Berufsbezeichnung: "Diplomtheologin und Pastoralreferentin der Diözese Würzburg mit dem Auftrag der Kur-, Gäste- und Reha-Seelsorge". So müsste sich Edith Fecher eigentlich vorstellen. Sie ist Ansprechpartnerin für erkrankte Menschen, ratsuchende Männer und Frauen, aber auch für die Angestellten der Kurverwaltung. Sie verkürzt ihre Berufsbezeichnung auf ein eher ungewöhnliches Wort: "Ich fühle mich als Pfadfinderin." Im Interview erklärt sie warum.

Frau Fecher, was machen Sie eigentlich?Edith Fecher: Mein Auftrag ist es, Zeit zu haben.

Haben Sie die denn? Ja, und das ist das Großartige. In der heutigen Zeit haben viele Leute kaum mehr Zeit.

Für was? Für sich selbst, für ein gutes Gespräch, dafür, mal einen Blick ins Innere zu werfen und dadurch zu erkennen, wo es in der Zukunft hingehen könnte.

Sie sitzen Menschen gegenüber, die oft an einem Scheidepunkt in ihrem Leben stehen: Menschen mit schweren Krankheiten, die ihr Leben in ein davor und ein Danach teilen. Das stimmt.

Was bewegt diese Menschen?Das Gute ist: Wer zur Reha geht, dem geht es ja schon besser. Der liegt nicht mehr im Krankenbett. Aber viele haben durch ihre Krankheit massive Veränderungen im Berufs- und oder im Privatleben erfahren. Das sind wesentliche Fragen, die diese Menschen umtreibt: Werde ich wieder erwerbstüchtig werden? Wird mein Partner bei mir bleiben? Was kommt jetzt alles auf mich zu?

Aber das sind ja Fragen, auf die Sie keine Antwort geben können. Wenn mich das meine beste Freundin fragen würde, dann wäre ich schon überfordert. Was antworten Sie wildfremden Menschen? Ich bin nicht überfordert, da ich professionell ausgebildet bin. Ich gebe kaum Ratschläge und mache nur ganz wenige Vorschläge - ich versuche, den Blick der Betroffenen auf das zu lenken, was in deren Leben bis dato schon alles gut gewesen ist; wie viel Stärke sie in den vergangenen Jahren schon gezeigt haben. Und ich versuche, mit ihnen herauszubekommen, wo ihre Kraftquellen liegen. Oft kommt die Frage nach dem Warum. Warum habe ich Krebs bekommen? Ich kann sie nicht beantworten. Ich kann die Frage nach dem Warum nur mit den Menschen aushalten und für sie da sein - und trotzdem die Möglichkeit schaffen, auf etwas Positives zu blicken. Eben auf ihre Stärken, die sie im Laufe ihres Lebens schon oft unter Beweis gestellt haben. Wie reagieren die Menschen? Viele sagen: Es war mir gar nicht bewusst, wie viel ich schon bewältigt und geschafft habe - und das schafft ein positives Gefühl für die Zukunft. Ich versuche sie auf einen neuen Pfad zu bringen, deshalb sehe ich mich als Pfadfinderin. Da kommt auch die Seelsorgerin durch, die Pfadfinderin Gottes.

Was, wenn einer nicht an Gott glaubt? Dann hat er ein anderes Netz, das ihm Kraft schenkt, außerdem ist die Beratung für alle da. Kürzlich war eine Frau bei mir. Alleinstehend, gehobene Position, sie hat ihr ganzes Leben sehr viel gearbeitet. Durch die Krankheit kam sie erstmals zum Nachdenken. Nach drei Wochen in Bad Brückenau hat sie bemerkt, dass sie früher einmal eigentlich ein gläubiger Mensch gewesen ist, aber das total verloren hat. Sie sagte: Ich fühle mich in meinem Verhältnis zu Gott total verwahrlost.

