Christoph Thiel ist Physiker sowie Projektleiter bei TenneT und verantwortlich für das Projekt "SuedLink". Die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitung (HGÜ) soll von Wilster im hohen Norden bis in den Süden nach Grafenrheinfeld führen. Der bisherige Trassenverlauf, der erst eine Grobplanung ist, führt an der Autobahn A 7 durch den Landkreis Bad Kissingen. Im Februar wurden die Pläne bekannt. Seitdem regt sich heftiger Widerstand in der Region. Im Interview mit der Saale-Zeitung spricht Thiel über die Notwendigkeit von SuedLink, über die Einspeisung von Kohlestrom, und wie er persönlich zur Energiewende steht.

Herr Thiel, TenneT bezeichnet SuedLink als "Hauptschlagader der Energiewende". Warum?
Christoph Thiel: Unter Energiewende verstehen verschiedene Organisationen unterschiedliche Dinge. Aber zwei Dinge sind ihnen gemeinsam: Zubau von erneuerbaren Energien und gleichzeitig die Abschaltung der Kernkraftwerke bis 2022. Diese beiden Größen bestimmen die Notwendigkeit vom Projekt SuedLink. Im Norden nimmt die Energieerzeugung durch Windkraft stark zu. Gleichzeitig fehlt uns künftig im Süden die Energie, weil da die meisten Kernkraftwerke sind. Die Leitungen, die heute bestehen, haben schon kritische Zustände erreicht, weil sie nicht nachkommen, die Windenergie aus dem Norden abzutransportieren.

Als Begründung für den Bau von SuedLink werden vor allem zwei Begriffe aufgeführt: Versorgungssicherheit und Netzstabilität. Was ist damit gemeint?
Zu jeder Sekunde, selbst zu jeder Millisekunde muss die gleiche Menge an Strom vorhanden sein, wie verbraucht wird. Die Frequenz, die Spannung, die Stromstärke und damit die Qualität des Stroms dürfen im Übertragungsnetz nur geringfügig schwanken, damit Maschinen und Verbraucher mit dem Strom gut arbeiten können. Ich weiß nicht, wann Sie in Deutschland den letzten Stromausfall erlebt haben...

Ich glaube, noch nie...
Genau das ist der Punkt. Es ist unsere Aufgabe als Netzbetreiber, dass die Energieversorgung rund um die Uhr gewährleistet ist. Und eben auch in zehn Jahren, wenn sich der Energiemix geändert hat.

Viele Bürger bezweifeln, dass es SuedLink überhaupt braucht.
Wenn wir das Szenario im Netzentwicklungsplan anschauen, dann sehen wir: In zehn Jahren werden wir keine Kernkraftwerke mehr haben. Kohlestrom geht deutlich zurück. Die erneuerbaren Energien nehmen zu. Schleswig-Holstein hat heute schon die doppelte installierte Windleistung, als es zu Spitzenzeiten selbst verbraucht. Das heißt, es gibt dort jetzt schon einen erheblichen Überschuss, den es abzutransportieren gilt. Hätten wir den Zubau von Windenergie im Norden nicht, dann bräuchten wir das Projekt SuedLink auch nicht.

Stichwort Kohlestrom. Kritiker werfen TenneT vor, dass auch Kohlestrom in SuedLink eingespeist wird. Stimmt das?
Wir können nicht sagen, dass Elektronen irgendwo getrennt werden. Als Übertragungsnetzbetreiber sind wir jedoch gesetzlich verpflichtet, vorrangig und zu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energiequellen in unser Netz aufzunehmen und zu transportieren. Damit die Lichter aber nicht ausgehen, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht, wird es aber auch zukünftig noch so sein, dass bis 2022 zum Teil Kernenergie und darüber hinaus Strom aus konventionellen Kraftwerken zum Verbraucher transportiert werden muss. Über die frei zugänglichen Informationen (z.B. www.netzentwicklungsplan.de) kann sich jeder Interessierte selbst ein Bild davon machen, wo in den nächsten zehn Jahren wie viel Windstrom produziert wird, und wo welche konventionellen Kraftwerke stehen bzw. abgeschaltet werden oder in Planung sind.

Das heißt, durch SuedLink fließt ein Energiemix wie überall auch?
Genau. Aber es ist zu einem sehr hohen Prozentsatz Energie aus Windkraft und später auch aus Wasserkraft. Zusammen mit dem norwegischen Übertragungsnetzbetreiber Statnett plant TenneT eine Verbindung direkt an Wilster, also dem nördlichen Einspeisepunkt von Sued Link. Diese Leitung soll 1400 Megawatt Wasserstrom aus Norwegen abführen.

Der NordLink...
Ja, das Projekt ist sozusagen der Namensvetter von SuedLink.

