Nicht im weißen Arztkittel, sondern in der blauen Handwerkerschürze empfängt Jascha Hellberg den Besucher. Er steht auch nicht an der Behandlungsliege in den Praxisräumen, sondern einen Stock höher an der Werkbank in der Werkstatt. Dort baut er gerade unter anderem ein Cello für seinen Vater.

Es soll ein Faksimile eines Cellos von Andrea Guarneri werden, erklärt Hellberg. Vor einigen Jahren leitete er die Restauration eines solchen Instruments aus dem späten 17. Jahrhundert. Bilder dokumentieren die Behandlung des von Würmern angefressenen Klangkörpers. Es war eine Art Notoperation, um zu retten, was zu retten war.
Die Arbeit des Geigenbauers unterscheidet sich für Hellberg nicht sehr von der des Arztes. Und beide Berufe gehören für ihn untrennbar zu seinem Leben. "In beiden Berufen spielt Vertrauen eine große Rolle", sagt Hellberg. Der Musiker müsse darauf vertrauen, dass der Geigenbauer sein Instrument wieder gesund mache. "Es ist wie bei Eltern, die ein krankes Kind haben. Es erfordert ein ähnliches Maß an Empathie."

Zwischen Instrumentenbau und Medizin pendelte Hellberg schon während seines Studiums. "Deshalb hat es bei mir etwas länger gedauert", merkt der 39-Jährige an. Nach der Lehrzeit bei Betrieben in Bad Mergentheim, Bubenreuth und Cremona (Italien) absolvierte er im Jahr 2003 die Prüfung zum Geigenbauer. Danach folgte im Jahr 2005 der Abschluss des Medizinstudiums.


Sprechstunde für Musiker

"Nach dem Medizinstudium habe ich erst einmal als Geigenbauer gearbeitet", berichtet Hellberg. Da war er mit der Restauration des Cellos beschäftigt. Später, als Arzt, richtete er sich zu seiner Praxis eine Werkstatt ein. So auch jetzt in Hammelburg, wo er sich vor zwei Jahren niederließ. Die Ausstattung ist selbst gebaut, sagt Hellberg.

Er möchte nun zusätzlich zu seinen Sprechstunden und zum Dienst als Notarzt Musikern seinen Reparatur-Service anbieten. Demnächst kommt ein neues Schild an den Hauseingang am Marktplatz. Hellberg nennt sich ab dann "Der Geigendoktor". Er erklärt: "Das ist augenzwinkernd gemeint. Wenn der Spieler krank und die Geige verstimmt ist, kann ich beiden Helfen." Anmeldungen für die Instrumenten-Werkstatt sind über die Praxis möglich. "Meine Damen wissen Bescheid."

Die Aufgabe des Geigenbauers ist ähnlich wissensintensiv wie die des Mediziners. Er lese viel Fachliteratur und beschäftige sich mit Materialkunde, sagt Hellberg. Sein ganzes handwerkliches Können will er bei der Fertigung zweier Geigen beweisen. Das ist sein Projekt für die kommenden ein, zwei Jahre. Er brauche die handwerkliche Arbeit und das Erlebnis, etwas selber zu schaffen, meint Hellberg. Das habe schon früh angefangen - mit Modellbau. Und ohne Musik könne er auch nicht leben. Sein Vater, ebenfalls Arzt und Laienmusiker, habe ihn "mit dem Virus infiziert". Hellberg spielt Geige und Bratsche.

Mit sechs Jahren fing er an ein Streichinstrument zu erlernen. So gibt er dem Besucher zum Abschluss der Werkstattbesichtigung eine kurze musikalische Kostprobe - auf der für die Abschlussprüfung selbst gebauten Geige.