Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Begriff Übersterblichkeit besonders oft gefallen. Er bezeichnet ein statistisches Phänomen: Mehr Menschen sterben, als in einem bestimmten Zeitraum statistisch gesehen üblich wäre. Die Zahl der Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind, hatten in den vergangenen zwei Jahren einen großen Einfluss auf die Übersterblichkeit. Aber wieso sind die Zahlen auch jetzt noch so hoch?

Laut dem Statistischen Bundesamt lag 2022 die Zahl der Sterbefälle in Deutschland jeden Monat über den mittleren Werten der vergangenen vier Jahre. Im Schnitt sind bislang neun Prozent mehr Menschen pro Monat gestorben als sonst. Jonas Schöley vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock spricht dabei im BR von einer "signifikanten Erhöhung".

Übersterblichkeit steigt weiter: Woran liegt es, wenn nicht an Corona?

Der erste deutliche Anstieg der Todesfälle war in den Sommermonaten von Juni bis August. Die Übersterblichkeit lag jeweils neun, zwölf und elf Prozent über den Werten aus den Vorjahren. Grund für die erhöhte Sterblichkeit war dem Statistischen Bundesamt zufolge der besonders heiße Sommer und der Anstieg der Corona-Zahlen. Dass es einen Zusammenhang zwischen Todesfällen und Hitze gibt, ist unter Experten unbestritten: "Insbesondere in höheren Altersgruppen kommt es infolge hoher Temperaturen regelmäßig zu einem Anstieg der Mortalität", lautet das Kernergebnis einer Forschungsarbeit, an der das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des DWD, das Robert Koch-Institut und das Umweltbundesamt beteiligt waren. Für die Publikation wurden Daten von 1992 bis 2021 ausgewertet.

Auch aus medizinischer Sicht ist das Ergebnis schlüssig. So ist es zum Beispiel eine große Belastung für Herz und Kreislauf, den Körper bei hohen Temperaturen herunterzukühlen. Der große Flüssigkeitsverlust durch Schwitzen kann außerdem zu Nierenversagen führen, vor allem bei älteren Menschen. Die genaue Ursache für die hohen Sterbezahlen im Sommer werden aber erst Mitte 2023 erfahren. Dann gibt das Statistische Bundesamt eine abschließende Einordnung ab, die auch die Todesursachenstatistik miteinbezieht. Ebenso werden die Sterbefälle noch ins "tatsächliche Verhältnis zur Bevölkerung gesetzt", so das Bundesamt. So soll zum Beispiel der Alterungsprozess der Bevölkerung berücksichtigt werden.

Im September und Oktober kann die Übersterblichkeit aber nicht mit einer Hitzewelle oder steigenden Corona-Todesfällen erklärt werden. Die Werte lagen im September zehn Prozent und im Oktober sogar 19 Prozent über den Vorjahren. Laut Statistischem Bundesamt könne Corona nur zum Teil die große Differenz erklären. Die Alterung der Bevölkerung wirke sich ebenfalls nur geringfügig aus. "In welchem Ausmaß weitere Faktoren zu den erhöhten Zahlen im Oktober beigetragen haben, lässt sich derzeit nicht einschätzen", hieß es in einer Mitteilung aus dem Oktober.

Indirekte Folgen von Corona könnten Sterberate erhöhen

Experten wie Schöley haben aber eine erste Vermutung, was die Ursache für die Übersterblichkeit sein könnte. Der Forscher sieht in seinen Berechnungen die Zahlen des Bundesamtes bestätigt. "Das ist schon eine substanzielle Übersterblichkeit, die man auch robust nachweisen kann. 2020 war es eins zu eins: Covid-Sterbefälle und Übersterblichkeit hingen klar zusammen. Auch 2021 wurde das meiste noch von Covid-Sterblichkeit erklärt. Im Herbst 2022 lässt sich nur noch in etwa die Hälfte mit registrierter Covid-Sterblichkeit erklären", sagt er im Gespräch mit dem BR. Schöley halte es für plausibel, dass wir in diesem Jahr die indirekten Effekte der Pandemie mehr zu sehen kriegen.

