Bad Kissingen
Natur

Fuß vom Gas - Warum Autofahrer derzeit langsam machen sollten

Die Gefahr für Wildunfälle ist aktuell höher, als im restlichen Jahr. Das hat verschiedene Ursachen. Das raten Versicherer, Jäger und Polizei.
Nur zu schnell kommt es zu einem Zusammenstoß.
Nur zu schnell kommt es zu einem Zusammenstoß. Foto: hykoe, stock.adobe
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Eine Sekunde der Unachtsamkeit reicht aus - und schon ist das Reh am Straßenrand übersehen, das gerade ansetzt, um die Straße zu überqueren. Die Folge ist meist ein Zusammenstoß von Auto und Tier. Der Autofahrer steht dann oft allein und ohne Plan in der Dämmerung. Was tun und warum kommt es derzeit überhaupt so oft zu Wildunfällen?

Grund für Wild neben der Straße: Die Suche nach einem Revier

Das Gros der Unfallopfer ist das Reh - das zeigen die Unfallstatistiken der Polizeiinspektionen. Die Ursache liegt im Verhalten des Wildes begründet. Rehe - insbesondere Böcke - sind sehr territorial. Im Winter nehmen sie von dem Verhalten Abstand. Das ist hormonell und durch die Tageslänge bedingt. Sobald die Tage länger werden, ändert sich jedoch der Hormonpegel. Die Tiere werden wieder territorialer und begeben sich im Frühjahr auf Reviersuche.

Das gefällt manch anderem älteren Bock allerdings nicht. Denn: Seine Äsung möchte er nur ungern mit der jüngeren Konkurrenz teilen. Infolgedessen vertreibt er den Konkurrenten. Die Suche nach einem Revier ist gefährlich - gilt es doch Straßen zu überqueren, die unsere vom Menschen geformte Kulturlandschaft kreuzen.

Hinzu kommt noch der Freizeitdruck. "Wegen der Pandemie zieht es die Menschen zunehmend in die Natur. Dabei sollte jedoch Rücksicht an den Tag gelegt werden," sagt Florian Heuring, Sachbearbeiter Verkehr, bei der Bad Kissinger Polizei. Nur zu leicht werden Tiere aufgescheucht, die dann beim Überqueren einer Straße vom Auto erfasst werden.

"Gefährliche Stellen finden sich auch dort, wo die Tiere attraktive Äsung in Straßennähe finden", erklärt Dr. Helmut Fischer, der Vorsitzende des Bad Kissinger Jägervereins. Sein Rat: "Autofahrer sollten wirklich auf die Wildwechsel-Schilder achten. Die stehen nicht aus Spaß an der Freude am Straßenrand."

Um die Kollision zu verhindern, hilft im Vorfeld nur eines: Fuß vom Gas und aufmerksam sein. Zudem: Es gibt gewisse Zeichen, die den Autofahrer erkennen lassen, dass an einem Streckenabschnitt Wild wechselt. Wenn an einer Stelle auf der Straße nach einem Regenschauer immer wieder feuchte Erde ist, heißt es wachsam sein. Auch der Bewuchs am Straßenrand gibt Aufschluss. Findet sich an der einen Straßenseite Wald und auf der anderen Wiese, steigt das Risiko für Wildunfälle.

Technik wie digitale Warntafeln am Straßenrand helfen nur bedingt. Zu groß ist der Gewöhnungseffekt des Wildes. Dennoch kann Technik helfen. Mittlerweile gibt es verschiedene Apps für das Smartphone, die dabei helfen sollen, Wildunfälle zu verhindern. Der digitale Wildwarner warnt Autofahrer bei der Fahrt durch Gefahrengebiete mit erhöhtem Wildwechsel. Bei der App "wuidi" erfolgt die Warnung via Bluetooth-Kopplung beispielsweise direkt über das Auto.

Kommt es zum Unfall, muss die Polizei sofort informiert werden. Denn einfach weiterfahren, ist eine Ordnungswidrigkeit bei einem Wildunfall - es handelt sich um Tierquälerei. Außerdem ist es versicherungsrechtlich wichtig, dass die Behörde vom Unfall weiß. Die Beamten kümmern sich dann um weitere Schritte. So informieren sie etwa den Jagdpächter. Dieser tötet das schwer verletzte Tier oder begibt sich mit seinem Hund auf die Suche nach dem Tier. Am Unfallort sucht das Gespann zunächst nach der Fährte des Tieres. "Die Stelle sollte genau lokalisiert werden und dem Jäger mitgeteilt werden", sagt Dr. Helmut Fischer. Sein Credo: "Je mehr Informationen der Jäger zum Unfall hat, desto eher weiß er, worauf er sich einstellen muss." Denn je nachdem, wie sehr sich das Tier beim Unfall verletzt hat, kann sich die sogenannte Nachsuche ziehen. "Deshalb ist es wichtig zu erfahren, wie sich das Tier unmittelbar nach dem Zusammenstoß verhalten hat."

Der Autofahrer vor Ort sollte sich wie bei jedem anderen Unfall verhalten. Das heißt: Warnblinker anschalten und wenn notwendig - die Warnweste anziehen und das Warndreieck aufbauen. "Das ist insbesondere wichtig bei unübersichtlichen Stellen", teilt Florian Heuring, Sachbearbeiter Verkehr bei der Bad Kissinger Polizeiinspektion, mit. Das tote Tier darf der Autofaharer nach dem Unfall nicht einpacken. "Das ist Wilderei", teilt Florian Heuring mit.

Die Behörde setzt vor allem auf Prävention. "Es gibt etliche Studien zu dem Thema. Das Ergebnis ist eigentlich immer gleich: Vorausschauend und langsam fahren." Hotspots abzäunen, bringe nur wenig. "Die Tiere umgehen den Zaun." Für die Beamten in allen drei Dienststellen des Landkreises zeigt sich eines deutlich. Die Unfälle mit Wildtieren steigen und bewegen sich kontinuierlich auf einem hohen Niveau.

Die Schäden am Auto, die durch Haarwild - wie Rehe und Wildschweine - verursacht werden, begleicht laut Christian Ponzel, Pressesprecher beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, die Voll- beziehungsweise Teilkaskoversicherung. "Einige Versicherer haben ihren Schutz in der Teilkasko zusätzlich auf Unfälle mit bestimmten weiteren oder auch Tieren aller Art ausgeweitet." Und: "Auf den persönlichen Schadenfreiheitsrabatt hat ein Wildschaden keinen Einfluss."