Die Amtszeit von Bürgermeister Dr. Egid Trost wirft ein Schlaglicht auf die Zeit des Nationalsozialismus - und den Umgang mit den politisch Verantwortlichen nach dem Krieg. Trost war von 1934 bis 1945 im Amt. Nach dem Krieg führte er die Stadt noch einmal 18 Jahre lang.

Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, war Georg Metz ( 1879 bis 1953) Bürgermeister. Die Nazis wollten ihn loswerden (Bericht gestern), wovon sein Nachfolger, der damalige Stadtkämmerer Egid Trost, profitierte. Dokumente im Stadtarchiv belegen, wie die NSDAP-Fraktion im Stadtrat versuchte, einen Untersuchungsausschuss gegen Metz durchzusetzen. Bis hinauf zur Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg drang der Konflikt. Metz erkrankte zwischenzeitlich. Nachdem er ein Jahr gefehlt hatte, wurde er im März 1934 in den Ruhestand versetzt. Trost übernahm.

"Dr. Trost war kein Brückenauer. Er war in der Stadt durch die Heirat mit einer Tochter der Siebener etabliert", erklärt Kreisarchivpfleger Roland Heinlein. Am 18. Mai 1935 wurde Trost feierlich in sein Amt eingeführt. Im Oktober stellte er den Stadtrat auf das Führerprinzip um. Trost war Parteimitglied und stellvertretender Kreisleiter der NSDAP. Während seiner Amtszeit wurden die Juden der Stadt in Vernichtungslager gebracht. Wer war dieser Mann, den die Brückenauer nach dem Krieg unbedingt als Bürgermeister zurückhaben wollten?

Ein Mann, der fürs Amt gelebt hat

Ehrenbürger Walter Schöpfner erinnert sich. "Er war ein schöner, strammer Mann. Ich war damals ja noch ein Pimpf", erzählt der 87-Jährige. "Wir hatten keinen Nazi-Bürgermeister", sagt er. Ein Mensch, der damals nicht gelebt habe, könne das nicht verstehen. Schöpfner zeichnet das Bild einer zutiefst verstrickten Stadt. Jeder, der ein Geschäft hatte, habe sich mit der Partei gut stellen müssen. In Brückenau habe es anfangs vielleicht drei oder vier gegeben, die sympathisiert hätten und "gleich die braune Uniform anhatten", sagt Schöpfner. Egid Trost habe nicht dazu gehört. Vielmehr beschreibt Schöpfner ihn als einen Mann, der fürs Amt gelebt hat.

Auch Ehrenbürgerin Else Prause lässt nichts auf den Bürgermeister kommen: "Es war ein geflügeltes Wort: Wenn der Dr. Trost nach München fährt, dann bringt er Geld für Brückenau mit." Prause war 19 Jahre alt, als die Amerikaner kamen. Damals war die Stadt noch Zentrum des Landkreises Brückenau. Als Sekretärin des Landrats bekam sie die Umwälzungen der damaligen Zeit unmittelbar mit. "Wir haben dem Dr. Trost, dem Baron [ehem. Landrat; Anm. d. Red.] und dem Polizeichef Schnabel zu verdanken, dass Brückenau nicht in die Luft geflogen ist", sagt die 94-Jährige überzeugt.

Kein böses Wort über den Bürgermeister, der sich mit Hilfe der Nationalsozialisten ins Amt beförderte, kommt über ihre Lippen. War Egid Trost denn kein Nazi? "Weniger, als Sie vielleicht denken", antwortet Prause. "Alle Männer, die in Führungspositionen waren, mussten in die Partei eintreten", schildert sie. Selbst das Pfarrhaus sei mit der Fahne der NSDAP geschmückt gewesen. "Viele waren Mitläufer."

Drei Jahre im Internierungslager

Ein Mitläufer, zu diesem Urteil kam die Spruchkammer Hammelburg. Drei Jahre lang war Trost in Internierungslagern in Hammelburg und auch in Regensburg, berichtet seine Tochter Uta Jagusch. Just einen Tag vor der Bürgermeisterwahl am 25. April 1948 fiel die Entscheidung, die Trost eine Kandidatur möglich gemacht hätte. Doch der Entscheid über die Entnazifizierung war am Stichtag noch nichts rechtskräftig, zitiert der frühere Kreisheimatpfleger Leonhard Rugel einen Zeitungsbericht.

"Die Bürgermeisterwahl nahm in Brückenau einen unerwarteten Verlauf: Am Samstagnachmittag forderten plötzlich zahlreiche Plakate dazu auf, Dr. Trost zu wählen", heißt es im Artikel. Trost stand nicht auf der Liste, dennoch erhielt er 1190 Stimmen. Der frühere Bürgermeister Metz lag abgeschlagen bei nur 348 Stimmen, drei andere Kandidaten bekamen noch weniger. Am 9. Mai wurde die Wahl wiederholt. Diesmal erhielt Metz die meisten Stimmen. Trost war noch immer nicht zugelassen.

