Hammelburg? Hat seinen Koffer schon. Genauso wie Westheim, Maßbach oder Poppenlauer. Die Stadt Bad Kissingen? Steuert nächstes Jahr zwei hölzerne Gepäckrollen bei zum "Denkort Deportationen" am Würzburger Hauptbahnhof. Andere Kommunen im Landkreis werden das wohl nie tun. Weil sie der vernichteten Juden aus ihrem Beritt anders gedenken. Oder gar nicht. Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus - dazu gehören auch Homosexuelle, Behinderte, Sinti und Roma, Andersdenkende und Kriminelle - es fällt sehr unterschiedlich aus.

Ein zentrales Denkmal für alle Opfer des Nationalsozialismus im Landkreis existiert nicht. Das bestätigt das Landratsamt auf Nachfrage. Auch habe es diesbezüglich - soweit bekannt - "bisher noch keine Überlegungen" gegeben.

Immerhin: Die Geschichte der Juden und ihre Verfolgung im Dritten Reich scheint ganz gut aufgearbeitet. Aber nicht in allen Gemeinden, wo sie lebten. "Da, wo sich Enthusiasten finden, die gedenken wollen, passiert etwas", ist der Eindruck von Cornelia Mence. Die Hammelburgerin hat sich intensiv mit dem Judentum im Landkreis beschäftigt und gemeinsam mit ihrem Mann Michael Bücher verfasst.

Als Beispiel nennt Mence Gerd Kirchner, den evangelischen Pfarrer von Bad Brückenau. Ihm sei es zu verdanken, dass seit Jahren in der Stadt eine Gedenkfeier für die deportierten Juden der Stadt stattfindet. Anfangs mit vielleicht sechs bis acht Unentwegten; mittlerweile seine es schon um die 50.

"Die Städte sind beim Gedenken besser aufgestellt; da herrscht ein anderer Kulturbetrieb", hat Cornelia Mence festgestellt. So hält sie es auch nicht für verwunderlich, dass in Bad Kissingen, Hammelburg mit Ortsteilen und Bad Brückenau die Erinnerung an verschwundenes jüdisches Leben besonders hochgehalten wird.

Als Gegenbeispiel nennt die Hammelburgerin das nur zehn Kilometer von Bad Brückenau entfernte Geroda. In der kleinen Gemeinde mitsamt Ortsteil Platz pulsierte noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts jüdisches Leben. 1910 wohnten in Geroda 49 und in Platz 18 Angehörige des Volkes Israel, immerhin zwischen vier und acht Prozent der Bevölkerung. 15 Jahre später waren es in Geroda genausoviel und in Platz noch zwölf, bei der Machtübernahme der Nazis 1933 deren 43 und acht. Durch Flucht und Auswanderung schrumpften beide jüdischen Gemeinden stetig bis zur Pogromnacht am 9./10. November 1938. Und darüber hinaus. Nach der Deportation war in beiden Ortschaften im Mai 1943 kein Jude mehr anzutreffen.

In Geroda erinnert noch Einiges an die Juden. Das ehemalige Gemeindehaus gegenüber der Kirche, in dem einst jüdische Kinder in ihrer Religion unterrichtet wurden, der Friedhof, die frühere Synagoge. Oder die Namen der vier jüdischen Gefallenen des Ortes aus dem Ersten Weltkrieg. Gedenkveranstaltungen finden aber keine statt.

Bürgermeister Alexander Schneider informiert auf Nachfrage, dass man sich in Geroda durchaus um das jüdische Erbe kümmert. Vergangenes Jahr wollte die Gemeinde das alte Schulhaus entkernen lassen, um es für gemeindliche und Vereinszwecke zu nutzen. Das zugeschüttete Ritualbad, die Mikwe, sollte freigelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Gemeinde hätte einiges investiert.

Das Vorhaben scheiterte trotz mehrerer Vor-Ort-Termine am Denkmalschutz, der keine Veränderungen im Innern des Gebäudes zuließ, so Schneider. Für den Bürgermeister sind die kleinen und niedrigen Räume jetzt wertlos; das alte Gemeindehaus bleibt sich selbst überlassen. "Ich brauche von der Gemeinde aus kein Gebäude, das ich nicht nutzen kann."

