Trotz der Corona-Pandemie laden die Stadt, der Arbeitskreis Stolpersteine und beide Kirchen am heutigen Montag zum Gedenken an die Pogromnacht vor 82 Jahren ein. Bürgermeister Jochen Vogel (CSU) hat sich dazu entschlossen, "weil ich dieses Datum als zu wichtig erachte, als es stillschweigend mit einer Kerze zu begehen."

Zulässig ist eine solche Zusammenkunft nach der 8. Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung auch im Lockdown-Monat November. Es dürfen nur nicht mehr als 200 Menschen kommen und der nötige Abstand zwischen den Teilnehmern muss gewahrt sein.

Stolpersteine auf Youtube

Dennoch wird manches anders sein. Nur ein Schüler verliest alle Namen. Auch die Kerzen werden nur von einer Person angezündet. "Wir laden ausdrücklich dazu ein, Spaziergänge zu machen und kurz inne zu halten und sich daran zu erinnern, was am 9. November passiert ist", sagt Dirk Hönerlage, Sprecher des Arbeitskreises Stolpersteine.

"Wir wollen das Bedenken nicht dadurch beschädigen, dass über die Einhaltung der Corona-Regeln diskutiert wird", begründet Kulturamtsleiter Jan Marberg, warum die Zeremonie diesmal von den Organisatoren besonders schlicht gehalten wird.

Los geht es um 18.30 Uhr an der Gedenktafel für die ermordeten Juden am Alten Rathaus. Zuvor wird das Praxis-Semester "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" des Franz-Miltenberger-Gymnasiums (FMG) unter der Leitung von Kathrin Schiersch Teelichter neben den Stolpersteinen anzünden, um an einzelne Schicksale der Juden zu erinnern.

Auf dem städtischen Youtube-Kanal ist unterdessen ein Video der vergangenen Stolperstein-Verlegung im Juli zu sehen. Steffen Hildenbrand, Robin Kirchner und Jan Marberg haben es für zwei Familien aus den USA produziert. Die Nachfahren Bad Brückenauer Juden hatten zur Verlegung kommen wollen. Doch wegen der Pandemie wurde daraus nichts.

Lesung im Gymnasium

Eine Ausstellung über den Partnerlandkreis Tamar in Israel, den junge Leute aus der Region konzipiert haben, wird erst im Frühling gezeigt. Eine Lesung im Gymnasium findet aber trotzdem statt, wenn auch in deutlich kleinerem Rahmen als geplant. Nur die zehnten Klassen des Gymnasiums hören dem Schauspieler Michael Stacheder zu, der aus den Tagebüchern Max Mannheimers vorliest. Ursprünglich habe das FMG die Lesung für mehr Schüler anbieten und auch benachbarte Schulen dazu einladen wollen, schildert Konrektor Hönerlage.

Der Holocaust-Überlebende Mannheimer ist vor vier Jahren in München gestorben. Zu Lebzeiten sprach er vor Schulklassen über seine Erlebnisse. Nun setzt Stacheder dieses Erbe fort. "Ihr seid nicht dafür verantwortlich, was geschah", habe dieser zu den jungen Leuten gesagt, gibt der Schauspieler den Schülern mit. "Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."

Veranstaltungen im Gedenk-Monat November:

Gedenken An diesem Montag, 9. November, erinnert die Stadt an die Pogrome gegen die Juden im Jahr 1938. Um 18.30 Uhr verliest ein Schüler die Namen der ermordeten jüdischen Bürger an der Gedenktafel am Alten Rathaus. Alle Bürger sind eingeladen, mit Abstand dabei zu sein oder einen Spaziergang in der Umgebung zu machen. Auch nachträglich können noch Lichter angezündet werden.

Lesung Am 27. November liest der Schauspieler Michael Stacheder im Franz-Miltenberger-Gymnasium aus den Tagebüchern Max Mannheimers vor. Der jüdische Kaufmann, Schriftsteller und Maler verlor fast seine gesamte Familie durch den Holocaust.

Ausstellung Die Ausstellung "Tamar - Bad Kissingen. Perspektiven" sollte ursprünglich ab 10. November in der Bibliothek zu sehen sein. Aufgrund der Pandemie wird das verschoben - vermutlich aufs kommende Frühjahr.

Das erlebten zwei Schüler in Israel:

Melissa Witzke (18) aus Bad Brückenau reiste schon zweimal in den Partner-Landkreis Tamar in Israel. Dabei habe sie sich nie als Deutsche unwohl gefühlt. "Keiner hält uns Jungen die Schuld vor", ist ihre Erfahrung. Dennoch ist ihr die Vergangenheit nicht egal. "Das muss ja trotzdem in Erinnerung bleiben." Melissa bringt sich deshalb beim Arbeitskreis Stolpersteine ein. Am meisten fasziniert hat sie in Israel "die Kultur. Die Menschen, ihre Art zu leben. Und die Gastfreundlichkeit."

Philipp Kreß (18) aus Altengronau war ebenfalls beim Austausch dabei. "Am stärksten hängen geblieben ist für mich Jerusalem", erzählt er. Monumentale Bauten wie die Klagemauer oder die Grabeskirche haben ihn "sehr beeindruckt". Drei Tage besuchte er eine Gastfamilie und erlebte Pessach, einen der wichtigsten jüdischen Feiertage, mit. "Man stellt sich Israel sehr religiös vor, was es auch ist", sagt er. "Aber es ist auch modern und jung." Er engagiert sich ebenfalls im Arbeitskreis Stolpersteine.

45 Namen ermordeter jüdischer Bürger verliest ein Schüler am 9. November zum Gedenken.

23 Stolpersteine erinnern in Bad Brückenau an das Schicksal der Juden während des Nationalsozialismus.