Trost kehrte als Stadtkämmerer ins Rathaus zurück. 1952 löste er Metz als Bürgermeister ab - zum zweiten Mal. Dieser starb ein Jahr später im Alter von 73 Jahren. Trost lenkte das Geschick der Stadt noch viele Jahre. Er war in zahlreichen Gremien vertreten, darunter im Vorstand des Bayerischen Städtetags und des Bayerischen Heilbäderverband. Von 1952 bis 1970 saß er im Kreistag, zehn Jahre davon als stellvertretender Landrat. Der Stadtrat ernannte beide Bürgermeister, Georg Metz und Egid Trost, zu Ehrenbürgern. Trost ist zudem der Titel des Altbürgermeisters verliehen worden.

Politische Erfolge nach dem Krieg

"Mir tut bis heute weh, dass nichts an ihn erinnert", sagt Edgar Rieß, der von 1961 bis 1998 wechselnd Geschäftsleiter und Kämmerer der Stadtverwaltung war. "Er war für mich nichts anderes als ein Vorbild." Als intelligent, redegewandt und sehr gut vernetzt beschreibt Rieß seinen ehemaligen Vorgesetzten. "Die Leute, die mit ihm studiert hatten, waren ja auch in diesen Positionen", schildert Rieß, dass Trost auch nach dem Krieg fast alle Personen in Schlüsselstellen kannte. "Die Leute, die bis 1945 aktiv waren, wurden später wieder gebraucht", erklärt Heinlein, warum Trost nach dem Krieg so erfolgreich war.

Rieß hat vieles aufgehoben, was an den langjährigen Bürgermeister erinnert, auch das Redemanuskript von dessen Verabschiedung. Damals soll Trost einen chinesischen Weisen zitiert haben: "Es fällt den Nachkommen leicht, an den Taten ihrer Vorfahren zu nörgeln. Wie schwer würde es ihnen oft fallen, an deren Stelle zu sein und Gleiches zu schaffen." Trost sagte das im Zusammenhang mit umstrittenen Projekten - nicht in Bezug auf die Vergangenheit.

Uta Jagusch, Trosts jüngste Tochter, war bei der Verabschiedung dabei. "Früher, in meiner Jugend, ist darüber nicht gesprochen worden", sagt die 78-Jährige. Erst in seinen letzten Jahren habe ihr Vater seine Gedanken mit ihr geteilt. "Ich glaube, dass er kein glühender Verfechter war", sagt sie über dessen politische Einstellung. Einmal habe er gesagt, dass alle versagt hätten, damals zur Zeit des Nationalsozialismus. "Das hat er so gesehen." Angegriffen fühlt sie sich durch die Recherche nach Jahrzehnten nicht, im Gegenteil: Als junge Frau habe sie sich ähnliche Fragen gestellt. "Es ist endlich Zeit, dass wir - Jung und Alt - miteinander reden."

Ein Porträt über Georg Metz lesen Sie hier.

Aus dem Leben von Egid Trost:

Eckdaten Egid Trost ist am 1. September 1900 in Frankenbrunn geboren worden und starb am 16. Juli 1976. Von 1934 bis 1945 war er Bürgermeister von Brückenau. Nach seiner Entnazifizierung durfte er wieder für ein politisches Amt kandidieren. 18 Jahre lang, von 1952 bis 1970, war er erneut Bürgermeister.

Wirken Trost studierte Volkswirt und erwarb einen Doktortitel. Zunächst arbeitete er in Würzburg. 1930 bewarb er sich als Stadtkämerer und füllte diese Aufgabe aus, bis er Bürgermeister wurde. Während seiner ersten Amtszeit begann er damit, die Sinn im Stadtgebiet zu regulieren. Ein Schlachthaus wurde gebaut. Des Weiteren gaben die Bürger alteingesessene Holzrechte auf, die Stadt erwarb die Rechte an der Siebener Quelle und Römershag sowie Wernarz wurden eingemeindet. Der Bau der heutigen Grundschule mitsamt Turnhalle und Umbauten an Gymnasium und Realschule fallen in Trosts Amtszeit nach dem Krieg. Er investierte in Kanalisation und Wasserversorgung. Ein Feuerwehrgerätehaus und der Bauhof wurden gebaut. Zudem siedelten sich unter Trost die Unternehmen Ferkinghoff (Textilfabrik, Schließung 2012), Elektrometall (Zulieferer Automobilbranche, bis 2013), Lindpointner (Torbau, bis 2019) und der längst geschlossene holzverarbeitende Betrieb Hagemann an. Trost begründete den Valentin-Becker-Preis. Unter ihm wurde der Vorläufer der heutigen Georgi-Halle errichtet. Nach zähem Ringen erhielt die Stadt - neben dem Staatsbad - ebenfalls den Titel Bad im April 1970.

Familie 1928 heiratete Egid Trost Elisabeth Schäfer, eine Tochter der Siebener - also jener Bürger, denen die Stadt die Siebener Quelle verdankt. Das Paar bekam zwei Töchter und einen Sohn.