Darf man bei altehrwürdigen Werken der Weltliteratur, die nicht klar als Komödien ausgewiesen sind, lachen? Auch mal schallend? Einige Besucher des Gastspiels des "Theater Wahlverwandtschaften" beim Theaterring waren sich nicht so wirklich sicher, ob das in Ordnung ging. Sich Amüsieren ausgerechnet bei Gustave Flauberts Jahrhundertroman aus dem 19. Jahrhundert, "Madame Bovary"?

Ein Blick ins Programmheft hätte Aufschluss geben können, denn Flaubert schrieb selbst: "Ich will die Wahrheit ganz unverblümt darstellen, denn sie ist von einer Komik, die man sich nicht vorstellen kann."


Ironische Distanz wahren

Wolfgang Seidenberg, der die Bühnenfassung erstellt hat, und das Regieteam "Theater Wahlverwandte" haben diese Komik, diese Ironie zur Grundlage ihrer Inszenierung gemacht, so dass das Ganze nicht als Abend der Klassikerpflege daherkam, sondern auch viel Spaß machte, der aber den Blick auf das eigentliche Geschehen eher schärfte. Bühnenbildner Stefan Morgenstern verweigerte jegliches filmisch-glatte Abfotografieren eines Sittenbildes aus alten Zeiten, legte aber viel Wert auf passende Requisiten, Stimmungen, Kostüme.

"Theater Wahlverwandte" schaffte es, aus dem 450-seitigen Textkonvolut der Neuübersetzung die wesentlichen Schlüsselszenen in vielschichtige, ästhetisch überzeugende, aber knappe Tableaus zu übertragen. Viele Szenen wurden mit großer bildlicher Eindrücklichkeit in pantomimischer, tänzerischer, auch grotesker Verknappung dargestellt.

Es fehlte nichts, der Gang der Geschichte kam trotz der Spieldauer von etwas über eineinhalb Stunden rüber, wurde mit allen Sinnen (auch durch Musikeinspielungen) in ihrer Komplexität erfahrbar. Dennoch konnte man durch die Herausarbeitung der komischen Elemente ironische Distanz wahren, das Lächerliche erkennen.


Rollen mehrfach besetzt

Diese Komplexität kann natürlich nur bewerkstelligt werden, wenn auf der Bühne eine Truppe agiert, die aus einer interessanten Geschichte mit einem präzisen Handlungskonzept unter Zuhilfenahme nur der nötigsten Requisiten die Welt des Provinznestes Yonville-L'Abbaye mit seinen Bewohnern vor den Zuschauern erstehen lassen kann. Und die es schaffen, dass dieses Dorf und seine für das Ehepaar Bovary wesentlichen Bewohner, Emmas so verschiedene Liebhaber Léon und Rodophe Boulanger, der schmierige Apotheker, der geschäftstüchtige Kaufmann Lhereux so plastisch auf die Bühne kommen, dass wir sie als für uns verständliche oder gar sympathische Menschen und nicht nur als Bewohner des Bücherschrankes der Weltliteratur erkennen.

Hier schaffte die Truppe Erstaunliches. Mit Ausnahme der Rollen von Emma und Charles Bovary waren die Parts doppelt oder mehrfach besetzt, Ursula Berlinghof musste sich sogar genderübergreifend verwandeln. Mit großem Überzeugungskraft spielte sie Charles Bovarys (Über-)Mutter als napoleonisch-gebieterisches Energiebündel, das seinen Sohn unter Kuratel hat, aber sich an der Schwiegertochter grimmig die Zähne ausbeißt. Pseudo-jovial, hinterfotzig und geltungsbedürftig war sie als rundlicher Apotheker Homais ein zwielichtiger Konkurrent von Charles, der ihn als Zeitungskorrespondent in eine desaströse Operation um des Ruhmes willen treibt.


Routinierter Ehebrecher

Sebastian Strehler gab den jungen Léon sehr wendig, auch mit schöner Singstimme überzeugend, in seiner drängenden Liebe zur schönen Arztgattin und nach seinem Studium als gereiften, immer routinierter werdenden Ehebrecher.

Ein solcher ist natürlich Rodolphe Boulanger schon, als er Emma zum ersten Mal trifft. Hans Piesbergen gab ihn mit der schleichenden Gefährlichkeit einer Raubkatze, die mit ihrem Opfer spielt und es dann wegwirft. Das Publikum, das ihn sofort durchschauen konnte, wurde zum genüsslichen Beobachter seiner Verführungstaktiken und Finten, die er mit umwerfender Körpersprache rüberbrachte.

Sein absolutes Gegenteil ist der gutmütige, aber auch langweilige Landarzt Charles Bovary, der in der sehr viel jüngeren Emma die Liebe seines Lebens gefunden zu haben glaubt und sich gegen alles verschließt, was diese Illusion trüben könnte. Diesen wahrhaft Liebenden und deshalb eigentlich tragischen Charakter spielte Christian Kaiser als mit stoischer Ruhe, staunenswert abgeschotteter Blindheit gegenüber allen Eskapaden Emmas.

Lisa Wildmann war für die Besetzung als Emma schon insofern ideal, als sie eine Ballettausbildung hat und so mit großem körperlichen Einsatz sowohl sexuelle Besessenheit in bizarre Pas-de-deux mit ihren Partnern übertragen konnte, als auch die vom Gift geschüttelte Selbstmörderin. Den egomanischen Erlebens- und Liebeshunger Emmas zeigte sie mit zum Teil fast verzückt wirkendem Blick, auch sie sieht nur, was sie sehen will. Das tat Lisa Wildmann mit fast ungeheurer Bühnenpräsenz.


Lautstark amüsiert

Das "Theater Wahlverwandte" zeigte wieder einmal mehr, welch eine eindrucksvolle, kompakte, intelligente und dennoch sinnlich präsente Aufführung aus geschickter Reduzierung und hoher Schauspielkunst entstehen kann. Das Publikum amüsierte sich lautstark, applaudierte schon bald nach jeder Szene und entließ die Truppe am Ende erst nach vielen Aufzügen und heftigem Beifall.