Professor Edda Moser gibt bei der Sommeroper Meisterkurse. Die Kammersängerin verabscheut Anglizismen und hat ein "Festspiel der deutschen Sprache" gegründet.
„Trä-trä-trä-trä-trä-trä-ne! Mit dieser Vokalise, die ungefähr so penetrant klingen soll wie die „pesce“-Rufe einer neapolitanischen Fischverkäuferin, treibt Edda Moser zwar manchen Nachwuchssänger zur Verzweiflung. Aber wer den Dreh erstmal raushat, kommt damit vermutlich weit: „Beim Singen“, sagt die Kammersängerin und Professorin, „ist der Atem das A und O. Gesang ist eine gehobene Form, bei der wir die Luft in Klang umsetzen.“ Dieses kleine und manchmal große Wunder ist momentan im E.T.A.-Hoffmann-Theater an der Tagesordnung: im Meisterkurs von Edda Moser, wo sich die Solisten der Sommeroper die Klinke in die Hand geben.
Worauf kommt es beim Singen an?Edda Moser: Auf den Atem, denn er verbindet alles. Man hat den Kopf, den Bauch, den Rücken – und alles ist eigentlich ein dauerndes Rad. Und dieses Rad wird bewegt durch den Atem, durch den Odem. Wenn der Atem durch den bewusst geöffneten Hals strömt wie durch einen Schornstein, dann braucht man nicht drücken, dann entsteht kein Knödel.
Und die Stütze?Wenn die Tür aufgeht und ein Freund kommt rein, den man lange nicht mehr gesehen hat, macht man das unwillkürlich: Man atmet und hält die Luft an. Dieser freudige Schreck, der ein paar Zentimeter unterm Nabel sitzt, ist die Grundhaltung des Singens. Man muss nur noch lernen, den Atem zu halten. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen. Ein Sänger muss so lange üben, bis das Unterbewusstsein an den Stellen einsetzt, wo man eben enorm atmen muss. Wenn das genauso automatisch passiert wie der Blick nach rechts, bevor man auf die Straße geht, dann ist Singen eigentlich ganz einfach. Nur in London hilft einem das natürlich wenig.
Funktioniert das auch bei intensiver Regie?Da geht gar nichts verloren, wenn man den Atem zu halten versteht. Bis man das raus hat, dauert es natürlich. Bei Jean-Pierre Ponnelle habe ich Wahnsinnsbewegungen gemacht, habe auf dem Kopf stehend oder auf dem Rücken liegend gesungen. Und das hat funktioniert, weil ich meinen Atem in Griff hatte.
Wie unterscheidet sich dieser Meisterkurs von anderen?Durch gar nichts. Nur durch die Sprache. In Montepulciano spreche ich italienisch. Und ich arbeite dort mit Professor Gerd Uecker zusammen: Ich mache Technik, er Interpretation, das ergänzt sich enorm. Da haben die jungen Sänger von zwei Seiten Information, bekommen sozusagen eine andere Beleuchtung. Ich sage immer, ich hab mit Kunst nix zu tun, macht Kunst bei ihm! Ich gehe rein technisch an die Sache, wie es möglich ist, eine bestimmte Phrase rein technisch zu bewältigen.
Haben Sie als junge Sängerin Meisterklassen besucht?Nein, das gab es damals nicht. Wir sind Tag und Nacht in die Oper gerannt und haben uns die Großen angehört.
Hatten Sie Vorbilder?Nein, keine Sängerin, nur ein Sprachvorbild, nämlich Eleonora Duse. Wenn ich die Königin der Nacht von anderen Sängerinnen hörte, dachte ich immer, das ist alles falsch, das muss anders sein. Die Klangvorstellung hab ich mir dann ganz allein erarbeitet. Und der bin ich gefolgt – durch üben, üben, üben.
Und was haben Sie von der Duse gelernt?Wie machtvoll die Sprache nicht nur für die Schauspielkunst ist. Abgesehen davon hat sie viele Dinge gesagt, die mir genau entsprechen, wie: „Ich habe in der Kunst niemals den Ruhm gesucht, aber die Zuflucht.“ Ich habe in der Kunst die Zuflucht gefunden.
Aber manchmal möchte man ja auch vor der Kunst fliehen. Zum Beispiel bei manchen Auswüchsen des Regietheaters.
Was ich entscheidend finde: Schuld ist das Publikum! Weil das Publikum einfach sagen müsste, nicht mit uns! Dass Leute wie Katharina Wagner ihr Unwesen treiben können, die Stücke verfälschen und sich zum Schluss auch noch über alles lustig machen, das ist etwas, das ich verachte. Und es ärgert mich, dass die Wagnervereine das akzeptieren. Sie könnten doch geschlossen dagegen auftreten. Ich verehre Wagner als Musiker sehr. Was er für Wunderwerke geschaffen hat! Und die werden derartig mit Füßen getreten! Wenn man wie ich legendäre Vorstellungen mit Leonie Rysanek und Birgit Nilsson erlebt hat, dann sehnt man sich einfach danach – und ist nicht altmodisch. Ich bin bei Gott nicht altmodisch!
Bei aller Wagnerliebe bleibt aber die Königin der Nacht Ihre wichtigste Partie.Ja, denn ich hatte das große Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Karajan hatte mich als Rheintochter nach New York an die Metropolitan mitgenommen, empfahl mich für ein Vorsingen – und das war’s. Ich kriegte einen Dreijahresvertrag. Und als die angebetete, wunderbare Lucia Popp wegen einer Pilzvergiftung ausfiel, durfte ich an der Met für sie einspringen, als Königin der Nacht. Ich hatte am Anfang meiner Laufbahn immer wieder solche Sachen mit Einspringen. Aber dann war ich eben immer auch bereit.
