Bürgermeister Jochen Vogel (CSU) und Michael Stolz, Aktiver im Verein DenkOrt Deportationen, enthüllten das Kunstwerk am Mittwochnachmittag feierlich. Schöpfer Dirk Jäckel aus Motten konnte krankheitsbedingt nicht dabei sein.

Der Bürgermeister erinnerte an den Besuch von Josef Schuster bei der 3. Stolpersteinverlegung im Juli 2020. Der Präsident des Zentralrats der Juden sei "nachdenklich und traurig" gewesen, "dass die Stadt, in der seine Wurzeln liegen, sich bislang nicht am Projekt beteiligt hat". Kurz darauf, im Oktober 2020, habe der Stadtrat der Beteiligung einhellig zugestimmt.

Für Dirk Hönerlage, der erst mit einem P-Seminar am Miltenberger-Gymnasium und jetzt mit dem Arbeitskreis Stolpersteine jüdisches Leben in Brückenau erforscht, besitzen die beiden "Koffer" unterschiedliche Bedeutungen: Das Gepäckstück am Würzburger Hauptbahnhof steht für die Juden aus der Kurstadt, die zwischen 1941 und 1944 vom ehemaligen kleinen Güterbahnhof an der Aumühle oder dem Hauptbahnhof in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden. Nach Forschungen betraf das vier Einwohner.

Das Bad Brückenauer Gegenstück hingegen soll zusätzlich an jene erinnern, die in einer Großstadt untertauchten, weil sie in ihrer geliebten Heimat drangsaliert und entrechtet wurden, daher dort keine Perspektive mehr sahen. Sie wurden dann unter Umständen zum Beispiel aus Frankfurt oder Berlin in den Osten deportiert. Aber auch für jene, die sich durch Emigration in fremde Länder retteten, soll der Brückenauer "Koffer" gelten.

Michael Stolz aus Würzburg, selbst von 1977 bis 1980 in Volkers wohnend, stellte noch einmal die Idee des DenkOrtes in Würzburg vor. 2069 Menschen aus 109 jüdischen Gemeinden in Unterfranken seien mit den sechs großen und drei kleineren Transporten in die Vernichtungslager geschickt worden - nur 63 überlebten. Im Juni 1943 habe jüdisches Leben in Unterfranken aufgehört zu existieren.

Derzeit würden wieder sehr viele Gepäckstücke für den DenkOrt an die Öffentlichkeit übergeben, 32 zuletzt am 14. September, darunter der Bad Brückenauer "Koffer". 30 fehlen noch. Stolz sprach von einer "Welle der Besinnung".

Und heute? Dirk Hönerlage brachte ein Gleichnis: Viele der 200 000 deutschen Juden hätten immer noch einen Koffer auf dem Dachboden zu stehen. Heiße es für sie, nach ansteigenden antisemitischen Straftaten und der Verharmlosung des Holocausts durch unsägliche Vergleiche in der Querdenker-Szene: Koffer packen?

Das Jubiläum 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" biete die Gelegenheit, dieses Leben bei uns kennenzulernen und offen dazu zu stehen. Dann könnten die deutschen Juden ihre Koffer dauerhaft verstaut lassen.

Laut dem Bürgermeister wird das Umfeld des "Koffers" noch angemessen gestaltet.