Die Marktgemeinde Bad Bocklet wird sich mit einem von einem heimischen Künstler gestalteten Koffer an der Ausstellung "Denkort Deportationen" vor dem Würzburger Hauptbahnhof beteiligen. Damit soll an die 1942 aus Steinach über Würzburg in die Konzentrationslager Izbica und Theresienstadt deportierten sechs jüdischen Mitbürger gedacht werden. Ein identisches Zwillingsstück soll am Standort der ehemaligen Steinacher Synagoge aufgestellt werden. So lautet der einstimmige Beschluss des Bad Bockleter Gemeinderats nach einer ausführlichen Projektvorstellung und kurzer Beratung.

Seit 2009 arbeitete eine Würzburger Projektgruppe daran, entlang der Deportationsstrecke vom Platz'schen Garten, der Würzburger Sammelstelle aller zu deportierenden Juden aus Unterfranken, bis zum Güterbahnhof an der Aumühle, dem Startpunkt der sechs von insgesamt sieben Zügen aus Würzburg, mit denen 2069 Juden in verschiedene Konzentrationslager deportiert wurden, einen "Weg der Erinnerung" zu schaffen. Nach mehrjähriger Planung entschied die Stadt Würzburg, aus bautechnischen Gründen nicht am Güterbahnhof Aumühle, wie von den Organisatoren eigentlich gewünscht, sondern auf dem nach der Bahnhofssanierung neu gestalteten Vorplatz den zusätzlich geplanten Denkort Deportationen anzulegen, auf dem symbolisch jeweils ein künstlerisch gestaltetes Gepäckstück - ein Koffer, ein Rucksack oder eine Deckenrolle - aus jedem Ort der 109 ehemals jüdischen Kultusgemeinden aufgestellt werden soll. Ein identisches Zwillingsstück soll in der jeweiligen Heimatgemeinde an die deportierten Mitbewohner erinnern.

"Es fehlen also noch 30 Gepäckstücke"

Der zwischen dem Bahnhofsgebäude und der Straßenbahnhaltestelle auf dem Vorplatz eingerichtete Denkort Deportationen wurde am 17. Juni vorigen Jahres im Beisein zahlreicher Honoratioren mit 47 Gepäckstücken eingeweiht und fand internationales Presse-Echo. Am 24. September dieses Jahres folgte ein zweiter Abschnitt mit 32 kunstvoll gestalteten Gepäckstücken. "Es fehlen also noch 30 Gepäckstücke", schlossen Christine Hofstetter und Michael Stolz vom verantwortlichen Würzburger Verein ihre ausführliche und mit einigen historischen Fotos angereicherte Präsentation vor dem Gemeinderat in der Hoffnung auf eine Teilnahme der Marktgemeinde. Denn auch aus Steinach wurden die 1942 noch verbliebenen sechs jüdischen Einwohner über den Würzburger Bahnhof deportiert.

Vorschlag schnell angenommen

"Das Thema beschäftigt uns schon lange, aber dann kam Corona und mein Krankheitsausfall dazwischen", entschuldigte sich Bürgermeister Andreas Sandwall (CSU) beim Ratsgremium und den beiden Vertretern des Würzburger Vereins für die ungewollte Verzögerung einer Bad Bockleter Entscheidung über die mögliche Mitwirkung am Projekt. "Erinnerung ist das Beste, um die Vergangenheit aufzuarbeiten", eröffnete er die anschließende Beratungsrunde. "Die Gemeinderäte sind verantwortlich, die Deportationen jüdischer Mitbürger und den Holocaust in Erinnerung zu halten." Mit der ergänzenden Bemerkung, man habe seitens der Verwaltung schon mit heimischen Künstlern Kontakt aufgenommen, deutete er seine Empfehlung zur Teilnahme am Projekt an und nannte auch gleich den ehemaligen Standort der Synagoge in Steinach oder das noch zu bauende Dorfgemeinschaftshaus als möglichen Aufstellungsort für das Zwillingsgepäckstück, das als Gegenstück des Würzburger Ausstellungsstücks in der Gemeinde verbleiben soll.

Ohne lange zu beraten, folgte der Gemeinderat diesem Vorschlag und legte sich gleich auf den Standort der früheren Synagoge für das örtliche Gepäckstück fest, auf dem heute die Grundschule steht, in deren Keller noch die Mikwe der Synagoge erhalten ist. Außerdem entschied sich das Ratsgremium für einen Koffer als Ausstellungsstück.

Jüdische Geschichte in Steinach

Bis in die späten 1930er Jahre existierte die Israelitische Kultusgemeinde Steinach, deren Ursprung bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückreicht. Ausschreitungen in der Pogromnacht vom 9. November 1938 gab es in Steinach nicht, da die örtlichen Nationalsozialisten den Zorn der Bevölkerung fürchteten, denn etwa ein Drittel der Einwohnerschaft waren Juden. Erst in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938 zerstörten Nazis aus umliegenden Ortschaften das Inventar der Steinacher Synagoge und jüdischen Privatbesitz. Das Gebetshaus blieb erhalten, da dort die Gemeindeverwaltung einziehen sollte. Wertvolle Kultgegenstände waren von der Kultusgemeinde bereits Ende 1936 dem Verband der Israelitischen Gemeinden in München zur Aufbewahrung übergeben worden. Bis 1941 hatten 31 jüdische Einwohner Steinach verlassen: Acht waren in andere Orte verzogen, 23 waren ins Ausland emigriert. Im Februar 1942 lebten noch sechs jüdische Personen im Ort. Vier wurden im April ins Durchgangslager Izbica, zwei ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Da es nach Kriegsende keine jüdische Glaubensgemeinschaft mehr gab, kaufte die Gemeinde Anfang 1952 die Synagoge, brach sie im September ab und errichtete dort die heutige Grundschule. Die Mikwe, das Reinigungsbad gläubiger Juden, ist noch im Keller des Schulhauses vorhanden. (Quellen: Wikipedia und Alemannia Judaica)

Weitere Informationen zum Projekt gibt es im Internet.