Graf ist im mächtigen Grünen-Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg politisch verortet und gilt als Parteilinker. Bei der Listenaufstellung der Grünen auf einer großen Mitgliederversammlung bekam er viel Zuspruch auch von Realos.
Graf bezeichnet sich als Kämpfer und Optimist, ist Fan des Fußball-Zweitligisten Hertha BSC, Hobby-Koch und Frühaufsteher. Er ist mit dem scheidenden CDU-Regierungschef Kai Wegner befreundet und gilt als jemand, der jenseits von linken Koalitionsoptionen – die er offen bevorzugt – auch Türen für ein mögliches Bündnis seiner Partei mit der CDU öffnen könnte. Der schwarz-roten Landesregierung wirft Graf eine Politik der Rückschritte vor, nicht zuletzt in der Verkehrspolitik und beim Klimaschutz. Allerdings setzt er im Wahlkampf auf weniger schrille Töne als manche Herausforderer.
Elif Eralp – vom Flüchtlingskind zur Regierenden Bürgermeisterin?
Elif Eralp könnte die erste Regierende Bürgermeisterin der Linken werden und die erste mit Migrationsgeschichte. Die 45 Jahre alte Spitzenkandidatin wurde in München geboren und wuchs in Dortmund und Hamburg auf. Ihre Eltern waren als Sozialisten und Gewerkschafter aus der Türkei geflohen.
Die Juristin war von 2018 bis 2023 Mitglied im Linke-Landesvorstand. Seit 2021 gehört sie dem Abgeordnetenhaus an und ist dort stellvertretende Fraktionsvorsitzende.
«Das Rote Rathaus muss endlich wirklich rot werden», fordert sie. «Wenn ein Linker in New York gewinnen kann, dann genauso gut in Berlin», kommentierte Eralp den Erfolg des linken Demokraten Zohran Mamdani bei der Bürgermeisterwahl in der US-Metropole. Sie kündigte an, ihre Partei werde im September das beste Ergebnis holen, das sie in Berlin je eingefahren habe.
Im Wahlkampf setzt Eralp auf markige Worte. «Berlin kann zum Zentrum des Widerstands gegen den sozialen Kahlschlag und gegen den Rechtsruck werden», sagt sie. Oder: «Wir sind bereit, uns mit den Immobilienkonzernen anzulegen.» Eralp will «jeden verdammten Hebel umlegen», um Berlin bezahlbar für alle zu machen. Große Wohnungsunternehmen will sie enteignen und einen Mietendeckel für landeseigene Wohnungen einführen. Eralp ist verheiratet und hat zwei Kinder.
SPD-Reimport Steffen Krach auf schwieriger Mission
Für den SPD-Spitzenkandidaten Steffen Krach (47) hätte dieses Jahr auch anders laufen können. Der 2021 direkt gewählte Regionspräsident der Region Hannover hatte in seiner Geburtsstadt gute Chancen auf eine Wiederwahl. Doch Krach folgte im vorigen Sommer dem Ruf nach Berlin, um die SPD an der Macht zu halten und selbst ins Rote Rathaus einzuziehen.
Seither tourt Krach, der von 2014 bis 2021 bereits Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin war, durch die Stadt, um bekannter zu werden. Er präsentiert sich als Kandidat der Vernunft, wettert gegen den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und gegen den neuen CDU-Spitzenmann Stefan Evers. Ein Spagat, denn beide Parteien regieren seit 2023 zusammen.
Inzwischen hat der Politologe gemeinsam mit der Abgeordneten Bettina König auch den SPD-Vorsitz in der Hauptstadt übernommen. Er kann in der von Flügeln geprägten Partei auf viel Unterstützung zählen – obwohl die SPD in Umfragen schlecht dasteht. Ob das nach einer möglichen Wahlniederlage so bleibt, ist offen.
Kurz vor der Wahl sieht sich Krach mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover konfrontiert. Sie ermittelt – wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Nachnutzung eines Klinikgeländes bei Hannover – unter anderem wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsnahme in zwei Fällen und durchsuchte Büroräume und seine Wohnung in Berlin. Krach weist alle Vorwürfe zurück und nimmt unbeirrt Wahlkampftermine wahr. Allerdings dürften die Ermittlungen in der heißen Wahlkampfphase seine Wahlchancen nicht erhöhen.
Krach ist seit 1998 SPD-Mitglied, verheiratet und hat drei Kinder.
AfD-Chefin Brinker hofft auf großen Wurf
Die Berliner AfD setzt wie schon 2021/2023 auf Kristin Brinker (54) als Spitzenkandidatin. Sie gilt als starke Frau in der von Männern dominierten Partei und beweist schon länger als Partei- und Fraktionsvorsitzende Führungsqualitäten. Brinker, die 2023 für die AfD nur 9 Prozent einfuhr, geht mit neuem Selbstbewusstsein in die Wahl und gibt das Ziel aus, stärkste Partei zu werden. Im Wahlkampf setzt sie – wie auch bei ihren Reden im Abgeordnetenhaus – auf einen Mix aus sachlichen Argumenten und derber Sprache.
Brinker wurde 1972 in Bernburg (Sachsen-Anhalt) geboren, wuchs in der DDR auf und kam nach der Wende nach Berlin. Sie studierte von 1994 bis 1999 Architektur an der Technischen Universität, wo sie auch promovierte. Sie arbeitete als Selbstständige im Immobilienbereich, ehe sie in die Politik ging.
Brinker ist seit 2013 AfD-Mitglied und gehört dem Abgeordnetenhaus seit 2016 an. Sie wurde lange Zeit eher dem liberal-konservativen Lager in der AfD zugerechnet, hat aber weder Berührungsängste mit stramm rechten Parteifreunden noch mit radikaler Programmatik.
Sie fordert ein «Programm zur Remigration» und die Vergabe neuer Wohnungen nach einem Punktesystem nur an langjährige Berliner. «Wohnungen sind keine Asylheime, und sie sind auch nicht für Asylanten da.» Jüngst forderte Brinker mehr «Durchmischung» von Quartieren mit hohem Migrantenanteil. Teils habe man dort das Gefühl, nicht mehr in Deutschland zu sein, sagte sie im RBB.