Als Königin der Nacht schweben Sie auch im Weltall, mit Voyager 2. Was ist das für ein Gefühl?
In mir ist nur große Dankbarkeit. Wie ich damals den Brief bekommen hab aus Cape Canaveral, dachte ich erst, da macht sich einer lustig über mich. Es ist eine große Gnade, dass sie nicht ein Musikbeispiel mit der Callas oder Caruso, sondern mit meiner Stimme mitgeschickt haben. Voyager 2 ist inzwischen hinter dem Mars, aber er sendet noch immer.
1996 haben Sie mit der Salome in Wien Ihre Opernlaufbahn beendet. Haben Sie Sehnsucht nach der Bühne?Ja, vor allem, wenn die Leute zu mir sagen: Sie haben doch eine wunderbare Professur! Das eine hat aber mit dem anderen gar nichts zu tun! Genau das Gegenteil findet da statt, denn man muss als Gesangslehrer vollkommen in den Hintergrund treten und nur darauf sehen, dass man bei den jungen Leuten den Mut weckt, die Hingabe und das Aufgeschlossensein. Aber das hat mit meiner Karriere überhaupt nichts zu tun. Auf der Bühne war ich ein ganz anderer Mensch, war in einer totalen Zurückgezogenheit und habe geschwiegen. Ich habe 35 Jahre fast nicht gesprochen, weil es eben der Stimme nicht gut tat und ich so schwere Partien gesungen habe. Als ich merkte, dass ich meinen eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen kann, habe ich aufgehört. Und das war furchtbar für mich.
Inzwischen sind Sie aber sogar selbst Festspielleiterin.Weil ich mich um die deutsche Sprache bekümmere, habe ich ein „Festspiel der deutschen Sprache“ gegründet. Während meiner Zeit in Amerika hatte ich Heimweh und entdeckte dort erst die Schönheit der deutschen Sprache. Diese Anglizismen verabscheue ich, die müssen weg. Wir müssen die Kostbarkeit unserer Sprache bewahren.
Zuerst fanden die Lesungen mit großen Schauspielern auf der Heidecksburg statt, auf Empfehlung von Hans-Dietrich Genscher sind wir jetzt in Goethes wunderbarem Lauchstädter Theater. Das nächste Festspiel ist am 24. und 25. September 2010. Ich suche die Texte aus, schreibe die Schauspieler an und versuche, auch ihre Wünsche und Vorschläge zu integrieren. Und das klappt auch.
Ihre Lieblingswörter sind?Das schönste Wort ist „wir“, denn es ist erstrebenswert, dass Menschen etwas gemeinsam machen. Die nächsten Worte, die ich sehr liebe, weil ich das nie gehabt habe, sind „Geborgenheit“ und „behaglich“. Dann kommen: „Dankbarkeit“, „Geduld“ – und „Zuneigung“. Das sind alles Worte, die nur noch selten gebraucht werden.
Welches Wort kennzeichnet unsere Zeit?Die lachende Substanzlosigkeit, die man heute überall in unserer Krawallgesellschaft beobachten kann.
Welches Wort ärgert Sie im Moment am meisten?„Okay“ ist zum Kotzen! Meine Studenten müssen einen Euro zahlen, wenn sie es sagen. Und da hab ich gedacht, wir machen von dem Geld spielend ein großes Klassenfest. Aber das Wort findet nicht mehr statt! Selbst die Koreaner sagen jetzt bei mir „in Ordnung“ oder „gut“. Das spricht sich herum.
Ihr nächstes Projekt?
Als nächstes mache ich einen Meisterkurses in Lichtenberg im Haus Marteau, dann fahre ich als Jurorin nach Genf zum internationalen Gesangswettbewerb. Und in der Hochschule in Köln habe ich ja auch noch meine Arbeit.
Sollte jemand, der halbwegs singen kann, Sänger werden?Nein. Wer nicht gut singt, soll’s lassen. Er wird ja auch nicht engagiert. Es gibt heute so viele sehr gute Sänger, die gar nicht diese Gnade haben, die mir zuteil wurde, mit guten Regisseuren und Dirigenten zu arbeiten. Wir wurden noch von den Regisseuren unterstützt, um uns optimal mit der Partie zu identifizieren. Die Sänger heute haben’s viel schwerer. Heute muss man sich ja meistens gegen die Regisseure profilieren. Ich habe natürlich auch in sehr modernen Inszenierungen und Opern gesungen und gespielt. Wenn das mit dem Stück übereinstimmt, ist es in Ordnung. Aber wenn die Handlung eines Stücks so verändert wird, dass man es nicht wiedererkennt, würde ich mir das nicht gefallen lassen. Und deshalb habe ich heute am Theater nichts mehr zu suchen.
Zur PersonDebüt: Edda Moser ist gebürtige Berlinerin. Sie begann ihre Laufbahn als Choristin mit solistischen Verpflichtungen in Würzburg.
Karriere: Nach Auftritten unter Herbert von Karajan bei den Salzburger Festspielen folgten Einladungen an alle wichtigen Bühnen der Welt. Ihre Interpretation der Königin der Nacht ist mit der Raumsonde Voyager 2 in den Weiten des Universums unterwegs.
Lehre: Seit ihrem Bühnenabschied 1996 gibt sie Meisterkurse und lehrt als Professorin Gesang an der Musikhochschule Köln