Seine Partei versteckte Spitzenkandidat Cem Özdemir im Landtagswahlkampf fast schon. Mit der Strategie holte der Grüne nun knapp den Sieg. Wer ist der Mann, der nun wohl Regierungschef wird?
Er hat das möglich gemacht, was viele für unmöglich hielten: Cem Özdemir hat den Grünen in Baden-Württemberg bei der Landtagswahl mit einer furiosen Aufholjagd den Sieg geholt - wenn auch nur hauchdünn vor der CDU. Nun dürfte der 60-Jährige der zweite grüne Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik werden - und der erste mit türkischen Wurzeln.
Entsprechend groß ist der Jubel, als Özdemir etwa eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale vor seine Anhänger tritt. «Cem, Cem, Cem»-Rufe schallen durch den Raum, Schals mit dem Kampagnen-Motto «2Ö26» werden geschwenkt. «Was für ein Hammer», ruft der scheidende Landesverkehrsminister und Parteilinke Winfried Hermann ins Mikrofon. Später wird Özdemir von Anhängern umringt, jeder will ein Selfie mit dem Wahlsieger.
Wie hat Özdemir den anfänglich massiven Rückstand auf die CDU deutlich verkleinert? Und wer ist der Mann, der auch nach der Wahl weiter eine wichtige Rolle bei den Grünen im Südwesten spielen könnte?
Komplett auf Özdemir zugeschnittene Kampagne
Prominent, pragmatisch und «nah bei de Leut», wie man im Südwesten so schön sagt: So präsentierten die Grünen ihren Frontmann im Wahlkampf. Auf den dunkelgrünen Plakaten wurde nur für Özdemir («Der kann es») geworben, für den Namen seiner Partei brauchte man eine Lupe. Gemeinsame Auftritte und Plakate mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollten ihn als logischen Erben des beliebten Landesvaters positionieren und auch die Auftritte mit dem Ex-Grünen, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, sendeten eine Botschaft: Maximale Abgrenzung zur grünen Partei, was auch schon Vorgänger Kretschmann erfolgreich machte.
Beide gehören dem Realo-Flügel der Partei an und geben sich maximal konservativ und pragmatisch: Ob beim Verbrenner-Aus oder in Fragen der Migration - immer wieder gingen sie in Konflikte mit der Bundespartei.
Keine landespolitische Erfahrung
Vor dem Wahlkampf um das Ministerpräsidentenamt hatte der selbst ernannte «anatolische Schwabe» Özdemir mit Landespolitik wenig am Hut. Seit 1981 ist er Mitglied der Grünen, von 2008 bis 2018 war er Bundesvorsitzender. 1994 wurde er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt – als erster Abgeordneter mit türkischen Wurzeln.
Nach dem rasanten Aufstieg folgte der Fall: Als bekanntgeworden war, dass er dienstlich gesammelte Bonusmeilen privat genutzt und außerdem einen günstigen Privatkredit bei einem PR-Berater aufgenommen hatte, trat Özdemir zurück und verzichtete auf sein Mandat. Es folgte eine politische Auszeit in den USA, bevor er sich ab 2004 über das Europaparlament zurück in den Bundestag arbeitete. Ab 2013 saß er wieder im Berliner Plenarsaal und holte 2021 im Wahlkreis Stuttgart I mit 40 Prozent der Erststimmen das Direktmandat.