Da haben wir in den letzten Wochen immer heftiger über die Sonne und die anhaltende Hitze geschimpft. Und dann treten die wirklich den Rückzug an. Aber dummerweise einen Tag zu früh! Hätte das Wetter die Schimpferei nicht noch einen Tag länger aushalten können? Dann hätten zwar die Wurstbrater auch am dritten Abend des Brückenauer Open-Air-Spektakels bei ihrer Arbeit in die untergehende Sonne blinzeln müssen, aber andererseits hätte dann die Aufführung von Giuseppe Verdis "Aida" etwas von ihrer operalen Grandezza wahren können, wäre nicht so sehr in die Nähe einer Seenotübung gerückt. Die Aufführung ist trotz des stärker werdenden Regens nicht ins Wasser gefallen - da sind die Brückenauer härter im Nehmen als die Veroneser -, sondern nur das Wasser über die Aufführung.

Nein, die Produktion der Venezia Festival Opera musste sich angesichts der Unbilden der Witterung deutlich unter Wert verkaufen. Es ist für Sängerinnen und Sänger verdammt schwer, gegen das immer lauter werdende Plätschern des Regens anzusingen und sich dabei immer weniger selbst zu hören. Und es ist noch schwerer, wenn man vor sich ein Publikum hat, das zwar gerne gekommen ist, aber irgendwann nur noch eins will: heim ins Trockene.

Aber genug geklagt! Wenn man bereit war, einmal den Regen auszublenden aus seinen Wahrnehmungen, dann konnte man, wenn auch mit gewissen Abstrichen, durchaus gute Musik hören, die es in einem Theater natürlich sehr viel leichter gehabt hätte. Verdi hat eine hochdramatische, eingängige Musik geliefert, und die Themen, die Antonio Ghislanzoni in seinem Libretto verarbeitet hat, sind bis auf den Schluss immer noch erstaunlich aktuell, etwa die Verratsproblematik des Radames oder der Umgang mit Gefangenen.


Sehr gute Hauptpartien

Aber der gute Eindruck gründete sich auch auf die gute Besetzung der drei Hauptrollen. Elena Baramova als äthiopische Prinzessin Aida, die unerkannt als Sklavin am Hof des Pharao aufgetaucht ist, und Elena Chavdarova-Isa als dessen Tochter Amneris, die beiden erbittert kämpfenden Rivalinnen und die Zuneigung des Radames, hatten sich im Kopf sehr schnell freigemacht von den widrigen Bedingungen und sangen nicht nur sehr gut und sehr bewusst timbriert, sondern spielten auch mit großem Engagement die Dramatik ihrer Situation. Stoyan Daskalov brauchte ein bisschen länger, bis er seine Skepsis gegenüber den Verhältnissen überwand, aber dann bekam er tenorale Leichtigkeit, der man wirklich gerne zuhörte und die er sich bis zum Schluss seiner keineswegs einfachen Partie bewahrte.

Erstaunlich war, wie schnell die drei rhythmische Präzision gewannen, obwohl sie den Dirigenten im benachbarten Zelt nur über Monitor sehen und die Musik nur über Lautsprecher hören konnten.

Die anderen Stimmen fielen da ein bisschen ab. Vladimir Nikov (Pharao), Ivaylo Dzhurov (Ramphis) und Alexander Krunev (Amonasro) neigten zu pathetischer Hohltönerei, die nicht unbedingt der Nährboden des Geheimnisvollen ist. Und den für eine Tourneebühne erstaunlich großen Chor hätten man sich deutlich zupackender, weniger defensiv an den Monitoren hängend gewünscht.


Regie auf Sparflamme

Nadia Hristo hat die Oper auf die Bühne gebracht. Gut, sie hat das Werk nicht in der Bedienung persönlicher Befindlichkeiten kaputt inszeniert oder verunklärt, aber von Regie, gar von Personenregie zu sprechen wäre zu viel gewesen. Es gab die allernotwendigsten Gänge, jeder wusste, wo er sich nach bedächtigem Schreiten hinstellen musste, und da stand er dann in Einheitspose, als wären ihm die vor der Brust gekreuzten Arme an den Schultern festgewachsen. Dass die drei Hauptfiguren emotional wirkten, war ihr persönliches Verdienst.
Über das Bühnenbild konnte man schmunzeln: eine etwas abgewohnte Sperrholzwelt mit ein paar ägyptischen Versatzstücken, der man den schnellen Auf- und Abbau deutlich ansah.

Vermutlich war das Orchester, von Nayden Todorov sehr engagiert geleitet, ganz gut. Aber darauf wetten wollte man nicht. Denn was der Aufführung noch mehr geschadet hat als der Regen, war die unerwartet schlechte Tontechnik. Da fehlten meistens jegliche Obertöne, da stimmte meistens nicht die dynamische Klangbalance, da hörte man sogar mitten in der Musik Gespräche am Mischpult. Der Regen war dagegen harmlos.

Und in zwei Jahren scheint bestimmt wieder die Sonne.