Den Aspekt der Kammermusik vertritt bei den Jüdischen Kulturtagen in diesem Jahr unter anderem das Klaviertrio Würzburg. Am Sonntag, 2. April, spielen um 19.30 Uhr im Rossini-Saal Katharina Cording (Violine), Peer-Christoph Pulc (Violoncello) und Karla-Maria Cording (Klavier) ein interessantes Programm mit Werken von Schostakowitsch, Weinberg und Mendelssohn-Bartholdy. Über die Aspekte ihrer Programmauswahl, insbesondere über Mieczyslaw Weinberg, haben sie sich im Vorfeld geäußert.

Sie gastieren nicht das erste Mal bei den Jüdischen Kulturtagen in Bad Kissingen Wie bewerten Sie die Veranstaltungsreihe?
Katharina Cording: Es ist eine der schönsten und erquicklichsten Tugende n von uns Menschen, sich offene Augen, Ohren und Herzen für scheinbar Fremdes zu bewahren. Das ist leider so schwer. Aber in gewisser Weise macht es uns die Kunst leichter, Banalität und Stumpfheit immer wieder zu entkommen, stattdessen Faszination, tiefes Empfinden und Dankbarkeit für das Leben zu erlangen. Die J üdischen Kulturtage halten nicht nur die Erinnerung an die Shoa aufrecht, sondern wollen zeigen, dass die jüdische Kultur selbstverständlich und bereichernd in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, und da gibt es so wunderbare Facetten zu entdecken!

Sie haben ein Programm zusammengestellt, das aufhorchen lässt. Die Klaviertrios op. 67 von Schostakowitsch und op. 66 von Mendelssohn-Bartholdy kennen die Kissinger bereits vom Kissinger Sommer. Das Trio des Polen Mieczyslaw Weinberg ist eine Premiere. Was veranlasste Sie zu dieser Auswahl?
Karla-Maria Cording: Ja, das ist wirklich ein Glück, dass das Kissinger Publikum so gebildet ist und man die Klaviertrios von Schostakowitsch und Mendelssohn als bekannt voraussetzen kann! Sonderbar genug, dass ein Musikstück niemals gleich klingt, man kann es einfach nicht packen. Man wird aber als Hörer belohnt, wenn man die gleiche Musik öfter hört. Die Biografien von Schostakowitsch und Weinberg sind eng miteinander verbunden - Schostakowitsch hat den aus Warschau flüchtenden Weinberg nach Moskau geholt, ihn nach Kräften unterstützt. Die beiden Klaviertrios, fast zeitgleich entstanden, weisen viele Parallelen auf. Es ist jedoch nicht so, dass einer den anderen kopiert hätte! Kennt man das Trio von Schostakowitsch, wird einen der Weinberg gefangen nehmen!

Was ist für Sie das Besondere an Weinbergs Musik? Wo sehen Sie ihn stilistisch?
Peer-Christoph Pulc: Weinbergs Musik ist, ganz allgemein gesprochen, zunächst Kompositionskunst in höchster Vollendung. Er ist natürlich vom 13 Jahre älteren Schostakowitsch beeinflusst und geprägt, aber seine Musik klingt nach einer eigenen Sprache. Leider war seine Begabung dazu bestimmt, das Grauen des Krieges und der Vernichtung in Tönen festzuhalten, aber er hat das auf so anrührende und aufwühlende Weise getan, dass man ihn immer wieder spielen und hören möchte.
Woher kommt es Ihrer Meinung nach, dass Weinbergs Musik in den 1950er Jahren in Vergessenheit geriet und fast 60 Jahre brauchte, um wieder entdeckt und dann - beispielsweise in Bregenz - umso vehementer gefeiert zu werden. An der Qualität lag es ja wohl nicht. Wurde der nach Moskau Geflüchtete Opfer einer Verdrängung durch das kollektive schlechte Gewissen oder des Umstandes, dass der Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschen Musikbetrieb wesentlich länger anhielt als in der Literatur oder Bildenden Kunst?
Karla-Maria Cording: Weinberg ist in Moskau nie wirklich heimisch geworden. Er war als Künstler nicht willens, sich Stalins Ideologie zu unterwerfen und litt unter dem sowjetischen Antisemitismus. Als er unter einem falschen Vorwand inhaftiert wurde, war es Schostakowitsch gewesen, der den Geheimdienst dazu brachte, ihn wieder freizulassen.

Bei jüdischen Komponisten nicht nur des 20. Jahrhunderts wird - im Gegensatz zu Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften - immer sehr betont auf ihre Glaubensausrichtung hingewiesen. Warum eigentlich? Woran kann ein Hörer, der nichts über Weinbergs Geschichte und Hintergrund weiß, in dem Klaviertrio erkennen, dass da jüdische Musik gespielt wird? Gibt es die jenseits der Folklore?
Peer-Christoph Pulc: Der Hörer muss das gar nicht unbedingt erkennen! Es hat sich in Deutschland so eingebürgert, auf die jüdische Abstammung eines Komponisten eigens hinzuweisen. Das müsste nicht sein, aber es gab eben leider auch Zeiten, in denen Komponisten jüdischer Abstammung nicht gespielt werden durften. Auf der anderen Seite ist es so, dass Religion und Musik bei den Juden traditionsgemäß und selbstverständlich eng miteinander verbunden sind.

Was verpasst der, der am Sonntagabend Mieczyslaw Weinbergs Klaviertrio op. 24 nicht hört - abgesehen davon, dass er auch sonst viel verpasst?
Katharina Cording: Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Musik in einem Konzert viel unmittelbarer erlebt, intensiver empfunden und nachhaltiger aufgenommen werden kann als vom Tonträger. Deshalb unsere Empfehlung, der Schönheit der Musik zuliebe: Lassen Sie sich dieses Live-Erlebnis nicht entgehen und besuchen Sie das Konzert! Das Gespräch führte Thomas Ahnert.