Ein Beispiel dafür seien England und Wales. Dort sei die Übersterblichkeit zum Teil dadurch verursacht worden, dass die Menschen weitaus mehr als zehn Minuten auf einen Krankenwagen warten mussten. Das habe mit der Überlastung des Krankenhaussystems zu tun, und damit indirekt mit Corona, so Schöley.

Der Statistikprofessor Göran Kauermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München hält die Grippe für eine weitere mögliche Ursache. Die Grippewelle hat dieses Jahr vergleichsweise früh angefangen. Bereits im Oktober lag die Zahl der gemeldeten Grippeinfektionen bei mehr als 8000, teilte das Robert-Koch-Institut mit. Ob die Grippe auch wirklich mehr Todesfälle verursacht hat, darüber könne man laut Kauermann nur mutmaßen.

Übersterblichkeit: Müssen wir uns Sorgen machen?

Auch seine Berechnungen bestätigen die Daten des Statistischen Bundesamtes. Kauermann betont jedoch, die aktuelle Sterblichkeit bewege sich im Rahmen der üblichen statistischen Variation. Im November würden die Zahlen seinen Daten zufolge außerdem wieder fallen. Stärkere Ausschläge nach oben sind bei der Übersterblichkeit nichts Ungewöhnliches. Ein Beispiel dafür wäre die Grippesaison 2017/2018, die zu einem Rekord-Krankenstand in Deutschland führte und schätzungsweise 25.100 Tote forderte.

Der hohe Anstieg der Übersterblichkeit im Herbst dieses Jahres könnte also mehrere Ursachen haben: Corona, die Grippe, aber auch Missstände im Gesundheitswesen wie der Personalmangel. Die Übersterblichkeit hängt darüber hinaus mit der Lebenserwartung zusammen. Durch die Corona-Pandemie ist die statistische Lebenserwartung, mit wenigen Ausnahmen, auf der ganzen Welt gesunken. "Die periodische Lebenserwartung ist ein zusammenfassendes Maß für den aktuellen Gesundheitszustand der Bevölkerung; wenn die Sterblichkeit in einer Bevölkerung zunimmt, sinkt die Lebenserwartung", heißt es in einer Analyse im Fachjournal "Nature Human Behaviour". Ein Forschungsteam um Jonas Schöley untersuchte darin die Entwicklung in 29 Staaten in den Jahren 2015 bis 2021, mit besonderem Augenmerk auf die beiden Pandemiejahre. Neben vielen europäischen Staaten bezogen die Forschenden auch die USA und Chile ein.

Die Analyse zeigte zum einen, dass die Pandemie 2020 die Lebenserwartung fast überall gesenkt hat, regional gibt es aber deutliche Unterschiede. So konnten Belgien, Frankreich, Schweden und die Schweiz die Differenz weitgehend ausgleichen, weil dort die Lebenserwartung 2021 wieder gestiegen ist. Vor allem osteuropäische Staaten, mit Ausnahme Sloweniens, hatten in beiden Pandemiejahren eine Verringerung der Lebenserwartung zu verbuchen, beispielsweise in der Slowakei um 33,1 Monate - fast drei Jahre. In den USA sank die Lebenserwartung 2020 und 2021 ebenso drastisch um 28,2 Monate. Deutschland liegt mit 5,7 Monaten im unteren Mittelfeld. 

Lebenserwartung insgesamt durch Corona gesunken

Die Unterschiede in den Ländern lassen sich zum einen damit erklären, dass es sie schon vor der Pandemie gab. "Bestehende Ungleichheiten in der Bevölkerungsgesundheit sind generell durch die Pandemie verschärft worden. Je geringer die Lebenserwartung einer Bevölkerung vor der Pandemie, desto höher, tendenziell, die Lebenserwartungsverluste während der Pandemie", so Schöley laut BR. Zum anderen sehen die Forschenden aber auch einen Zusammenhang zur Impfbereitschaft in den einzelnen Ländern. Je geringer die Impfquote, desto stärker war der Verlust bei der Lebenserwartung. Einen direkten kausalen Zusammenhang kann die Analyse jedoch nicht beweisen. Da andere Studien bereits nachgewiesen haben, dass die Corona-Impfung das Sterberisiko im Fall einer Infektion senkt, liegt diese Schlussfolgerung aber nicht allzu fern.

mit/mit dpa