Zudem betont die EU, dass sich auch für europäische Landwirte neue Chancen in Indien eröffnen. Demnach werden etwa indische Zölle auf Wein bei Inkrafttreten des Abkommens auf 75 Prozent gesenkt und später dann auf bis zu 20 Prozent reduziert. Die Zölle auf verarbeitete Agrarprodukte wie Brot und Süßwaren von bis zu 50 Prozent sollen ganz abgeschafft werden. Ähnliche Proteste wie beim Mercosur-Abkommen sind deswegen nicht zu erwarten - vor allem auch, da das Abkommen mit Indien für hiesige Landwirte sensible Bereiche nicht einbezieht.
EU sieht enormes Potenzial
Zum Potenzial der Handelsbeziehungen zwischen der EU und Indien teilte die EU mit, es werde erwartet, dass das Abkommen bis 2032 zu einer Verdoppelung der EU-Exporte nach Indien führen werde, indem Zölle auf 96,6 Prozent des Wertes der EU-Warenexporte nach Indien abgeschafft oder gesenkt würden. Insgesamt würden die Zollsenkungen Einsparungen von rund vier Milliarden Euro pro Jahr an Abgaben auf europäische Produkte ermöglichen. Nach EU-Angaben sind bereits heute mehr als 6.000 europäische Unternehmen in Indien vertreten.
Eine EU-Beamtin in Brüssel sagte, der Handel mit Indien mache bislang nur rund 2,5 Prozent des gesamten EU-Warenhandels aus – im Vergleich zu knapp 15 Prozent bei China. Trotz vergleichsweise hoher Zölle auf indischer Seite sei der Handel zwischen der EU und Indien in den letzten zehn Jahren bereits um fast 90 Prozent gewachsen. Zu den wichtigsten Exporten Indiens in die EU-Länder gehören Maschinen, Haushaltsgeräte, Chemikalien, Metallplatten, Mineralerzeugnisse und Textilien.
Signal an Trump
Als äußerst relevant wird das Abkommen zudem auch angesehen, weil die Handelsbeziehungen zu den USA wegen der Zollpolitik von US-Präsident Trump zuletzt unberechenbar geworden sind. Betroffen davon ist neben der EU auch Indien. Auf Importe aus Indien erheben die USA inzwischen Zölle in Höhe von 50 Prozent, einschließlich der 25 Prozent wegen Handelsgeschäften des Landes mit Russland.
Von der Leyen sagte bereits in der vergangenen Woche: «Wir entscheiden uns für fairen Handel statt für Zölle. Für Partnerschaft statt Isolation.» Die EU wolle Nachhaltigkeit statt Ausbeutung und meine es ernst mit der Risikominderung und der Diversifizierung von Lieferketten.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuletzt Mitte Januar stark für den Abschluss der Verhandlungen geworben. Mehr als 2.000 deutsche Unternehmen seien heute schon in Indien aktiv, und immer mehr indische Unternehmen investierten auch in Deutschland, sagte er bei einem Treffen mit Modi.
Unterzeichnung des Abkommens steht noch aus
Wann das Abkommen unterzeichnet wird, ist derzeit noch unklar. Grund ist, dass der Vertragstext noch rechtlich überprüft und in alle Amtssprachen der EU übersetzt werden muss. Anschließend muss er zudem noch von den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament gebilligt werden.
Wirtschaftsvertreter forderten am Dienstag Tempo. «Nach der politischen Abschlusserklärung müssen die nächsten Schritte zügig folgen, damit das Abkommen schnell in Kraft treten kann», mahnte Wolfgang Niedermar vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Die deutsche Industrie erwarte starke Impulse durch das Abkommen - vor allem für Schlüsselsektoren wie Maschinenbau, Chemie, Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrt, aber auch für die Automobilindustrie und ihre Zulieferer.
Hildegard Müller vom Verband der Automobilindustrie sagte, auch wenn nicht sämtliche Hindernisse abgebaut würden, sei der erfolgreiche Abschluss der Verhandlungen ein wichtiger Schritt für das Exportland Deutschland. Damit werde ein dringend benötigter verbesserter Marktzugang in einem weltweit zunehmend protektionistischen Umfeld umgesetzt.