Elija Walk versucht, die Lücken selbst zu schließen. "Da muss man zu Hause die Bücher im Voraus durchgehen, googeln, YouTube-Videos schauen." Das sei etwas anderes als Unterricht. Es fehlten die Rückfragen, die Lernumgebung. "Es war eben alles nicht so gut wie der echte Unterricht." Hier sieht er die größere Frage: Was passiert, wenn Eltern die Lücken nicht auffangen können?
Zuständige Dienstaufsicht wälzt Verantwortung auf die Schüler ab
Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) bestätigt eine "unglückliche Häufung von Ausfall". Für einen Nachteil bei der Abiturprüfung sieht sie keinen Beleg. Ausfälle von Lehrkräften in Leistungskursen der Oberstufe würden in der Regel von Stammpersonal vertreten. "Das ist an der Schule auch geschehen."
Der ADD hätten keine Beschwerden anderer Schüler des Jahrgangs vorgelegen. "Selbstverständlich ist ein vollständig stattfindender Unterricht im Hinblick auf eine umfassende Allgemeinbildung sinnvoll und wünschenswert", teilt die Behörde mit. "Für die Leistungen, die in der Abiturprüfung erbracht werden können, war der Stundenausfall allerdings nicht von Nachteil." Sie verweist auch auf die Bedeutung selbstständigen Arbeitens in der Oberstufe.
Susanne Walk sagt, geärgert hätten sich viele Eltern und Schüler, einige hätten die Stunden gezählt und Screenshots vom Vertretungsplan angefertigt - so sei die Familie erst auf die Idee gekommen, es genauso zu machen. Alle hätten aber letztlich darauf vertraut, dass sich die Schulleitung kümmere.
Anwalt: "Ein Skandal, dass so viel Unterricht ausfällt"
Elija Walk beantragt nach dem Abitur die Neubewertung seiner Klausuren und Halbjahresnoten in Deutsch, Biologie und Sport. Der Antrag wird abgelehnt. Ein juristisches Eilverfahren bleibt in zwei Instanzen erfolglos: Das Verwaltungsgericht Neustadt an der Weinstraße lehnt den Antrag im Juni ab, das Oberverwaltungsgericht Koblenz weist die Beschwerde zurück.
In der Sache selbst ist damit aber nichts entschieden. Am 30. Oktober wird vor dem Verwaltungsgericht Neustadt öffentlich in der Hauptsache verhandelt.
Es geht um eine Frage, für die es nach Einschätzung von Walks Anwalt Martin Malcherek bislang wenig juristische Orientierung gibt. "Wir sind hier im Neuland." Politisch sei die Sache für ihn eindeutig: "Ein Skandal, dass so viel Unterricht ausfällt." Rechtlich müsse genauer hingesehen werden. Denn die eigentliche Frage reiche über Walks Abiturnote hinaus. Was bedeutet es für Bildungschancen, wenn Schüler unterschiedlich viel Unterricht erhalten?
Elijas Walk treibt seinen Protest bis in den Landtag von Rheinland-Pfalz
Walk will, dass sich für die nächsten Jahrgänge etwas ändert. Dazu hat er eine Petition mit Vorschlägen an den Bürgerbeauftragten des Landtags geschrieben: einheitliche Definition von Unterrichtsausfall, automatisierte Erfassung, für Eltern Einsichtsrechte, verbindliche Schwellenwerte, unabhängige Validierung.
Seine Mutter sieht es ähnlich: "Der Staat hat eine gewisse Aufgabe. Es gibt ein Bildungsrecht, es gibt ein Schulrecht, und es muss einfach auch eingehalten werden." Und so ist aus den Fotos eines Stundenplans, aus einer Excel-Tabelle und viel Unterrichtsausfall eine Grundsatzfrage geworden. Susanne Walk hat drei Jahre lang die Stunden gezählt. Am 30. Oktober wird ein Gericht prüfen, welche Bedeutung diese Zahlen rechtlich haben.