Vorsichtig, fast zärtlich, wischt Gunter Demnig mit einem Taschentuch die Messingtafeln sauber. Gerade hat der Kölner Künstler sie in den Asphalt des Fußwegs vor der Einfahrt zum Anwesen Wernarzer Straße 8 im Staatsbad eingelassen - unter den Augen vieler Menschen und nachdenklichen, manchmal dramatischen Gitarrenklängen von Pfarrer Gerd Kirchner.

20 Minuten später wird der Mörtel um die Tafeln ausgehärtet sein. Eine feste Erinnerung an die jüdische Hoteliersfamilie Strauß, die im Holocaust von den Nazis ausgelöscht worden war (wir berichteten).

Es war der zweite Teil der groß angelegten 4. Verlegung von Stolpersteinen in Bad Brückenau. Begonnen hatte sie an der alten Hauptpforte des Pflegeheims Schloss Römershag, wo Demnig zur Musik des Schüler-Quartetts "Degand" zwei Stolpersteine - ebenfalls sorgfältig - verlegte. Sie erinnern an die ehemaligen Bewohnerinnen Therese Wittekind und Julie Nordschild.

Die durch ihren Glauben und ihre Behinderung doppelt gebrandmarkten Frauen aus Bad Kissingen und Schweinfurt fielen höchstwahrscheinlich dem sogenannten Euthanasie-Programm (systematische Ermordung von mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland 1940/1941, heute T4 genannt) zum Opfer. An der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Römershag begann ihre Reise in den Tod.

Den wohl emotionalsten Moment der Feierstunde lieferte Roberto Ranelli. Der Pflegeheimleiter versuchte, die geschätzt 100 Zuhörer in die Gefühlswelt der beiden jüdischen Frauen mitzunehmen. "Wir können nicht wissen, inwieweit sie in der Lage waren, das zu verstehen, was mit ihnen geschieht. Aber ganz sicher hatten sie ab einem gewissen Zeitpunkt furchtbare Angst."

Ranelli weckte, Vorstellungen vom letzten Weg Wittekinds und Nordschilds: das in einem Zug mit Hunderten anderer weinender und schreiender Menschen Sitzen. Die Mischung aus Angst, Hunger und Durst. Das Fehlen einer tröstenden Stimme oder Hand.

Der 54-Jährige sah die Stolpersteine als "Zeugnis der furchtbaren Jahre von 1933 bis 1945 und Mahnmal für alle zukünftigen Generationen". Im Pflegeheim halte man es für "unsere Pflicht und Verantwortung, immer wieder an das Unrecht von damals zu erinnern".

Für Ranelli gibt aber auch die Gegenwart Mut und Zuversicht. Jüngere Generationen würden das nationalsozialistische System als grauenvolle, zynische und in jeder Hinsicht menschenverachtende- und vernichtende Ideologie entlarven. Unerträglich, dass es trotzdem Menschen in Deutschland gebe, die diese Ideologie verherrlichen und verharmlosen. Dagegen müsse man angehen.

Auch Bürgermeister Jochen Vogel (CSU) mahnte an, "dass die Geschichte präsent bleibt und wir ein Augenmerk darauf haben, dass so etwas nie wieder geschehen kann". Durch die Stolpersteine würde vielen Menschen, die unsägliches Leid erfuhren und deren Schicksale oft ungeklärt blieben, wieder ein Name gegeben. So würden sie nicht in Vergessenheit geraten.

Vogel zitierte Viktor E. Frankl, der selbst das Konzentrationslager überlebt hatte: Auch an Orten größter Unmenschlichkeit sei es möglich, im Leben einen Sinn zu sehen. Brigitte Meyerdierks als Stellvertretende Landrätin würdigte vor allem die Schülerinnen und Schüler am Franz-Miltenberger-Gymnasium und den späteren Arbeitskreis Stolpersteine unter Dirk Hönerlage, die sich auf die Spuren Brückenauer Juden begeben haben.

Gerüchteküche: "Pfleglinge" versteckt

Das honorierte auch Adelheid Zimmermann (FDP), Stellvertretende Bezirkstagspräsidentin. Sie berichtete, dass das Dritte Reich und die in der Heil- und Pflegeanstalt tätigen Erlöserschwestern noch vor 40 Jahren Gesprächsthema unter den Einheimischen waren. Es wurde von Hinweisen aus der Bevölkerung geredet, wenn die Geheime Staatspolizei einen Termin in der Einrichtung hatte oder wenn jemand abgeholt werden sollte. Dann sei versucht worden, "die Pfleglinge im Wald zu verstecken".

In den Regierungsbezirken sei bekannt, "dass in der Geschichte der psychiatrischen Kliniken unter den Nazis Unrecht geschehen ist". Laut Zimmermann begann die regionale Forschung dazu erst 1985 in Werneck durch einen Dr. Schmelter. Nachweise zu Wittekind und Nordschild seien durch Forschungen des Bezirkes Oberbayern möglich geworden. Doch erst der AK Stolpersteine habe "ein Nachleben und ein Gesicht" fassbar gemacht.

In Römershag wie im Staatsbad verlasen Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums die Biografien der ermordeten Juden, darunter Felix Opitz und Christina Stretz. Auch die Paten der Stolpersteine wurden genannt.

Sieglinde Leiding hat die Patenschaft für Emilie Heimann übernommen, dem einzigen Spross der Strauß-Familie aus dem Staatsbad, bei dem Sterbeort und - datum bekannt sind (7. Februar 1943 in Theresienstadt). Heimanns Biografie hatte Leiding, die selbst die Nazizeit erlebte, vor der Stolpersteinverlegung nicht gekannt. Die Patenschaft übernahm sie aus Überzeugung. "Es passiert so viel. Immer wieder werden Juden angegriffen. Da muss man zeigen, was man denkt: dass dass alles nicht sein kann."