden sie damit zu oft allein gelassen.

Als Angela Merkel 2015 in der Flüchtlingskrise sagte "wir schaffen das", da wurden von der Politik Fördermittel bereitgestellt. Mittlerweile sind viele dieser Gelder still und leise wieder eingespart und Stellen in der Integrationsarbeit massiv gestrichen worden. Die harte Linie, für die Bayern in der Asylpolitik steht, macht sich an den Einsparungen bemerkbar.

Ja, die Gesellschaft schafft es, Flüchtlingen ein schützendes Dach in einer Unterkunft zu vermitteln und ihnen Geld für den Alltag zu stellen. Aber die Gesellschaft "schafft" es auch, sie jahrelang in Asylverfahren zu halten und sie mit allen weiteren Problemen allein zu lassen. Diese gesellschaftliche Herausforderung ist zu viel für die Schultern von Ehrenamtlichen.