In den frühen Morgenstunden - genau gegen 3.42 Uhr - erreichte am vergangenen Sonntag ein Fahrzeugkonvoi die Einfahrt an der evangelischen Kirche in Bad Brückenau. An Bord: 20 ukrainische Geflüchtete, ein Hund und 22 deutsche Helfer, die sich am Freitag zuvor gegen 14.30 Uhr mit einem Hilfstransport von der Kurstadt aus auf den Weg in Richtung der polnisch-ukrainischen Grenze gemacht hatten.

Es ist ein Fahrtweg von über 1000 Kilometern, den die Helfer auf der Hinfahrt vollbepackt mit Sachspenden wie Trinkwasser, Windeln oder etwa Isomatten zurücklegten, und auf der Rückfahrt mit den Geflüchteten und den Eindrücken von dort, die sich fest ins Gedächtnis eingeprägt haben.

In Nähe der ukrainischen Grenze

Etwas mehr als 16 Stunden waren die Fahrer mit neun Fahrzeugen unterwegs. Am Samstagmorgen um 7 Uhr kam der Tross in der polnischen Stadt Przemysl an, wie die Initiatoren des Hilfstransports, Uwe Schindler und Christian Bieler, berichten. "Von dort sind es noch circa 25 Minuten Fußweg bis zur ukrainischen Grenze", erklären sie.

Die Sachspenden gaben sie vor Ort in einem geschlossenen Supermarkt ab, der von polnischen Helfern zu einer Sammelstelle umfunktioniert worden ist. "Wir haben unsere Sachen sehr früh abgegeben, eine halbe Stunde später - und wir hätten den halben Tag gewartet."

Danach fuhren die Bad Brückenauer Helfer auf die andere Seite des Supermarktes, wo ein großer Parkplatz ist. "Der ganze Platz war voller Busse, Polizei, Feuerwehr und Geflüchteten, dazwischen Pavillons", beschreibt Bieler. Von polnischer Seite aus sei erst tags zuvor eine alte Zugstrecke reaktiviert worden, so dass quasi gleichzeitig mit dem Eintreffen der Helfer aus Bad Brückenau auch der erste größere Schwung an Geflüchteten ankam.

Völlig apathische Blicke der Geflüchteten

Im Gebäude selbst trafen die Helfer auf "mehrere tausend Menschen", vor allem Frauen und Kinder, die auf dem Boden kauerten. "Teilweise waren auch Verletzte dabei und der Blick bei vielen völlig apathisch", berichtet Helfer Christian Wirth. "Jeder von uns, der in dem Gebäude war, wird die Bilder nicht mehr los." Er habe sich dann ein Schild gebastelt und mit einem Edding-Stift "Transport to Germany" (Transport nach Deutschland) darauf geschrieben.

Eine Frau habe auf das Pappschild gedeutet, als er an ihr vorbeikam. "Sorry, we are full", musste Wirth da bereits sagen. Alle Plätze für die Rückfahrt waren belegt. Er stellte das Schild zu einem Mülleimer. "Es hat keine Sekunde gedauert, da hat sie sich den Karton geschnappt und einem kleinen Jungen als Unterlage gegeben", berichtet Wirth. "Es muss wirklich was passieren, das war das schlimmste Erlebnis überhaupt."

Hätten die Helfer gewusst, dass die Menschen in der Halle teilweise auf dem blanken Boden ausharren, sie hätten ihre Hilfsgüter direkt dorthin mitgenommen. Vor Ort fehle es noch an Helfern, um die Organisation zu stemmen. "Das Schlimmste waren aber nicht die Verhältnisse", sagt Bieler. "Sondern die Gesichter der Menschen. Es ist ein Genozid an der ukrainischen Bevölkerung, was da gerade passiert."

Ukraine-Hilfe aus ganz Europa

Hilfe indes ist aus ganz Europa unterwegs an die Grenze, wie die Fahrergruppe berichtet. Er sei auf einen Franzosen getroffen, erzählt Bieler, der zu ihm gesagt habe: Deutsche und Franzosen, Brüder für immer. "Auch auf der Autobahn konnte man die Unterstützung sehen, Schreiner, Zimmerer, Autos, die bis unter die Decke vollbepackt waren", schildert Wirth.

Auch der Bad Brückenauer Hilfstransport war als solcher deutlich an den auf den Fahrzeugen aufgebrachten ukrainischen Flaggen und Unterstützungszeichen zu erkennen. "Die Leute unterwegs haben geklatscht, wenn sie uns gesehen haben."

