Rund 100 Besucher kamen am Mittwoch auf dem Seelhausplatz zusammen, um den Opfern der "Reichs-Pogrome" zu gedenken. Seelsorgerisch geleitet wurde die nächtliche Gedenkstunde vom katholischen Pastoralreferenten Markus Waite und dem evangelischen Pfarrer Robert Augustin. Den einfühlsamen musikalischen Rahmen setzte die Gesangs- und Instrumentalgruppe "GuIG".
"In jedem Jahr erinnern Menschen am 9. November an die Opfer des Nationalsozialismus", sagte Bürgermeister Armin Warmuth (CSU). Das Gedenken an die jüdischen Verfolgten des Jahres 1938 und folgender Jahre sollte nicht nur ein Stück mahnende Erinnerungskultur für Hammelburg sein, sondern nach mittlerweile 78 Jahren auch der Anlass, die Augen kritisch für Geschehnisse in der Gegenwart und Zukunft zu öffnen.
"Ihr seid verantwortlich für das, was geschah", zitierte Warmuth den Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer, der fast seine gesamte jüdische Familie in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Ausschwitz-Birkenau verlor. Statt Deutschland nach dem Kriegsende zu verlassen, machte es sich Mannheimer zur Lebensaufgabe, den Rechtsradikalismus und den Antisemitismus zu bekämpfen. "Ich bin kein Richter und kein Ankläger", soll der verstorbene Zeitzeuge Mannheimer gesagt haben. Aber als Mahner und Versöhner war er noch im Alter von 96 Jahren präsent. Sein Motto war: "Wir dürfen nicht vergessen!".


Verantwortung übernehmen

Einem Wiederaufkeimen des radikalen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gedankenguts sei in heutiger Zeit entgegenzutreten, sagte Warmuth. "Wegsehen ist eine Form des Mitmachens", nahm er Stellung zu bedenklichen Entwicklungen in Deutschland und Europa. Das Fundament der freiheitlich demokratischen Grundordnung sollte keine Löcher bekommen. Warmuth: "Geschehenes Unrecht können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir können Verantwortung übernehmen." Auch den Bedrohten, Diskriminierten, Gehetzten und Verleumdeten der heutigen Zeit gelte es aktiv zu helfen.
Während der Gedenkstunde auf dem Seelhausplatz wurden die Kerzen des jüdischen Davidsterns in der nasskalten Dunkelheit entzündet. Jüdische Musik ertönte leise. Die Teilnehmer stellten sich vor, wie in Hammelburg, Westheim und Untererthal der Toraschrein in den Synagogen aufgebrochen wurde. Die Torarollen und andere Kultgegenstände wurden ein Opfer des Feuers. Plünderungen und Zerstörungen gab es in den jüdischen Wohnungen und Geschäften. Verzweiflung und Todesängste machten sich in Hammelburg breit. Warmuth: "Die Pogromnacht 1938 ist eine harte und schmerzhafte Zäsur in der Geschichte unserer Stadt, in der das jüdische Leben verloren ging."