Und da kommen Sie und räumen als Pfadfinderin das Gestrüpp am Wegesrand beiseite. Richtig, so kann ich Klarheit bringen: Wo steht dieser Mensch gerade, wohin soll er seinen Blick richten. Für diese Frau war es, als ob ein Knoten geplatzt wäre.

Geht es immer so spirituell zu? Nein. Es sind auch wirklich ganz handfeste, zutiefst menschliche Probleme. Bad Brückenau ist ein Spezialgebiet für die Organe im Bauchraum. Und wer zum Beispiel Prostatakrebs hatte, der hat oft auch Probleme in der Sexualität. Männer weinen dann bei mir, sie haben Angst um die Partnerschaft, weil sie meinen, die Bedürfnisse ihrer Partnerin nicht mehr befriedigen zu können. Da ist Offenheit gefragt - und mir ist nichts Menschliches fremd.

Wie verarbeiten Sie selbst solche Gesprächsstunden? Im Gespräch bin ich empathisch, einfühlend und sensibel. Aber ich habe auch wie Therapeuten gelernt, Abstand zu halten. Es bringt nichts, wenn ich mich ins Loch neben den Patienten setze. Aber mir hilft mein Glauben. Im Staatsbad habe ich die Marien- und die Christuskirche. Da kann ich mich jederzeit reinsetzen und Dinge ablegen. "Bis hier hin, lieber Gott, konnte ich helfen - der Rest ist deine Sache" - das hilft. Außerdem bin ich mit einem Pastoralreferenten verheiratet, mit dem ich mich auch besprechen kann. Da ich in Gemünden wohne, habe ich eine räumliche Distanz.

Erhalten Sie Dank? Direkt nach den Gesprächen: ja. Später nicht so oft. Die meisten sehe ich einmal, dann nicht mehr. Es gab eine Frau, die hat mir regelmäßig noch Gedichte über ihre Zeit in Bad Brückenau geschickt. Das fand ich schön. Aber ich habe auch gelernt, die Geschichten der Menschen wieder loszulassen.

Was berührt die Menschen am meisten? Zum einen, dass es in meinem "Zeit.Raum" in der Villa Schwan tatsächlich Zeit für sie gibt. Und dass ich sie segne. Davon sind viele sehr gerührt. Aber das gehört für mich dazu: Das Wohlwollen von Gott weiterzugeben. Da kommen dann häufig die Taschentücher zum Einsatz, die ich immer griffbereit stehen habe. Oder auch meine Atem- und Entspannungsübungen mit spirituellen Elementen, wie z.B. in der "SeelenVerwöhnZeit" in der Hartwaldklinik

Hat Ihnen eigentlich schon mal jemand das Herz ausgeschüttet, weil er sich - vielleicht verheiratet - auf der Kur Hals über Kopf verliebt hat? Nein. Aber ich will nicht ausschließen, dass es das gibt - und dass das auch Nöte sind, will ich nicht abstreiten.

INFO:

Edith Fecher ist 56 Jahre alt, verheiratet mit einem Pastoralreferenten, die beiden haben drei erwachsene Söhne. Sie ist Diplomtheologin und als Pastoralreferentin der Diözese Würzburg Kur-, Gäste- und Reha-Seelsorgerin. Daneben ist sie Kommunikationstrainerin und Tanzpädagogin und war früher Ehe- und Familienseelsorgerin und Tanzpädagogin. Das Büro der Kurseelsorge in der Villa Schwan in Bad Brückenau heißt "Zeit.Raum.". Die Kurgäste werden über Flyer, Aushänge oder Veranstaltungen oder durch die Kurverwaltung auf Edith Fechers Angebot aufmerksam. Es ist einmalig in Bayern, dass eine Kurseelsorgerin zeitgleich eine feste "Gemeinde" hat, nämlich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Kurverwaltung.

Edith Fecher arbeitet derzeit alleine. Ihre evangelische Kollegin hat die Stelle gewechselt. Ihr Angebot ist aber nicht an Konfessionen gebunden. Schweigepflicht und Vertraulichkeit sind Grundvoraussetzungen für die Gespräche.