Das Projekt sei nun "in der Prioritätenliste nach hinten gerutscht". Und noch mehr: Er und der Gemeinderat seien so verärgert, "dass wir auch nichts anderes unterstützen", wie zum Beispiel den Denkort Deportationen.

Diese zentrale Gedenkstätte in Würzburg hat der jüdischen Erinnerungskultur in Unterfranken zweifellos einen kräftigen Schub verliehen. Das Landratsamt sieht sie als den Ort, "der dezentral auch seinen Niederschlag in teilnehmenden Kommunen aus dem Landkreis Bad Kissingen findet".

Von Würzburg - genauer: vom Nebenbahnhof Aumühle - gingen 1942 und 1943 die Züge in die Vernichtungslager ab. Die Idee hinter dem Denkort: Eine Kommune mit früherer jüdischer Gemeinde schafft zwei stilisierte Gepäckstücke an. Eines wird fest auf dem Denkmal am Würzburger Hauptbahnhof installiert; das Gegenstück in der jeweiligen Gemeinde an prominenter Stelle aufgestellt. Ob Koffer, Rucksack oder einfaches Bündel, ob aus Holz oder Stein - Material und Gestalt bleiben den einzelnen Initiatoren überlassen.

Die Kommunen im Landkreis nutzen diese Möglichkeit des Gedenkens an die Juden unterschiedlich. Für Hammelburg mit seinen Ortsteilen Westheim, Untererthal und dem abgesiedelten Bonnland stehen die Erinnerungsmale längst, ebenso für Oberthulba, Dittlofsroda und Völkersleier. Auch für die einst starken jüdischen Gemeinden in Maßbach und Poppenlauer finden sich Gepäckstücke. Bad Kissingen und Bad Brückenau wollen nach eigenen Angaben ab dem nächsten Jahr nachziehen.

Nachholbedarf besteht in dieser Hinsicht für einige Gemeinden im Sinntal. So lebten in Zeitlofs und (Unter-)Riedenberg vor dem Zweiten Weltkrieg viele Juden. "Die Gemeinde Riedenberg beteiligt sich am Projekt Denkort Deportationen. Die Einzelheiten werden zurzeit im Gemeinderat besprochen", heißt es aus der dortigen Verwaltung. Der Zeitlofser Gemeinderat hat sich allerdings gegen ein Beteiligung ausgesprochen. Wie auch gegen die Verlegung von "Stolpersteinen".

Bei dieser internationalen Aktion engagieren sich nach eigenen Angaben die Städte Bad Kissingen und Bad Brückenau, nicht aber Hammelburg. Dort findet das Gedenken aber über die Jahre mit vielen Ausstellungen und Aktionen sowie über Tafeln statt. Gedenksteine wurden auch in Maßbach und Poppenlauer verlegt, wo der Maßbacher Klaus Bub heimatgeschichtlich sehr aktiv ist. In Münnerstadt gab es im 20. Jahrhundert keine nachweisbare jüdische Gemeinde mehr. Daher kein spezielles Gedenken.

Was andere Betroffene des NS-Terrors angeht, scheint das Gedenken etwas mau auszufallen. Für die Opfer des Euthanasie-Programmes der Nationalsozialisten (Aktion T4) wurde vor drei Jahren ein Denkmal auf dem Friedhof von Maria Bildhausen eingeweiht. Es steht für 379 Menschen mit Behinderung, die in Häusern der St. Josefskongregation (heute Dominikus-Ringeisen-Werk) lebten und ermordet wurden. Acht Männer von ihnen wohnten in Maria Bildhausen.

Der Gedenktag für diese NS-Opfer ist nach Angaben von Matthias Guck vom Ringeisenwerk der 28.Januar, nicht der 9. November, der mehr den Juden gelte. Dementsprechend habe im Januar dieses Jahres ein Gedenkgottesdienst stattgefunden. "Wir erinnern mit unserem Denkmal an eine schwierige und brutale Zeit, in der man zwischen lebens- und lebensunwert unterschieden hat." Das wolle man in den Blickpunkt rücken.

Über die Erinnerungsorte an die jüdische Bevölkerung und Euthanasie-Betroffene hinaus sind dem Landratsamt keine weiteren Gedenkstätten für spezielle Opfergruppen des Nationalsozialismus bekannt.