Bad Brückenau
Ukraine-Konflikt

Notfall-Mission in Warschau: auf der Suche nach acht gestrandeten Menschen

Kurzentschlossen holten Helfer acht gestrandete ukrainische Kinder und Jugendliche aus der polnischen Hauptstadt ab. Was die Aktion so wertvoll macht.
Bereit zur Abfahrt nach Polenj: die Helfer (von links) Elisabeth Goldstein als Dolmetscherin sowie die Fahrer Simon Wolz, Thomas Weißenfeld, Hansi Müller und Sven Claßen. Foto: Uwe Schindler
Bereit zur Abfahrt nach Polenj: die Helfer (von links) Elisabeth Goldstein als Dolmetscherin sowie die Fahrer Simon Wolz, Thomas Weißenfeld, Hansi Müller und Sven Claßen. Foto: Uwe Schindler

Der Anruf vom Samstagvormittag traf die Bad Brückenauer Ukraine-Helfer völlig unerwartet: Eine Dolmetscherin teilte ihnen mit, dass in Polen eine Gruppe aus acht Kindern und Jugendlichen gestrandet sei - ohne Eltern. Das jüngste Kind sei neun Monate alt, die einzige Volljährige erst 19. Sie trage die volle Verantwortung für ihre minderjährigen Geschwister und Freunde, die neun, zehn, 15, 16 und 17 Jahre alt seien. Für die Helfer hieß es: handeln.

Um den Kindern das Leben zu retten, hätten die Eltern sie im umkämpften ostukrainischen Charkiw in den Zug gesetzt und Richtung Polen geschickt, hieß es. Sie selbst konnten nicht weg: Entweder sind sie Soldaten der ukrainischen Armee oder arbeiten - wie man in Deutschland sagt - in einem systemrelevanten Beruf.

Für die Helfer wäre es ein eher ruhiges Wochenende geworden, das erste nach zwei anstrengenden mit Hilfstransporten über mehr als 1000 Kilometer zur polnisch-ukrainischen Grenze. Dort hatten die Rhöner um Uwe Schindler und Christian Wirth nach langer, auch nächtlicher Fahrt nicht nur Hilfsgüter abgeliefert; sie nahmen Flüchtlingsfamilien mit (wir berichteten).

Doch trotz der Mühen war es für das Team des neugegründeten Vereins "Bad Brückenau hilft!" keine Frage: Alle wollten helfen. Schindler organisierte umgehend Fahrzeuge und Fahrer sowie eine Dolmetscherin. Christian Wirth kaufte belegte Brötchen und übergab dem Team aus dem Hilfsmittellager Getränke und warme Decken für die Fahrt.

Zunächst hieß es, dass die versprengte Gruppe aus Charkiw an der deutsch-polnischen Grenze bei Frankfurt/Oder wartet. Doch schnell wurde klar: Die Retter würden bis in die polnische Hauptstadt fahren müssen - also insgesamt zehn Stunden und 1000 Kilometer. "In Warschau waren wir dann mitten in der Nacht keine halbe Stunde", berichtet Thomas Weißenfeld, der neben Elisabeth Goldstein, Simon Wolz, Hansi Müller und Sven Claßen mitgefahren war.

Die völlig erschöpften Kinder und Jugendlichen wurden eingesammelt und nach Deutschland gebracht. "Vor allem die 19-Jährige schlief schnell tief und fest auf der Rückfahrt nach Bad Brückenau", schreibt Weißenfeld.

Bei der Ankunft am Sonntagmorgen stand bereits das Frühstück bereit. Helferinnen hatten es am evangelischen Gemeindehaus vorbereitet und auch Betten für die übernächtigten Flüchtlinge gerichtet. Einige der in den beiden vorherigen Hilfstransporten mitgekommenen ukrainischen Gäste kümmerten sich gemeinsam mit den deutschen Helfern um die Kinder und Jugendlichen. Ganz spontan wurde ein Kinderwagen von einer Spenderin abgeholt und ins Gemeindehaus gebracht. Am Mittag wurden einige aus der Gruppe Kinder und Jugendlicher vor und im Gebäude beim Spielen beobachtet.

