Dass die Wahl aber kein Grund zum Aufatmen für den Kanzler ist, zeigt schon der erste Kommentar von Landesparteichef Sebastian Lechner am Sonntagabend. Das gute Ergebnis sei «trotz dieses Bundtrends» zustande gekommen, sagt er. «Auch wir haben den Unmut über Berlin gemerkt. Sie wissen, dass wir da ein Glaubwürdigkeitsproblem haben.» Lechner spricht sich zwar gegen Personaldebatten zum jetzigen Zeitpunkt, aber für einen Politikwechsel aus.
Die Personaldebatte ist aber nicht mehr zu stoppen. Ursprünglich war erwartet worden, dass es eine zweiwöchige Schonfrist für den Kanzler zwischen den beiden Landtagswahlterminen im September geben würde. Das Kalkül war, dass alle in der CDU noch einmal zusammenhalten würden, um die eigenen Wahlchancen nicht zu schmälern.
Autorität des Kanzlers schwindet von Tag zu Tag
Das Gegenteil ist passiert. Die CDU gibt ein chaotisches Bild ab, die Autorität des Kanzlers schwindet von Tag zu Tag. Ein erster stellvertretender Landesvorsitzender fordert seinen Rücktritt. Ein stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag wird von ihm öffentlich gerügt – und verkündet nur wenige Stunden später, dass er für den Landesvorsitz in Sachsen-Anhalt kandidiert. Nach dem Motto: Jetzt erst recht!
Die stellvertretende Generalsekretärin der Bundes-CDU widersetzt sich den Bemühungen des Kanzlers, sie von dem Posten zu entfernen. Der Vorsitzende des mächtigen Parlamentskreises Mittelstand, in dem drei Viertel der Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU organisiert sind, bezeichnet Arbeitsministerin Bärbel Bas als nicht mehr tragbar. Auch das ist als Volte gegen Merz zu verstehen, der die Koalition mit der SPD für alternativlos hält.
Die Situation ist Merz längst entglitten. Bei der Pressekonferenz am Montag nach dem Debakel in Sachsen-Anhalt und in der Generaldebatte im Bundestag am Mittwoch ist es ihm nicht gelungen, den Frust in der Union abzufangen, bei aller Demut auch ein kraftvolles Signal nach vorne zu geben.
Wilde Spekulationen über Ende der Koalition
Die Spekulationen darüber, was nach den Wahlen passieren könnte, nehmen nun immer wildere Formen an. Am Wochenende kam die Theorie hoch, Merz könnte ein Ende der schwarz-roten Koalition herbeiführen und eine Minderheitsregierung anstreben. Ein sehr abenteuerliches Szenario, weil für die Union dann nur noch Grüne plus Linke und die AfD als Mehrheitsbeschaffer in Frage kämen. Beides ist für Merz und die CDU aber ausgeschlossen.
Zumindest dieses Szenario dementierte das Umfeld des Kanzlers nach seiner Ankunft in Finnland am Sonntagabend. Ein Regierungssprecher erklärte, es sei «völlig aus der Luft gegriffen». «Der Bundeskanzler will die vereinbarten Reformen schnellstmöglich in der Koalition umsetzen und erwartet dafür von allen Disziplin und Stabilität.»
Für Stabilität braucht Merz jetzt die Ministerpräsidenten und die Vorsitzenden der mächtigsten Landesverbände der CDU: Hendrik Wüst (Nordrhein-Westfalen), Boris Rhein (Hessen), Sebastian Lechner (Niedersachsen), Gordon Schnieder (Rheinland-Pfalz), Daniel Günther (Schleswig-Holstein), Michael Kretschmer (Sachsen). Von ihnen wird abhängen, was aus Friedrich Merz wird. Und natürlich vom CSU-Chef, Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder.
Landeschefs müssen sich entscheiden
Merz hat die vergangenen Tage viel mit den CDU-Granden telefoniert. Das Ergebnis ist noch offen. Die Landesvorsitzenden müssen sich aber spätestens nach den Wahlen entscheiden: Wollen sie Merz stabilisieren oder stürzen?
Für die Variante Kanzlersturz werden zwei potenzielle Nachfolger gehandelt: Wüst und Söder. Wüst hat den Nachteil, dass er eine Landtagswahl im April vor der Brust hat. Aber klar ist auch: Wer von seiner eigenen Partei ins Kanzleramt gerufen wird, der springt in der Regel auch.
Söder hat das Problem, dass er in der CSU ist. Die CDU müsste sich möglicherweise über Jahre damit abfinden, dass die kleinere Schwesterpartei den Kanzler stellt. Schwierig. Und dann müsste der Koalitionspartner SPD auch noch mitmachen. Da liegen die Sympathien eher bei Wüst.
Söder wagt sich aus der Deckung
Söder wagte sich am Wochenende als erster aus der Deckung und stützte Merz vordergründig erstmal. «Egal, wer jetzt sofort einrücken würde, wenn man die Alternativen durchspielt, der käme erst einmal mit den gleichen Problemen raus – mit einer SPD, die sich mit Reformen schwertut», sagte er der «Bild am Sonntag». Einen Kanzlersturz von Seiten der CSU schloss er aus, auch wenn er für die CDU nicht sprechen könne.
Über seine wirklichen Ambitionen sagt die Äußerung nichts aus. Den Kanzler zunächst zu stützen ist auf jeden Fall erstmal strategisch klug. Was folgt, wenn der letzte Rückhalt für Merz zusammenbricht, steht auf einem anderen Blatt.
Kann Merz Vertrauen zurückgewinnen?
Sollte Merz durchkommen, müsste er die versprochene neue Erzählung für die CDU liefern, mit der SPD ein neues Bekenntnis zum Reformkurs hinbekommen und Vertrauen zurückgewinnen. Viele in der CDU meinen, dass Letzteres kaum noch möglich ist. Und Merz würde dann auch bald die nächste Personaldebatte bevorstehen – die über eine zweite Amtszeit ab 2029. Spätestens nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen Ende April wäre sie da.