• Ländliche Regionen in Franken leiden an schwindendem Einzelhandel und schwacher Infrastruktur
  • "Emma's Tag und Nachtmarkt" will volldigitale 24-Stunden-Versorgung bieten - ohne Ladenschluss
  • Rentweinsdorf (Landkreis Haßberge) ist einer der ersten Standorte in Franken, für 2022 sind circa 20 weitere geplant
  • So funktioniert das Einkaufen in den Rund-um-die-Uhr-Märkten außer Sonntags und Feiertags

Das Konzept von "Emma's Tag und Nachtmarkt" sei aus jahrelangen Erfahrungen mehrerer Menschen entstanden, die in der Einzelhandelsbranche arbeiten, erklärt Geschäftsführer Frank Löwenberg gegenüber inFranken.de. Er habe beobachten können, wie beispielsweise die sinkende Anzahl an Poststellen, Apotheken oder Bargeldstationen ländliche Orte vor ernste Versorgungsprobleme stellte, was oft in der Abwanderung in die Städte resultiert habe. "Im ländlichen Raum passiert nicht mehr allzu viel." So entstand aus vielen einzelnen Vorgeschichten der erste Markt in Altengottern (Thüringen). Derzeit ist in vier Landkreisen eine der ersten Filialen in Franken im Gespräch.  

Ohne Ladenschluss: "Emma's Tag und Nachtmarkt" soll bald in mehreren fränkischen Landkreisen eröffnen

Das Konzept setzt an dem Bedarf ländlicher Bewohner*innen an, im nahen Umfeld zu flexiblen Zeiten Dinge des täglichen Bedarfs zu besorgen. So gehören circa 1200 Artikel zum Stammsortiment, darunter Drogerieartikel, Obst, Gemüse, aber auch Frischwaren wie Wurst oder Backwaren. Diese liefern regionale Erzeuger, andere Produkte kommen vor allem von Edeka, wodurch die Preise auch diesem Supermarkt gleichen. Darüber hinaus informiert eine Infotafel über Bekanntmachungen der Gemeinde sowie Angebote von lokalen Unternehmen. Auch eine Paketstation soll es geben, die das Empfangen und Versenden im Markt ermöglicht. 

Das Spezielle: Kunden können rund um die Uhr in den Markt gelangen. Dazu brauchen sie eine Kundenkarte, die über ein Online-Formular bestellt werden kann. Mit einem vierstelligen PIN erhalten sie Zutritt zu jeder Filiale unabhängig vom Standort. Das digitale Konzept reicht aber noch weiter: Eine Bargeldkasse gibt es nicht. Bezahlt wird mit EC- und Kredit-Karte und beim Scannen der Waren werden die Kunden von einem Sprachcomputer unterstützt. Dadurch befinde sich kein Personal vor Ort. Lediglich ein Marktbetreuer komme bei Bedarf in den Laden. 

Die Gemeinde Altenthann im Oberpfälzer Landkreis Regensburg soll der erste Ort in Bayern sein, der einen "Emma's Tag und Nachtmarkt" bekommen wird. "Letzte Woche haben wir die Baugenehmigung erhalten", bestätigt Löwenberg. In Rentweinsdorf bei Ebern soll voraussichtlich der erste Markt Frankens im Frühjahr 2022 entstehen. "Das Ding will ich bei mir haben", seien die Gedanken von Bürgermeister Steffen Kropp gewesen, erzählt er inFranken.de. 2022 sind circa 20 neue "volldigitale Märkte als Infrastrukturplattform" in Bayern geplant, so Löwenberg. Von Thüringen aus sollen Ober-, Mittel- und vor allem Unterfranken bestückt werden. Die Landkreise Ansbach, Wunsiedel und Schweinfurt stehen dabei im Fokus. Denn in Landkreisen wie Schweinfurt besteht die Möglichkeit, vier bis sechs Märkte in einem Umfeld von 15 Minuten Fahrtzeit zu errichten. Das ergebe Vorteile für die Kunden.

Supermarkt-Konzept mit W-LAN-Hotspot und E-Auto-Ladestationen

Auf die Frage von inFranken.de, ob ältere Leute, die ja vor allem im ländlichen Raum leben, gut mit dem digitalen Konzept zurechtkommen, antwortet Löwenberg überzeugt: "Sie haben sogar Spaß daran! Am Anfang ist schon eine Hemmschwelle da, manche trauen es sich anfangs nicht zu, aber dann sind sie stolz, wenn sie selbstständig Dinge erledigen können und die Technik beherrschen."

Vor den Märkten befinden sich Ladestationen für Elektroautos und Mitglieder des Emma-Clubs können ein Elektroauto vor dem Eingang ausleihen. Für die Zukunft seien sogar E-Rollatoren im Gespräch, die für ein paar Stunden gemietet werden können.

Der Markt soll auch ein sozialer Treffpunkt sein, wo sich Kunden einen Kaffee am Automaten ziehen, verweilen und sich austauschen können. So möchte das Unternehmen die verringerte Lebensqualität in ländlichen Gemeinden zurückbringen. "Die Jugendlichen nutzen auch gerne unseren WLAN-Hotspot", merkt Löwenberg an. Alkohol, Zigaretten und Getränke gehören allerdings nicht zum Sortiment. Während der Pandemie seien viele Menschen wieder aufs Land gezogen. Pendler und Schichtarbeiter profitieren besonders von dem 24-Stunden-Markt, findet Kropp. 

Konkurrenz für den ansässigen Handel? "Um Gottes Willen"

Gegenwind spürte die Emmas Tag&Nachtmarkt GmbH allerdings auch. Manche kritisierten, dass die Betreiber finanziell profitieren wollen, indem sie dem ansässigen Handel eine Konkurrenz bieten. "Das ist kompletter Unsinn", sagt Löwenberg, "Wir wollen um Gottes Willen nicht die Leute vor Ort bedrohen. Der Trend geht ohnehin zum personallosen Handel."

Dem Unternehmen sei es wichtig, mit regionalen Händlern zusammenzuarbeiten. Falls eine Arzneiabholung realisiert werde, will man mit ortsansässigen Apotheker*innen und nicht mit überregionalen Versandhändlern kooperieren.Wenn eine Gemeinde sich für die Errichtung eines Marktes entscheidet, schließt sie mit dem Unternehmen einen Pachtvertrag auf mindestens zwanzig und maximal 30 Jahre. Nach zwanzig Jahren gehe der Markt dann in das Eigentum der Gemeinde über, erklärt der Geschäftsführer.

Laut dem Unternehmen gibt es in Deutschland 4000 Gemeinden mit 500 bis 2.500 Einwohnern, die keinen Supermarkt besitzen. 500 bis 1000 Gemeinden in Bayern hätten das Potenzial für einen "Emma's Tag und Nachtmarkt". Einziger Wermutstropfen: Sonntags und Feiertags müssen selbst die automatischen Märkte zu bleiben. Das hat das Kabinett bereits im Juli beschlossen.