"Wir sind uns alle einig, dieses gute Gefühl zu spüren, wie wertvoll unsere Hilfe ist und wie sehr sie wertgeschätzt wird. Das treibt uns jeden Tag aufs Neue an, weiter zu helfen", schreibt Weißenfeld im Namen von "Bad Brückenau hilft!".

Dieser war am 8. März, also zwischen den beiden ersten Hilfstransporten, im Sportheim Römershag aus der Taufe gehoben worden und wird demnächst ins Vereinsregister eingetragen.

Denn, so berichtet dessen Vorsitzender Ulrich Wildenauer, schon zu der Zeit stellten sich Fragen. Zum Beispiel die, wie die überwältigende Hilfsbereitschaft in und um Bad Brückenauer in geordnete Bahnen gelenkt werden kann - und wie sich die Unterbringung der ukrainischen Kriegsflüchtlinge effektiv organisieren lässt.

Zwar reisten die 21 mitgekommenen Familien des ersten Hilfstransports allesamt weiter. Doch eine Mutter fand laut Wildenauer mit ihrem Sohn und der schwangeren Tochter in Düsseldorf keine würdige Bleibe - und ist nach Bad Brückenau zurückgekehrt. Alle drei wohnen jetzt in der Sonnenkanzel in Züntersbach.

Mehr Flüchtlinge bleiben in der Region

Aus der zweiten Fahrt blieben von 18 Ukrainerinnen und Ukrainern schon die meisten mehr in der Region. Einige kamen privat in Bad Brückenau, Rupboden, Mitgenfeld oder anderswo im Landkreis unter, nur wenige fuhren weiter. Eine fünfköpfige Familie befindet sich noch in direkter Obhut des Vereins, konnte noch keine Wohnung beziehen.

Darüber hinaus hat das Landratsamt weitere sieben oder acht Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet im Gasthaus Krone einquartiert, so der Vereinsvorsitzende. Auch eine Unterbringung im Seniorenheim Sinntal stehe im Raum. Das Jugendamt hat die acht Kinder und Jugendlichen aus Charkiw inzwischen gemeinsam bei einer Familie im Landkreis untergebracht.

Innerhalb des Vereins hat sich auch eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich um den Fundus an Sachspenden kümmert. Die Stadt hat übergangsweise die Güterhalle des ehemaligen Bad Brückenauer Bahnhofs zur Verfügung gestellt. Einerseits können dort die vielen Spenden gelagert werden; andererseits dient die Halle als Anlaufpunkt für ankommende Flüchtlinge, wenn sie etwas brauchen.

Inzwischen sind die Helfer mit vielen Dingen gut versorgt. Weißenfeld, der auch im Vereinsvorstand sitzt, sagt: "Kleidung brauchen wir keine mehr, dafür Medikamente und Lebensmittel speziell für Kinder." Fürs erste Aprilwochenende plant "Bad Brückenau hilft!" die nächste Hilfsmission zur ukrainischen Grenze.

Auch will sich der Verein beim ersten Regionalmarkt des Jahres am 26. März in der Ludwigstraße vorstellen. Da geht es laut Wildenauer auch darum, sich noch stärker mit den örtlichen Geschäftsleuten und Vereinen zu vernetzen.

Unterstützung

Sachspenden (keine Kleidung mehr) können mittwochs von 16 bis 20 Uhr am Bahnhof in Bad Brückenau abgegeben werden. Geldspenden können auf folgendes Konto eingezahlt werden: IBAN DE86 7935 1010 0031 4335 19 bei der Sparkasse Bad Kissingen. Kontakt zum Verein "Bad Brückenau hilft!" gelingt über die E-Mail brk-hilft@gmx.de.