Leutershausen
Tragödie

Amoklauf bei Ansbach: Täter mit Verdacht auf Psychose in Klinik eingeliefert

Eine ganze Region steht unter Schock. Offenbar wahllos hat ein Amokschütze zwei Menschen erschossen. Ein psychiatrischer Sachverständiger vermutet eine akute Psychose beim 47-jährigen Täter. Das Motiv ist weiter unklar.
Blumen und eine Kerze liegen am Samstag in Tiefenthal-Leutershausen bei Ansbach an einem Tatort, an dem am Vortag eine Frau erschossen wurde. Foto: Daniel Karmann/dpa
Blumen und eine Kerze liegen am Samstag in Tiefenthal-Leutershausen bei Ansbach an einem Tatort, an dem am Vortag eine Frau erschossen wurde. Foto: Daniel Karmann/dpa
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Am Samstagmittag hat die Staatsanwaltschaft Ansbach eine Pressemitteilung in Sachen des Amoklaufs im Landkreis Ansbach herausgegeben.

Amoklauf Ansbach: Psychose vermutet
Der Beschuldigte wurde demnach noch am Freitag von einem psychiatrischen Sachverständigen untersucht. Dieser geht nach vorläufiger Beurteilung davon aus, dass beim Beschuldigten der Verdacht des Vorliegens einer akuten Psychose mit einem bizarren Wahnsystem gegeben ist.

"Nach derzeitigem Erkenntnisstand sind dringende Gründe für die Annahme vorhanden, dass die Schuldfähigkeit des Beschuldigten zur Tatzeit zumindest erheblich vermindert war", heißt es in der Mitteilung weiter.

Vor einer abschließenden Diagnose seien jedoch weitere Untersuchungen durchzuführen. Mit dem Vorliegen des Sachverständigengutachtens werde daher nicht vor Ablauf von zwei bis drei Monaten zu rechnen.

Der Beschuldigte wurde am Samstag dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Er wird von einem Rechtsanwalt aus Nürnberg verteidigt.

Beschuldigter äußert sich nicht zur Tat selbst
Zu seinen persönlichen Verhältnissen gab der Beschuldigte an, Gesundheits- und Krankenpfleger zu sein. Gerüchteweise soll der 47-Jährige zuletzt in Bad Windsheim gearbeitet haben. Seinen Angaben zu Folge sei er jedoch seit ein bis zwei Monaten arbeitslos. Den letzten Arbeitgeber ausfindig zu machen, sei nun Sache der 25-köpfigen Ermittlungskommission, sagte Oberstaatsanwalt Alfred Huber im Gespräch mit infranken.de. Insbesondere werde untersucht, ob es bei der ehemaligen Arbeitsstelle "schon Hinweise auf auffälliges Verhalten" bei dem mutmaßlichen Amokschützen gegeben habe.

Zur Sache selbst, insbesondere zu einem Tatmotiv, äußerte sich der Beschuldigte nicht - auch nicht, ob er seine Opfer kannte. "Dazu haben wir bislang keine Erkenntnisse", bestätigt auch Oberstaatsanwalt Huber. Polizeilich sei der Mann bisher noch nicht in Erscheinung getreten.

Der Ermittlungsrichter erließ einen Unterbringungsbefehl wegen des dringenden Tatverdachts des Mordes in zwei Fällen, des versuchten Mordes in zwei Fällen sowie der Bedrohung und der Nötigung.

Der Beschuldigte wurde in das Bezirkskrankenhaus Ansbach gebracht.

Die 25-köpfige Ermittlungskommission setzte am Samstag die begonnenen Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat am Ort des Geschehens fort. Wie lange die Ermittlungen vor Ort noch andauern werden, sei noch unklar. Weitere Erkenntnisse zu den Hintergründen der Bluttat werden frühestens am Montag erwartet.



Täter war nicht in Schützenverein in Ansbach

Der 47 Jahre alte Schütze, der bei dem Amoklauf am Freitag zwei Menschen erschossen haben soll, war nach Angaben örtlicher Schützenvereine dort kein Mitglied. "Der ist in ganz Ansbach nicht bekannt", sagte Norbert Rzychon vom SV Germania 1882 am Samstag.