Aber muss man Wasserstrom tatsächlich aus Norwegen herholen? Viele wünschen sich eine dezentrale Energieversorgung vor Ort.
Dezentrale Energieversorgung steht gar nicht im Widerspruch zu dem, was wir hier planen. Wenn wir mit der Energiewende auf einen Ausbau der erneuerbaren Energie setzen, dann haben wir mehr fluktuierende Energie, also Windenergie und Solarenergie, die nicht immer zur Verfügung stehen. Umso wichtiger ist, dass die dezentralen Energiestandorte vernetzt sind, damit es keine Engpässe gibt, wenn an dem einen Standort zu viel oder zu wenig Strom erzeugt wird. Je dezentraler die Energieerzeugung wird, desto größer wird auch die Bedeutung des Übertragungsnetzes.

Ein weiterer Kritikpunkt der Bürger ist, dass die Energiepolitik des 21. Jahrhunderts mit Technik aus dem 20. Jahrhundert umgesetzt wird. Es werden also Masten gebaut und Leitungen durch die Landschaft gezogen, anstatt nach Alternativen zu suchen.
Es gibt sicherlich viele Wege zur Energiewende, aber wir als TenneT müssen damit umgehen, was uns aus der Politik vorgegeben wird. Und Bürger-Windparks zum Beispiel sind ja genauso Bestandteil der Energiewende wie SuedLink.

Warum setzt man zum Beispiel nicht großflächig auf das Prinzip "Power to Gas" (überflüssigen Strom in Gas umwandeln).
Da braucht es zum einen die technischen Möglichkeiten, die TenneT über ein eigenes Forschungsprojekt in Schleswig-Holstein erforscht und zweitens den gesetzlichen Rahmen. Wir als TenneT dürfen noch nicht einmal Energie erzeugen, sondern sind nur für den Transport von Strom zuständig. Und auch hier bewegen wir uns in einem engen gesetzlichen Rahmen: Die großen Leitungen sind ja nicht nur im Netzentwicklungsplan bestätigt, sondern in ein Bundesgesetz übergeführt worden, was die Notwendigkeit noch einmal unterstreicht.

Wie konnte es eigentlich passieren, dass die Trasse so nah an Bad Brückenau vorbeiführen soll? Wir liegen im Biosphärenreservat, haben einen Truppenübungsplatz und Kurgebiete ...
Die ganze Rhön ist prinzipiell ein sehr schwieriges Gebiet. Da gibt es keine Möglichkeit, die einem direkt ins Auge springt. Die Bündelungsmöglichkeit mit bestehender Infrastruktur, hier also die Autobahn A 7, ist ein Merkmal, das für diese Trassenführung im Landkreis Bad Kissingen ausschlaggebend ist.

Ein ausschlaggebender Punkt dürfte auch die Erweiterung des Biosphärenreservats Rhön sein. Wird das den Trassenverlauf durch den Landkreis verhindern?
Im Falle der Erweiterung des Biosphärenreservats wurden wir im Rahmen des Projektdialogs u. a. auch vom Landkreis Bad Kissingen frühzeitig auf die zwischenzeitlich erfolgte Erweiterung hingewiesen. Auch dieser neue Sachverhalt wird in die Prüfung einbezogen. Inwieweit sich dies auch auf die Findung weiterer Alternativen auswirkt, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht abschätzen.

Wie geht's jetzt weiter?
Wir haben bisher insgesamt 2200 Hinweise zum Trassenverlauf bekommen. Das ist für uns jetzt sehr viel Arbeit, die alle auszuwerten. Erst wenn diese Auswertung vollzogen ist, werden wir den Antrag bei der Bundesnetzagentur stellen. Davor möchten wir die Ergebnisse dieser Auswertung in weiteren Veranstaltungen, voraussichtlich ab September, vorstellen. Der Antrag bei der Bundesnetzagentur wird der erste Schritt im formellen Bundesfachplanungsverfahren sein, dessen Ziel es ist, überhaupt erst einmal einen Untersuchungsrahmen festzulegen. Aktuell rechnen wir mit der Antragsstellung bis Ende dieses Jahres.

Eine letzte Frage: Sind Sie persönlich davon überzeugt, dass die Energiewende, so wie sie jetzt umgesetzt wird, Sinn macht?
Ja. Der Netzentwicklungsplan geht davon aus, dass wir heute 20 Gigawatt installierter Kohlestromleistung haben. In zehn Jahren werden es laut der konservativen Prognose nur noch 16 Gigawatt sein, und bis Ende 2022 sollen zudem alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Gleichzeitig werden wir einen weiteren Zuwachs an erneuerbaren Energien haben und das ist genau das, was ich unter Energiewende verstehe.