Es ist ihr Ehrtentag heute. Nach 40 Jahren als Leiterin der Kindergärten in Wernarz und Bad Brückenau tritt Regina Ziegler mit 63 Jahren ihren Ruhestand an. Viele Kinder hat sie für die Grundschule fit gemacht. Und fürs Leben "Man kann sich nicht alle Gesichter merken, dazu sind es einfach zu viele", sagt sie. Doch wenn sie in der Stadt unterwegs ist, lächeln ihr die jungen Leute auf der Straße manchmal zu. Dann weiß sie Bescheid.

Als Regina Ziegler 1974 den Kindergarten in Wernarz aufbaute, gab es dort noch nicht einmal eine Zentralheizung - geschweige denn Spielzeug. "Da habe ich einen Kofferraum voller Spielsachen von den Oberzeller Schwestern geholt", lacht sie. Zeiten waren das. Schöne Zeiten. 1989 wechselte Ziegler nach Bad Brückenau, weil der Kindergarten in Wernarz schließen sollte. Doch es kam anders.

Kinder reagieren tolerant

"1989 gingen die Grenzen auf. Da war man heilfroh, dass man beide Kindergärten hatte", erinnert sich Ziegler. Denn mit dem Ende des Kalten Krieges kamen auch viele Russlanddeutsche in die Kurstadt. "Da saßen dann auf einmal zehn Kinder und haben sich unterhalten. Und wir haben nichts verstanden." Damals habe sie vor allem über die Omas kommuniziert, die noch den alten schwäbischen Dialekt sprechen konnten.

Andere Sprache andere Kultur. "Für die Kinder war das selbstverständlich", beschreibt Ziegler, wie die Kleinen die Neuen vorbehaltlos annahmen. Aber die Erwachsenen. Das Wort "Russen-Kindergarten" musste sie sich von den Eltern anhören. "Wer nicht in den Russen-Kindergarten wollte, der ist nach Wernarz gegangen." So war das damals.

Jede Erziehung hat ihre Zeit

In Höchstzeiten kamen bis zu 60 Prozent der Kinder aus russlanddeutschen Familien, sagt Ziegler. Heute sind es noch etwa 30 Prozent. "Aber das wissen wir nur vom Papier her." Inzwischen regeln die Kinder das Sprachproblem selbst. "Es gibt heute noch Kinder, die mit drei Jahren zu uns kommen und kein Wort Deutsch können", erzählt Ziegler. So wie Alex, der vor einem Jahr direkt aus Kasachstan kam und inzwischen fließend Deutsch spricht. Das hat ihm sein Freund Arthur beigebracht Oder der dreijährige Roman, der gerade mit Daniel Karten mischt und dabei lernt, wie die Begriffe auf Deutsch heißen.

In 40 Jahren hat Ziegler den Wechsel von einer eher autoritär geprägten Erziehung hin zum Verständnis "Die Mama als beste Freundin" erlebt. "Es gibt Grenzen", sagt sie. "Kinder müssen auch einmal ein Nein hören. Und das hören viele Kinder heute nicht mehr". Jede Erziehung hat ihre Zeit. Auch jede Betreuung. Noch Mitte der 1990 hat das "Regenbogenland" über Mittag zwei Stunden lang zu gemacht. Heute wäre das undenkbar.

Dem Krippenausbau steht Ziegler positiv gegenüber. Auch wenn sie sich früher nicht vorstellen konnte, dass das gut für die Kinder sei. Aber sie hat ihre Meinung geändert "In den 90er Jahren hat uns eine Kollegin mal mit nach Leipzig genommen", erzählt sie. Damals habe sie gesehen, dass es den Kindern dort gut gehe. Aktuell bietet das "Regenbogenland" Platz für 15 Kinder, die jünger als drei Jahre sind. Die Stadt ist für den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz gut aufgestellt.

Sprache von Anfang an fördern

Auch wenn die meisten russlanddeutschen Familien sich sehr gut eingelebt haben, bleibt der Kindergarten eine wichtige Integrationsinstanz. "Wir reden zuhause deutsch", erzählt Alla Witzke, die seit 1996 im "Regenbogenland" als Erzieherin arbeitet und selbst einen russlanddeutschen Hintergrund hat. Aber nicht alle Familien machen das so, manche möchten ganz bewusst die russische Sprache bewahren. "Ich kann nicht erwarten, dass sie ihre Muttersprache vor der Haustür abgeben", ist Ziegler überzeugt. Deshalb versucht sie, die Kinder so gut wie möglich auf das Leben in Deutschland vorzubereiten.

Für Kinder aus russlanddeutschen Familien gibt es zum Beispiel das Angebot, ein Jahr vor ihrer Einschulung den Kurs "Deutsch als Zweitsprache" zu besuchen. Der wird drei Mal in der Woche in der Grundschule gehalten. So lernen die Kinder die Begriffe kennen, die ihnen im Alltag vielleicht noch nicht begegnet sind, und spielen typische Situationen durch.

Seit April 2011 läuft auch das Projekt "Frühe Chancen" des Bundesfamilienministeriums unter der Leitung von Sozialpädagogin Lisa Kinalele. Dabei gehe es geht darum, Sprache und Sprachverstehen so früh wie möglich zu fördern, und zwar mitten im Alltag, erklärt Kinalele. Sie hat einen Vorlese-Raum eingerichtet und eine Bücher-Werkstatt gemacht. Und wenn in der Krippe ein Kind gewickelt wird, so hängen über dem Wickeltisch Wortspiele.

Nach 40 Jahren kann Regina Ziegler die Arbeit getrost in die Hände ihrer Nachfolgerin Alexandra Wirth legen. Aber "die Feste werden mir fehlen", weiß sie schon jetzt. "Dieser Trubel."