Wenige Stunden nach der Tat am Freitag im mittelfränkischen Leutershausen hätten sich die Vereine aus Ansbach und den Ortsteilen zusammengeschaltet. Doch niemand kannte Rzychon zufolge den Mann, der zuletzt in Ansbach wohnhaft war und eine Waffenbesitzkarte hat. Er besaß seine Pistole und seinen Revolver somit legal, hätte sie aber nur in einem Sportheim benutzen dürfen.

Nach dem Amoklauf mit zwei Toten in Mittelfranken herrscht über das Motiv des Todesschützen weiter völlige Unklarheit.

In den ersten Stunden nach dem Geschehen waren die Ermittler davon ausgegangen, dass der Amokläufer seine Opfer völlig zufällig ausgewählt hatte. Wenige Stunden nach der Tat war der 47-Jährige festgenommen worden.

In Leutershausen im Landkreis Ansbach war zunächst eine 82 Jahre alte Frau erschossen worden.

Wenige Minuten später fiel dann ein zufällig vorbeiradelnder 72-Jähriger dem Amokschützen zum Opfer. Danach feuerte der Mann nach Polizeiangaben noch auf einen Landwirt in seinem Traktor und bedrohte einen Autofahrer. Der Bauer wurde durch Glassplitter leicht verletzt, das Geschoss traf ihn nicht.

Danach fuhr der mutmaßliche Schütze ins rund 30 Kilometer entfernte Bad Windsheim. Dort konnten ihn Mitarbeiter einer Tankstelle überwältigen. Wenig später wurde er dann von der Polizei festgenommen.
 
Bildergalerie: Hier wurde der Täter gefasst

Die Ermittler warfen dem 47-Jährigen zweifachen Mord und einen Mordversuch vor. Der Mann verhielt sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft kurz nach seiner Festnahme psychisch auffällig.

"So ein Ereignis führt zu einer Verunsicherung. Und die ist bei von Menschen verursachten Taten höher als bei Naturkatastrophen", sagte der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann, Leiter des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. "Wir haben die Erwartung, in Deutschland kann man sich frei bewegen."

Diese Verunsicherung hatte bereits der Bürgermeister von Leutershausen, Siegfried Heß (CSU), ausgesprochen: In einem Ort mit 5500 Einwohnern, "in dem wir immer beschaulich gelebt haben, kannte man solche Situationen nur aus dem Fernsehen". ak/sr/dpa
 
Pressemitteilung: Kirchweihzug und Bieranstich in Ansbach abgesagt

Hintergrund: Waffenschein und Waffenbesitzkarte

Wer einen WAFFENSCHEIN besitzt, darf eine geladene Schusswaffe in der Öffentlichkeit am Körper tragen. Dieses Dokument ist einem kleinen Kreis von Personen vorbehalten. 

Die WAFFENBESITZKARTE erlaubt zwar den Erwerb und den Besitz, nicht aber das Führen von Waffen. Ständig bei sich tragen darf man die Waffe also nicht, die Karte berechtigt aber zur geregelten Nutzung – bei Sportschützen etwa im Schützenheim. Beim Transport muss die Waffe in einem Koffer verschlossen sein und die Munition getrennt aufbewahrt werden.

Wer eine Waffenbesitzkarte bekommen will, muss mindestens 18 Jahre alt sein; für großkalibrige Waffen gilt ein Mindestalter von 21 Jahren. Die jeweilige Kreisverwaltung prüft Bewerber auf ihre Zuverlässigkeit. Wer straffällig wurde oder als Mitglied einer Rockergruppe polizeibekannt ist, bekommt keine. Geprüft wird auch die persönliche Eignung, bei einer psychischen Erkrankung etwa gilt diese als nicht gegeben. Darüber hinaus muss die Sachkunde nachgewiesen werden, also das Wissen um einen sicheren Umgang mit der Waffe.
 
Zudem müssen Träger einer Waffenbesitzkarte ein berechtigtes Bedürfnis nachweisen: zum Beispiel als Sportschütze, als Jäger oder als Waffensammler. Auch wer ein altes Jagdgewehr erbt und behalten will, ohne es zu benutzen, braucht eine Waffenbesitzkarte. Alle drei Jahre werden die Halter überprüft. Fällt eines der Kriterien weg, wird die Waffenbesitzkarte ungültig. Sportvereine etwa melden der Behörde in der Regel, wenn ein Schütze nicht mehr bei ihnen schießt und sein Bedürfnis somit nicht mehr gegeben ist.