Wie Tragfähig sind alte Brücken? Halten sie womöglich länger durch, als bisher gedacht? Die alte Saalebrücke soll diese Fragen beantworten und bedeutende Erkenntnisse für das Bauingenieurwesen liefern.

"Hat das was mit dem Abriss zu tun", wollen Passanten immer wieder wissen, die von der neuen Saalebrücke aus das Geschehen auf der alten Saalebrücke beobachten. Ein riesiger Stahlträger, der auf dem ausgedienten Bauwerk in zwei mit Ketten verspannten Stützen steckt, zieht neugierige Blicke auf sich.

Der etwa 32 Meter lange, 1,80 Meter hohe und 40 Tonnen schwere Träger hat tatsächlich nichts mit dem bevorstehenden Abriss zu tun. Er soll Ingenieuren dabei helfen, Daten über den Zustand alter Brücken - Baujahr vor 1966 - zu gewinnen. Das braune Stahlelement gehört zu einem Versuchsaufbau der Technische Universität München (TUM) - genauer: des Materialprüfungsamts für das Bauwesen, das unter anderem vom Lehrstuhl für Massivbau der TUM geleitet wird.

Die Experten wollen "einem Widerspruch zwischen Theorie und Praxis auf den Grund gehen", wie die Universität in einer Mitteilung schreibt. "Brücken, die vor 1966 gebaut wurden, haben so gut wie keine vertikale Bewehrung, um die Querkräfte aufzunehmen", zitiert die TUM Professor Oliver Fischer vom Lehrstuhl für Massivbau.

Nach aktuellen Normen haben diese Bauwerke insbesondere angesichts der heutigen Verkehrsbelastung Defizite in der Tragfähigkeit. "Es gibt viele Brücken mit einem errechneten Defizit, aber man sieht an den Bauwerken keine Schäden, die dies bestätigen."

Also müssen die Ingenieure ihre theoretischen Modelle verfeinern, um sie noch passgenauer der Realität zuzuschneiden. Die alte Saalebrücke gibt ihnen die Gelegenheit, in natura und nicht nur im Labor im kleinen Maßstab Daten über das Materialverhalten bei Belastung zu sammeln. Die alte Saalebrücke ist gut zugänglich und sowieso reif für den Abriss.

Der 40-Tonnen-Träger verursacht Querkräfte. Damit werden Belastungen bezeichnet, die senkrecht zur Längsachse der Brücke wirken. Sie zu berechnen ist gar nicht so einfach, wie Sebastian Gehrlein erklärt. Es gebe verschiedene Theorien, wie die Querkräfte wirken und sich ausbreiten. Das Problem ist das Materialgemisch bei einem Brückenbauwerk: Stahl und Beton. "Hätten wir es nur mit Stahl zu tun, wäre die Berechnung viel einfacher", sagt Gehrlein.

Er gehört zu den wissenschaftlichen Mitarbeitern der TUM, die beim Aufbau und den Versuchen in Hammelburg mithelfen. Auch wenn der Träger schon steht, sind die Vorbereitungen noch nicht fertig. Die Versuchs- und Messtechnik muss noch aufgebaut werden. Ein Presssystem wird die Belastung, die der Träger erzeugt, noch steigern können.

Die Brücke wird längs durchgeschnitten. Gehrlein erklärt den Grund: "Wir testen nur den mittleren Träger." Damit die Brückenteile nicht wegkippen werden sie von unten abgestützt. Die Tests finden im Bereich der Pfeiler statt, an fünf der sieben Brückenfelder. Dazu kann der Träger verschoben werden. Die Versuche werden bis August etwa im zweiwöchigen Rhythmus laufen.