Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurde ein 43-Jähriger in flagranti beim Drucken gefälschter Rezepte erwischt. Er wurde gemeinsam mit dem 32-Jährigen und einem weiteren 28-jährigen Tatverdächtigen nach Bayern überstellt.
Warenwert im sechsstelligen Bereich - Gesamtschaden wohl deutlich höher
Der Warenwert aller sichergestellten Arzneimittel und der noch nicht eingelösten Rezepte liegt laut Polizeipräsidium München im sechsstelligen Bereich. Der finanzielle Schaden für das Gesundheitssystem könnte jedoch noch deutlich höher liegen, da viele Medikamente auf dem Schwarzmarkt ins Ausland verkauft wurden, so BR24.
Ähnliche Fälle von Rezeptfälschungen treten in Deutschland seit etwa zwei Jahren immer häufiger auf. Kriminelle Banden fälschen gezielt Kassenrezepte, lassen sich Originalpräparate – darunter teure Krebsmedikamente oder Abnehm-Spritzen – in Apotheken aushändigen und verkaufen sie dann auf dem Schwarzmarkt. Die Schäden für das Gesundheitssystem gehen laut Schätzungen in die Millionenhöhe.
Erst in der vergangenen Woche hatten zwei junge Männer versucht mit gefälschten Rezepten im unterfränksichen Kreis Rhön-Grabfeld an Medikamente heranzukommen. Doch die Mitarbeiter der Apotheken werden misstrauisch.
Gefälschte Rezepte: Diese Medikamente waren betroffen
Die Bande hat laut Polizei und Medienberichten vor allem Rezepte für sehr teure, verschreibungspflichtige Medikamente gefälscht, darunter hochpreisige Krebsmedikamente und sogenannte Abnehm-Spritzen. Eine genaue Aufstellung nach konkreten Fällen und wissenschaftlichen Erkenntnissen ergibt folgende Liste:
- Krebsmedikamente:
- Beispiele: Alecensa (Alectinib), Braftovi (Encorafenib), Caprelsa (Vandetanib), Lenvima (Lenvatinib), Lonsurf (Trifluridin/Tipiracil), Mekinist (Trametinib), Mektovi (Binimetinib), Orserdu (Elacestrant), Tukysa (Tucatinib)
- Verwendung: Behandlung verschiedener Krebserkrankungen (z.B. Brustkrebs, Lungenkrebs, Darmkrebs)
- Wirkstoffe: Je nach Präparat, z.B. monoklonale Antikörper oder Tyrosinkinase-Inhibitoren
- Wirkungsweise: Hemmen gezielt Wachstumsfaktoren und Signalwege in Tumorzellen, blockieren Enzyme oder Proteine, die für das Tumorwachstum notwendig sind, oder stimulieren das Immunsystem zur Zerstörung von Tumorzellen
- Durchschnittspreise: Zwischen 3.000 und 13.000 Euro pro Packung; jährlich oft 30.000 bis 100.000 Euro pro Patient, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet
- Abnehm-Spritzen / Diabetesmedikamente:
- Beispiele: Ozempic (Semaglutid), Wegovy (Semaglutid), Mounjaro (Tirzepatid), Saxenda (Liraglutid), Trulicity (Dulaglutid)
- Verwendung: Behandlung von Typ-2-Diabetes und/oder Adipositas (Fettleibigkeit)
- Wirkstoffe: Semaglutid, Tirzepatid, Liraglutid, Dulaglutid
- Wirkungsweise: Ahmen körpereigene Darmhormone (GLP-1- oder GIP-Agonisten) nach, regulieren Appetit und Blutzucker, verzögern die Magenentleerung und fördern das Sättigungsgefühl
- Durchschnittspreise (laut Apotheken Umschau)
- Wegovy/Semaglutid: ca. 300 Euro pro Monat
- Mounjaro/Tirzepatid: bis zu 500 Euro pro Monat
- Saxenda/Liraglutid: etwa 350 Euro pro Monat
- Weitere Spezialpräparate:
- Beispiele: Ragwizax (Allergiemittel), Fentanyl (starkes Schmerzmittel, Opioid)
- Verwendung: Ragwizax bei Allergien, Fentanyl zur Schmerzbehandlung bei schweren Erkrankungen, häufig in der Onkologie
- Wirkstoffe: Je nach Präparat, z.B. Fentanyl als synthetisches Opioid
- Durchschnittspreise: Ragwizax rund 350 Euro pro Packung; Fentanyl variabel
Die Bande fälschte Rezepte besonders häufig für hochpreisige Medikamente aus den Bereichen Onkologie, Adipositas und Diabetes sowie für bestimmte Spezialarzneien. Für viele dieser Präparate liegt der Preis pro Packung im vierstelligen Bereich, die jährlichen Behandlungskosten können über 100.000 Euro betragen.
Rezeptfälschungen nehmen zu – E-Rezept als Lösung?
Auch die Polizei sieht einen Zusammenhang mit der aktuellen Rezeptpraxis. Der Münchner Apotheker Peter Sandmann ist überzeugt, dass die Umstellung auf elektronische Rezepte (E-Rezepte) die Fälschungen deutlich erschweren oder sogar verhindern könnte. Die Polizei hat zuletzt mehr als 1000 Apotheken in Bayern ausdrücklich vor der neuen Masche gewarnt und auf die besondere Gefährdung durch gefälschte Rezepte hingewiesen, wie BR24 berichtet.
Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Polizei prüft, ob weitere Apotheken oder Täter involviert sind, und arbeitet eng mit der Staatsanwaltschaft und dem Bundeskriminalamt zusammen. Ziel ist es, das Netzwerk vollständig zu zerschlagen und die Hintermänner zur Rechenschaft zu ziehen.
Mit dem Fall zeigt sich einmal mehr, wie lukrativ und professionell organisiert Kriminalität im Bereich des Medikamentenbetrugs sein kann. Die Behörden rufen Apotheken und Praxen weiterhin zu besonderer Wachsamkeit auf und empfehlen, bei Verdachtsfällen unverzüglich die Polizei zu informieren. sl/mit dpa