Es war eine doppelte Premiere beim Kissinger Sommer: Zum ersten Mal hatte Intendant Dr. Tilman Schlömp ein Künstlergespräch auf den Spielplan gesetzt und als ersten Gast die Cellistin Sol Gabetta eingeladen. Und dazu wurde nach langer Zeit zum ersten Mal wieder der Grüne Saal genutzt, der normalerweise als Instrumentenlager dient oder, in Glücksfällen, zur Erweiterung des Platzangebotes im Weißen Saal.

Natürlich zielte Schlömp mit seiner ersten Frage auf die Ereignisse der letzten Tage. Sol Gabetta, in diesem Jahr Artist in residence des Kissinger Sommers, war ursprünglich für drei Konzerte angekündigt gewesen, hatte aber das "Gipfeltreffen" im Kurtheater wegen der Absage von Janine Jansen aus künstlerischen Gründen ebenfalls abgesagt. So blieben immerhin ein Solokonzert und ein Kammermusikprogramm übrig.

"Sind diese Unterschiede für Sie reizvoll?", wollte Schlömp wissen. Im Prinzip ja. Normalerweise seien Residences allerdings auf längere Zeiten ausgelegt. "So schnelle Wechsel kann man machen, wenn man Programme wählt, die man viel gespielt hat." Das sei jetzt der Fall gewesen. Die Kissinger könnten sich in Sachen Absage trösten: Zwei Tage vorher, also am Donnerstag, habe sie das "Gipfeltreffen"-Programm an einem anderen Ort spielen wollen. Das Konzert musste auch abgesagt werden, weil die Geigerin erkrankt war. Es war allerdings nicht Janine Jansen, sondern Veronika Eberle. "Das tolle Zusammenspiel mit Paavo Järvi und den Bremern habe ich sehr genossen" , meinte sie. Das letzte Mal habe sie vor acht Jahren mit ihnen musiziert.


Den Pianisten Bertrand Chamayou, mit dem sie im Großen Saal ein Duo-Recital gab, hat sie kennen gelernt, als sie 17 war. "Seit 15 Jahren sind wir ein echtes Duo. Das gibt es gar nicht so oft." Meistens seien die Duos zwei Musiker, die ihre eigenen Wege gehen und sich für einzelne Konzerte treffen. Das sei zwar machbar, aber ein Repertoire könne da ebenso wenig wachsen wie eine gemeinsame Agogik, ein blindes Verstehen, trotz mitunter anderer Auffassungen. Sie spielt zwar auch mit anderen Partnern, "aber Bertrand ist meine erste Wahl. Wir geben rund 30 Konzerte im Jahr."

"Sie lieben das Experiment", meinte Tilman Schlömp. Am Freitag etwa, bei der Zugabe, sei das Cello die menschliche Stimme gewesen (Arie des Lenski). "So etwas probiere ich immer erst in kleineren Sälen aus", sagte Sol Gabetta. Man brauche solche Orte, um Erfahrungen zu sammeln. Moderne Instrumente veränderten sich wenig. Aber älteren Instrumenten und Saiten setze beispielsweise eine hohe Luftfeuchtigkeit enorm zu. Beispielsweise, wenn man in Scheunen musiziert. Früher seien diese Probleme Alltag gewesen. Das Experimentieren sei auch Bestandteil ihres eigenen Kammermusikfestivals "SOLsberg" in der Nähe von Basel. Der Anspruch aus der Anfangszeit, alles von Barock bis Moderne zu machen, habe sich aber so uneingeschränkt nicht halten lassen. Zudem sei zu dieser Zeit ihr Terminkalender immer besonders voll.
Das brachte Tilman Schlömp auf ihren Sohn: "Muss der unter der Situation leiden?" Nein, er reist mit. "Das ist zwar anstrengender, aber ich habe Respekt vor berufstätigen Müttern mit Kindern bekommen. Aber es ist schön, mit der Familie unterwegs zu sein." Und das Kind hört bei fast jeder Probe zu. "Wenn ich Bachs Solo-Prélude spiele, dann hängt er an dem Stachel des Cellos und tanzt." Der Knirps ist ein Jahr alt. Dass sie viele Erfahrungen durch die Moderation der Sendung "KlickKlack" im Bayerischen Fernsehen - gemeinsam mit Martin Grubinger - gesammelt hat, gibt Sol Gabetta unumwunden zu: "Wir müssen einen offenen Geist haben, weil wir auch Sachen präsentieren müssen, die uns nicht so gut gefallen." Sie habe dabei aber auch ihre Ausdrucksfähigkeit erweitert, "denn Deutsch ist nicht meine Muttersprache."

Sol Gabetta weiß, dass sie großes Glück gehabt hat, dass ihre Eltern mit ihr als Neunjähriger nach Europa gingen, um ihrer Ausbildung zu befördern. Sie war Schülerin in Madrid und in Basel bei Ivan Monighetti, einem der Absolventen der legendären letzten Klasse von Mstislav Rostropowitsch, und fünf Jahre bei David Geringas in Berlin. "Ich habe die russische Schule von Grund auf kennen gelernt, aber heute spiele ich eine persönliche Mischung." Der Wille, Solistin zu werden und von dieser Tätigkeit auch leben zu können, sie bei ihr erst sehr spät entstanden. "Als Kind denkt man nicht an solche Dinge, sondern man will einfach nur spielen und lernen." Sie habe nie den Zwang verspürt, etwas sein zu müssen. Erst als sie 19 war, hat sie sich überlegt, wovon sie leben will: "Ich hatte schon Konzerte, habe aber auch in Orchestern gespielt." Sie war eigentlich offen für beides. Dass sie schließlich Solistin wurde, hatte nicht nur Vorteile: "Es gibt so viele gute Musiker. Der Konkurrenzkampf fördert Depressionen und Burnout . Man muss schauen, wo man sich am besten fühlt." Aber sie wies auch auf einen anderen Aspekt hin: "Als Solist muss man zu jedem Stück eine Meinung haben, und man muss immer um den Respekt des Publikums und, was noch schwerer ist, der Kollegen kämpfen." Besonders schwierig sei die Stellung der Solisten zwischen dem Dirigenten und dem Orchester, vor allem dann, wenn sich die beiden Letzteren schon nicht verstehen - was vor allem bei Gastdirigenten oft vorkomme. "Deshalb war ich so glücklich über das Freitagskonzert, über diese hochprofessionelle und intensive Probe. Ich schätze das sehr."