Während die Helfer von ihrer Fahrt berichten, klingelt immer wieder ein Handy. "Mich rufen sogar aus Augsburg Leute an, die selbst eine Fahrt organisieren wollen, um sich Tipps zu holen", berichtet Schindler. Wichtig sei eine Bevollmächtigung, um Firmenfahrzeuge nach Polen überführen zu dürfen, weiß er.

"Und man sollte 200 bis 300 Kilometer vor der Grenze noch einmal tanken", denn die Tankstellen vor Ort hätten nur noch Sprit für das Militär. Insgesamt 4000 Euro an Spritkosten seien für den Hilfstransport an die Grenze und zurück angefallen, berichtet Schindler.

Mit Borschtsch empfangen

Die Fahrer und die Geflüchteten wurden bei ihrer Ankunft in Bad Brückenau von Helferinnen in den Räumlichkeiten der evangelischen Kirche empfangen, wo alles für die Übernachtung vorbereitet worden war. Auch etwas zu essen gab es: Borschtsch. Ein traditionelles Gericht aus dem osteuropäischen Raum und somit ein Essen, das den Geflüchteten bekannt war.

Die Idee dazu hatte die Mutter von Valerie Wagner. Deren Familie stammt aus Kasachstan und hat eine Cousine, die in Süd-Donezk mit ihren beiden Kindern in einem Keller ausharrt. "Es ist schwierig, mit ihr zu kommunizieren", sagt Wagner. "Es gibt keinen Strom, kein Essen, kein Wasser."

Die 20 Geflüchteten, die die Fahrer aus dem Grenzgebiet mitbrachten, sind indes inzwischen nicht mehr in Bad Brückenau. "Wir waren ganz überrascht, dass die Menschen alle schon jemanden hatten, der irgendwo in Deutschland auf sie wartet", erzählt Martina Kirchner. Über einen Kontakt zum Reisebüro habe man kurzfristig die Weiterfahrt organisieren können.

Ihr sei zwischenzeitlich einmal der Gedanke gekommen, dass es ja nur 20 Geflüchtete seien, denen sie bislang helfen konnten, berichtet Kirchner und fügt einen Gedanken ihrer Mutter an: "Aber wenn das nun jede Stadt in Deutschland so machen würde."

Jede Spende zählt

Jede und jeder kann helfen, wie Wirth betont, der den nächsten Hilfstransport übernimmt (siehe unten). "Mit ein paar Euro kann man Malblöcke für die Kinder kaufen, die freuen sich darüber riesig", nennt er ein Beispiel. Helfer Thomas Weißenfeld berichtet, dass er den Spendenaufruf in seinen Whats-App-Gruppen geteilt habe. "Innerhalb von zwölf Stunden sind so 1800 Euro zusammengekommen."

Auch aus dem Kurstift habe die Helfer eine Spende erreicht, berichtet Schindler. Die Seniorinnen und Senioren steuerten demnach 1420 Euro bei. "Und als wir neulich im Supermarkt an der Kasse standen, da hat plötzlich eine Frau hinter uns gesagt, sie übernimmt den Einkauf", erzählt der Initiator. Oder wie Wirth es formuliert: "Jetzt ist Krieg, und alle helfen, wie sie können oder mit was sie können."

Die nächsten Hilfstransporte aus Bad Brückenau und Umgebung

Fahrt I Die Helfergruppe um Uwe Schindler und Christian Bieler plant aktuell weitere Hilfstransporte in Richtung der polnisch-ukrainischen Grenze. Bereits am Freitag startet wieder eine Fahrt. "Wir fahren mit fünf Fahrzeugen von Schondra aus los", berichtet Christian Wirth. Unter anderem ist man, wie er berichtet, gerade dabei, kleine Turnbeutel für Kinder mit Schokoriegeln, kleinen Spielsachen und Ähnlichem zu bepacken. Auch einen Transporter, der vor Ort zur Suppenküche umfunktioniert werden kann, nehmen die Helfer mit auf die Fahrt.

Daneben Isomatten, Schlafsäcke und Wolldecken, die dieses Mal vor Ort direkt an die Geflüchteten verteilt werden sollen. Weiterhin ist der Bedarf an Medikamenten für chronische Krankheiten hoch (z.B. Insulin oder Blutdruckmittel). Auch ein Notarzt wird sich aus Bad Brückenau mit auf den Weg machen sowie auch einige Frauen als Ansprechpartnerinnen für die geflüchteten Frauen.

Fahrt II Die Helfergruppe plant derweil noch einen weiteren, größeren Transport mit Reisebussen der Firma Kimmel, die einen Teil der Kosten selbst übernehmen wird. Für den Rest und die dringend benötigten Hilfsgüter sind nach wie vor Geld- und Sachspenden gesucht. Kontakt: Uwe Schindler, Tel.: 0175/407 11 30.