Was die damalige Ampel-Regierung offensichtlich unterschätzt hatte: Wie rasant und konsequent der Investmentbanker Orcel die Beteiligung an der Commerzbank ausbauen würde. «Wird die Commerzbank italienisch?», fragten Kommentatoren schon bald nach dem Unicredit-Einstieg. Gewerkschaften warnten vor einem «Kahlschlag» mit dem Abbau Tausender Stellen. Aus Berlin kam immer wieder die Botschaft: Wir wollen eine eigenständige Commerzbank.
Nach jüngsten Angaben kontrollieren die Italiener direkt über Aktien und indirekt über Finanzinstrumente 29,99 Prozent der Commerzbank-Anteile. Für weitere 2,65 Prozent hat sich die Unicredit den Kaufpreis der Papiere gesichert, aber nicht das Kaufrecht selbst. Der Bund hält noch gut 12 Prozent der Anteile an dem Dax-Konzern und lässt zwei Vertreter im Commerzbank-Aufsichtsrat die Geschicke der Bank kontrollieren.
Größere Banken für Europa
Die Unicredit, die im deutschen Markt mit der Hypovereinsbank (HVB) bereits ein Standbein hat, sieht eine Übernahme der Commerzbank als Chance, bessere Geschäfte mit Privat- und Mittelstandskunden zu machen. Zudem argumentiert Orcel immer wieder, Europa brauche im Wettlauf mit den starken US-Geldhäusern größere Banken.
Diesen Teil der Diagnose teilen viele Experten. Jüngst schrieb die Chefin der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB), Claudia Buch, in einem Gastkommentar im «Handelsblatt», es gebe Handlungsbedarf: Der europäische Bankensektor zeige «eine fragmentierte Marktstruktur, welche die Widerstandskraft künftig schwächen, die Stabilität beeinträchtigen und die Wettbewerbsfähigkeit der Banken einschränken könnte». Buchs Fazit: Es brauche «einen klaren Therapieplan für die europäischen Banken».
Orcels Plan
Seinen Plan für die Zukunft der Commerzbank präsentierte Unicredit-Chef Orcel kürzlich auf 34 Powerpoint-Folien. Demnach könnten bei einer Übernahme etwa 7.000 Stellen in Deutschland entfallen. Das Auslandsnetz der Commerzbank hält die Unicredit für «überdimensioniert» und «ineffizient». Orcels schonungsloses Fazit: Der derzeitige Kurs der Commerzbank werde «mittelfristig ihr Überleben gefährden».
Orlopp leistet heftigen Widerstand
Das sieht der Commerzbank-Vorstand naturgemäß anders. Konzernchefin Bettina Orlopp, die die Führung des Dax-Konzerns am 1. Oktober 2024 mitten in der beginnenden Übernahmeschlacht angetreten hatte, sieht keinen Mehrwert in einem Zusammenschluss.
Mit den neuen Finanzzielen, die die Commerzbank zusammen mit den Zahlen für das erste Quartal veröffentlichen will, möchte das Frankfurter Institut das Heft des Handelns wieder in die Hand nehmen. Die Hauptversammlung am 20. Mai dürfte ein erster Stimmungstest werden, inwiefern das gelungen ist.
Gelingen in aufgeheizter Stimmung noch Gespräche?
Orlopp, die zwischenzeitlich noch zur Kenntnis nehmen musste, dass ihr Vorgänger Manfred Knof kurz nach dem Unicredit-Einstieg heimlich Orcel bei sich zu Hause empfing, wirft dem Unicredit-Chef eine «anhaltend feindliche Taktik und irreführende Darstellungen» vor.
Es passt zu dieser Sicht auf die Dinge, dass die Finanzaufsicht Bafin der Unicredit einen Rüffel wegen Social-Media-Anzeigen zulasten der Commerzbank erteilte. Die Behörde rügte die «reißerische und unsachliche Aufmachung», die Unicredit zog die Anzeigen zurück.
Zwar betont die Commerzbank regelmäßig, man verweigere sich Gesprächen mit der Unicredit nicht. Doch die Hürden sind angesichts vieler gegenseitiger Vorwürfe gewaltig. Wie Orlopp und Orcel eine gemeinsame Linie finden sollen, bleibt offen.