Der Biertümpelclub Garitz hat vielleicht nicht ganz so viele Geheimnisse wie die Siebener, aber eines hütet er immer wie seinen Augapfel: das Thema der Elferratssitzungen in der Garitzer Turnhalle. Da dringt nie etwas nach draußen vor den hermetisch zusammengeklammerten Vorhang. Obwohl das meistens nichts nützt. Denn wer sich auf seinem Platz in der Halle niedergelassen hat und zur Speisekarte greift, konnte bisher eigentlich immer draufkommen, in welche Richtung das Programm zielen würde. Man merkte es ganz einfach an den Namen der Gerichte. Wie etwa im letzten Jahr, als ein Protestantenspießbraten oder andere essbare Luthereien im Angebot waren. Da konnte es nur um die Reformation gehen. Und man wusste sofort, gegen wen die sich richten würde

Aber dieses Jahr? "Säbelzahntiger", Faustkeil", "Neandertaler", "Ötzis letztes Mahl" oder "Ofenfrisches Mammut auf Kraut"? Klar musste das irgendetwas mit der so genannten Steinzeit zu tun haben. Aber als der Ötzi vor geschätzten 5253 Jahren zum Similaungletscher hinaufkraxelte, da war die Welt überhaupt noch nicht reif für den Garitzer, nicht einmal für den Kissinger. Und deshalb muss damals auch noch tiefer Friede rund um den Altenberg geherrscht haben.

Das Rätsel löste sich, als sich der Vorhang öffnete. Axel Dürheimer und sein Team hatten eine Szenerie der Eiseskälte auf die Bühne gefroren: In kaltem blauem Licht erstrahlte hinter den Elferräten eine riesige, zugige Halle, in der dicke Eiszapfen von den Vierungsbögen hingen. Mancher Elferrat wird es bereut haben, seine Angora-Unterwäsche im Schrank gelassen zu haben.

Und Sitzungspräsident Christian Rüth konnte endlich das Motto verraten: "Garitzer Eiszeit" - mit dem zu erwartenden Zusatz: "Kissinger, zieht euch warm an!" Natürlich ist trotz Klimaerwärmung der Winter auch in Garitz eiskalt. Aber die Garitzer können das leichter ertragen, weil Kälte bekanntlich nach unten sinkt, und da sitzen die Kissinger und zittern in ihrem nebligen Tal.

Obwohl - gleich nach Begrüßung und musikalischer Einstimmung durch das gut aufgelegte Rotkreuz-Orchester unter Leitung von Alexander Wachsmann - die Minigarde mit ihrem Showtanz die Eiszeit in eine andere Richtung auslegte, dass die beste Eiszeit im Sommer ist: Mit großen Eistüten zeigten die "Feen vom Göritzer See", dass sie nichts gegen diese Art der Kälte haben.

Überhaupt waren die Tanzgruppen von Bettina Glöckler, Nadja Fischlein, Angie Kiesel und Steffi Wegmann, also die Minigarde, die Jugendgarde und die BTC-Garde, wie nicht anders zu erwarten, ein Quell der guten Laune, weil bei aller Perfektion - naja, bei den ganz Kleinen schon sehr weitgehend - die schwungvollen Choreographien nie dressiert wirken, sondern weil alle mit hoher Konzentration, aber auch sichtlichem Vergnügen dabei sind. Da zeigt es sich, wie wertvoll eine kontinuierliche Nachwuchsarbeit ist.

Überraschenderweise gab es dieses Mal auch ein paar selbstkritische, nachdenkliche Töne - und das ausgerechnet in den Liedern der BTC-Sänger um Christian Rüth, die eigentlich eher als Haudraufs in Erscheinung treten. Aber man kann sie verstehen: zum einen - das war bis vor kurzem undenkbar gewesen - die "Fahnenflucht" von Thomas Rüth d. Ä., der aus Garitz weg ausgerechnet in die Bad Kissinger Kurhausstraße gezogen, gleichsam zum Feind desertiert ist. Zum anderen die bevorstehende Schließung mit Abriss des Gasthauses zum Hirschen. "Porno-Heinz, adieu/bei dir war's immer schö" und "O Porno-Heinz, dreh' doch die Zeit zurück" sang das Quintett. Plötzlich merken auch die Garitzer, dass ihnen in den letzten Jahren im Altort die gesamte Gastronomie unter dem Hintern weggestorben ist.

Die Büttenreden waren wieder einmal ein Beweis, dass kabarettistische Spritzigkeit und Bütt kein Widerspruch sein müssen, und dass sie durchaus auch hochpolitisch sein dürfen. Nico Sauer als "Väterchen Frost" fand nicht nur deutliche Worte zu den peinlichen Wahlerfolgen der AfD: "13,8 Prozent in Reiterswiesen - trotz Warnung. Aber 9,77 Prozent in Garitz sind auch kein Ruhmesblatt." Sauer legte den Finger in nahezu jede politische Wunde. Aber bei allem Unbehagen musste man ihm einfach recht geben.

Steffi Wegmann deckte als "Frau Holle" mildtätig mit ihrem Schneekissen die Kissinger Politiksünden zu. Aber vorher wurden sie natürlich scharfzüngig genau erläutert von Berliner Platz bis Kurhausbad. Und köstlich war das realsatirische Märchen vom Kay (Blankenburg) und Joachim (Galuska) um ein Stückchen (Besinnungs-)Wald.

Und auch Benedikt Rüth, der mit seinem Kühlwägelchen als "Eis-Martin" auftrat, ließ kein gutes Haar an der Kissinger Stadtpolitik. Er ätzte gegen OB Blankenburg, der in den letzten sechs Stadtblättern 53 Mal auf einem Foto stand, und wies geradezu wissenschaftlich exakt nach, dass die unberechenbaren Flatulenzen der Kissinger Bürger dafür verantwortlich sind, dass es mit der Kanalsanierung in der Fußgängerzone nicht weitergeht.

Die Aktionsgruppe um Robert Stadtmüller und Benedikt Rüth hatte unter dem Titel "Eislabyrinth" einen skurrilen Bilderbogen über die Formen der Kälte entwickelt - von der einfrierenden Kurmusik bis zum Mütchen kühlenden Kurschatten. Wirklich herausragend Johannes Ott, der das Aussehen, die Gestik und die Mimik von OB Blankenburg so genau studiert hatte, dass Verwechslungsgefahr bestand.

Und dann das große Finale mit Michl Müller, der dieses Mal als gestresster Paketbote mit der Welt haderte. Schnell kam er über sein Jammern über sein Dienstfahrrad zur Politik: zu Markus Söder, der nach der Wahl wohl Kreide gefressen hat, von Horst Seehofer und seinem Klammern an der Macht, zur Marginalisierung der SPD, zu Hubert Aiwanger als Mr. Bean der Landespolitik.

Und dann ging es gnadenlos ins Finale zum gemeinsamen Singen und emotionalem Ausschwimmen, bewährt seit vielen Jahren: "Das war wieder mal ein schöner Tag."

Natürlich wurden auch in diesem Jahr verdiente Narren ausgezeichnet. "Ordensritter" André Köstner vom Fränkischen Fasnachtsverband (FFV), verlieh den Saisonorden an Philipp Körner und Justus Müller. Den "Fränkischen Rechen" bekamen Hans-Jürgen Koch und Ralf Dürheimer. Mit dem "Till von Franken" geehrt wurde Alexander Werner, seit 1986 "Podestbauchef" und seit 2011 Elferrat.