Vor einem Jahr wurde vor dem Würzburger Hauptbahnhof der "DenkOrt Deportationen" zum Gedenken an die fast 2 100 jüdischen Mitbürger aus Unterfranken eröffnet, die zwischen 1941 und 1944 von Würzburg aus in deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager in Osteuropa deportiert und fast alle dort ermordet wurden oder an Hunger und Krankheit starben. An die wenigen Habseligkeiten, die sie mitnehmen durften, sollen seitdem die in Würzburg sowie als identisches Gegenstück in den jeweiligen Heimatgemeinden aufgestellten, kunstvoll gestalteten Gepäckstück-Skulpturen erinnern. Im Rahmen einer zweiten Eröffnung "Denkort in Bewegung" werden am 24. September weitere Gepäckstücke am Würzburger Hauptbahnhof aufgestellt. Darunter wird auch eine von der Bad Kissinger Berufsschülerin Takayo Miura aus Holz nachgebildete umgürtete Wolldecke zu finden sein. Das entsprechende Gegenstück wurde nun am Platz der ehemaligen Synagoge (Maxstraße) aufgestellt und von Oberbürgermeister Dr. Dirk Vogel (SPD) und Ehrengast Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, feierlich enthüllt.

Schusters Familie in Dachau

Schuster gedachte in seiner sehr persönlich gehaltenen Ansprache seines Vaters David und seines Großvaters in Bad Brückenau, Eigentümer eines Textilbetriebs und des Hotels Central, eines von zwei koscheren Hotels. 1937 wurden Opa und Vater verhaftet und ins KZ Dachau deportiert. Obwohl beiden im folgenden Prozess keine Schuld nachgewiesen werden konnte, kamen sie dennoch 1938 ins KZ Buchenwald. Nachdem die Familie das Hotel "für einen lächerlichen Preis" zu verkaufen gezwungen war, kamen beide Männer am 16. Dezember unter der Bedingung frei, Deutschland binnen drei Tagen mit Familie zu verlassen.

Hotel wurde Nazi-Zentrale

Sie mussten Abschied nehmen "von einem Land, in dem die Schusters seit 400 Jahren ansässig gewesen waren". Das Hotel machten die Brückenauer Nazis zu ihrer Parteizentrale. Erst 1956 kehrte Vater Schuster, der in Palästina eine Oberschlesierin geheiratet hatte, mit Ehefrau und zweijährigem Sohn Josef nach Deutschland zurück.

So unterschiedlich die Schicksalswege der Juden aus Unterfranken auch gewesen waren, "nur eine Handvoll überlebte das Grauen", gab Schuster zu bedenken. Selbst in kleinsten Dörfern seien jüdische Mitbürger in Listen erfasst worden, ihres Hab und Gutes beraubt, aus Wohnungen und Häusern verjagt, schließlich abtransportiert zu größeren Sammelstellen wie dem Würzburger Hauptbahnhof und dem Güterbahnhof Aumühle und von dort schließlich in die Todeslager der Nazis deportiert worden. Schuster: "Nur ein kleines Gepäckstück blieb am Wegesrand stehen."

1942 letzte Juden aus Bad Kissingen deportiert

In seiner Begrüßung hatte Oberbürgermeister Dirk Vogel zuvor an die jüdische Gemeinde Bad Kissingens erinnert, deren Lebendigkeit und Größe zuletzt im Prachtbau der 1902 geweihten neuen Synagoge an der Maxstraße sichtbar geworden war, aber schon bald nach der von örtlichen SA-Männern entfachten Pogromnacht (9. November 1938) auf Beschluss des Stadtrats im Frühjahr 1939 abgerissen worden war. Vogel: "1942 wurden die letzten Juden aus Bad Kissingen deportiert." Damals sei der kosmopolitische Zeitgeist des Weltbades zerstört worden. Bad Kissingen hatte Stützen der Stadtgesellschaft verloren. Die Koffer und Gepäckstücke seien für ihn, so der Oberbürgermeister weiter, "ein geeignetes Symbol zerstörter Hoffnungen, um uns an das individuelle Leid zu erinnern".

"Demokratie braucht Medien"

In seiner weiteren Ansprache warnte Vogel vor dem Wiederanstieg "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit". Die sozialen Netzwerke würden diese Entwicklung durch selektiven Austausch beschleunigen. Um die Wiederholung des einst Geschehenen zu verhindern, forderte der Oberbürgermeister die Erfüllung von drei Bedingungen: Demokratie braucht den Rechtsstaat, aber Demokratie braucht auch Gefolgschaft der Bevölkerungsmehrheit mit klarem Bekenntnis zur Demokratie, und Demokratie braucht die Medien auch "in Gegenden ohne nennenswerten Lokaljournalismus, die Orientierung und Fakten vermitteln jenseits der Aufregung und Skandalisierung".

Von den zu Beginn des Nazi-Regimes in Bad Kissingen gemeldeten 171 Bürgerinnen und Bürgern jüdischen Glaubens, versammelt in einer der größten jüdischen Kultusgemeinden Bayerns, lebte nach 1945 nur noch eine Einzige in der Stadt, ergänzte Kulturamtsleiter Peter Weidisch den Festakt um einige konkrete Zahlen. 43 Juden seien 1942 aus Bad Kissingen deportiert worden. 45 weitere in der Kurstadt geborene oder einst wohnhafte Juden wurden aus anderen Städten und Ländern deportiert. "Hinter all diesen Zahlen verbergen sich Schicksale von Menschen, die vor 1933 eine Vergangenheit in Deutschland hatten und glaubten, auch eine Zukunft in Deutschland zu haben." Der DenkOrt am Platz der einstigen Synagoge "steht für individuelle Schicksale, für Täter und Opfer.

Es ist die richtige Stelle für den Bad Kissinger Beitrag zum Projekt 'DenkOrt Deportationen'."

Text auf der Messingplakette des Denkmals:

"Im Gedenken an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt Bad Kissingen 1933 - 1945. Sie wurden gedemütigt, beraubt, vertrieben, deportiert, ermordet."

Informationen zum Projekt: www.denkort-deportationen.de

Informationen zum jüdischen Leben in Bad Kissingen: www.biografisches-gedenkbuch-bk.de