In Deutschland reicht die gesetzliche Rente oft nicht mehr für die sichere Altersvorsorge. Neue Reformen und die Diskussion um private und betriebliche Ergänzungen sorgen für Streit.
Die gesetzliche Rente als "Basisabsicherung": Das von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vertretene Konzept stößt vor allem in Ostdeutschland auf Widerspruch. "Viele Menschen sind dort auf die gesetzliche Rente existenziell angewiesen, weil ihnen oft die Möglichkeiten zur zusätzlichen Vorsorge gefehlt haben", erklärte der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) dem "Stern".
Bundessozialministerin Bärbel Bas (SPD) hat bereits in der Vergangenheit mehrfach darauf hingewiesen, dass in Ostdeutschland aktuell 75 Prozent der Menschen lediglich über die gesetzliche Rente fürs Alter abgesichert sind. In Westdeutschland sind es 52 Prozent. Generell zeigt die Statistik: Wer wenig verdient, hat wenig Spielraum für zusätzliche Vorsorge und muss eher auf die gesetzliche Rente vertrauen. Das gilt auch im Westen Deutschlands.
"Ausgewogener Reformmix": Alternative Altersvorsorge immer wichtiger
Bundeskanzler Merz hatte am Montag (21. April 2026) beim Bundesverband deutscher Banken betont: "Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter." Der CDU-Chef verwies dabei auf die Notwendigkeit zusätzlicher Altersvorsorge. Voigt zufolge braucht es "einen sensiblen und ausgewogenen Reformmix". Es gehe darum, die gesetzliche Rente verlässlich zu stärken und zugleich zusätzliche Vorsorge zu eröffnen – "ohne diejenigen zu überfordern, die dafür kaum Spielraum haben".
Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), argumentiert ähnlich. "Niemand darf die besondere Bedeutung der gesetzlichen Rente für die Menschen in Ostdeutschland verkennen", sagte sie dem "Stern". Sie verwies auf die Lohnunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Nach offizieller Statistik verdienen Vollzeitbeschäftigte im Westen brutto rund 17 Prozent mehr als im Osten.
Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek vermutet bei Merz eine Wohltat für die Versicherungswirtschaft, die private Altersvorsorge anbietet. "Wer allerdings dafür unter die Räder gerät, sind Millionen jetzige und zukünftige Rentner, die sich die private Vorsorge nicht leisten können, weil sie am Ende des Monats keinen Cent übrig und keinen ausreichenden Zugang zu Betriebsrenten haben."
Viele würden gerne mehr zurücklegen - sparen jedoch kaum möglich
In einer Yougov-Umfrage für den Versicherungskonzern Axa gaben 50 Prozent von 2044 Erwachsenen an, sie wollten mehr für den Ruhestand sparen, könnten es sich aber nicht leisten - etwa wegen gestiegener Preise. 51 Prozent der Befragten verlassen sich nicht ausschließlich auf die gesetzliche Rente. 35 Prozent sagten, sie sähen die Hauptverantwortung für die Altersvorsorge beim Staat. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen waren es 40 Prozent.
Der sogenannte Sozialstaatsradar des Deutschen Gewerkschaftsbunds mit etwa 3000 Beteiligten zeigt, dass viele die Absicherung lieber vom Staat organisieren lassen würden. Rund drei von vier Befragten - selbst unter den 18- bis 29-Jährigen - wären bereit, für eine stabile oder höhere Rentenleistung auch höhere Beiträge zu zahlen. Die Arbeitgeber müssten diese aber zur Hälfte mittragen.