Regionalpräsident Juanma Moreno bestätigte in den frühen Morgenstunden des Montags (19. Januar), dass mindestens 24 Menschen bei dem Unfall ihr Leben verloren haben und 15 schwer verletzt wurden. Er schloss nicht aus, dass weitere Leichen gefunden werden. Diese könnten sich unter den "Trümmerhaufen aus Metall" - so Moreno laut dpa wörtlich - verbergen. Die Rettungs- und Räumungsarbeiten würden die ganze Nacht andauern, so der Präsident auf der Plattform X.
"Schreie, weinende Kinder, Blut"
"Der Aufprall war so heftig, dass die beiden vorderen Wagen des Renfe-Zuges infolgedessen aus den Gleisen geschleudert wurden", meinte Verkehrsminister Óscar Puente.
Die Szenen direkt nach dem Aufprall waren erschütternd. Eine junge Frau beschrieb in einem Interview mit dem spanischen TV-Sender RTVE die dramatischen Ereignisse: "Es gab eine Vollbremsung, es wurde stockdunkel. Ich fiel kopfüber aus dem Sitz. Menschen und Gepäck flogen durch die Luft. Es gab Schreie, weinende Kinder, Blut. Ich fühle mich, als wäre ich neu geboren." Ein weiterer Passagier, der Journalist Salvador Jiménez, verglich die Erschütterungen mit einem Erdbeben, wie RTVE berichtet.
Viele Passagiere waren nach dem Unfall stundenlang in den Zügen eingeschlossen. Feuerwehrleiter Paco Carmona sprach von einem besonders schwierigen Einsatz. Das Gebiet rund um Adamuz sei schwer zugänglich, und die Zerstörung der Züge habe das Chaos noch verstärkt. "Offene Brüche, Blut, Chaos – es war alles andere als schön", schilderte Carmona die herausfordernde Situation, wie RTVE berichtet.
Trauer und Rätsel um die Ursache
dpa-Angaben zufolge war der Iryo-Zug mit mehr als 300 Menschen an Bord von Málaga nach Madrid unterwegs, der in Madrid gestartete Renfe-Zug fuhr mit rund 200 Passagieren nach Huelva.
Die genaue Ursache des Unfalls ist aktuell unklar und wirft Fragen auf. Verkehrsminister Óscar Puente bezeichnete den Unfall als "extrem ungewöhnlich", da die Strecke, auf der der Vorfall geschah, erst kürzlich für 700 Millionen Euro renoviert wurde und mit modernsten Sicherheitssystemen ausgestattet sei. Diese hätten eigentlich derartige Unfälle verhindern sollen, selbst wenn ein Lokführer einen Fehler macht. Ingenieur Jorge Trigueros zeigte sich ebenfalls überrascht und betonte, dass die Sicherheitsvorkehrungen solche Kollisionen zuverlässig vermeiden sollten, wie RTVE berichtet.
Am Montagmorgen (19. Januar) lagen nach amtlichen Angaben noch mehr als 70 Verletzte in sechs umliegende Krankenhäuser. Einige mussten direkt notoperiert werden. Die Identifizierung der Opfer begann ebenfalls in der Nacht, Informationen zu ihrer Identität oder Herkunft lagen zunächst nicht vor. Das Rote Kreuz leistete psychologische Betreuung für traumatisierte Passagiere und ihre Angehörigen, die in Bahnhöfen wie Atocha in Madrid oder Huelva verzweifelt auf Nachrichten ihrer Liebsten warteten, wie aus einer Mitteilung des Notdienstes hervorgeht.
"Nacht tiefen Schmerzes"
Politische und gesellschaftliche Reaktionen folgten schnell. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez äußerte sich betroffen und versprach schnelle Hilfe: "Heute ist eine Nacht tiefen Schmerzes für unser Land", schrieb er auf der Plattform X. Auch das spanische Königshaus sowie die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Von der Leyen schrieb gemäß ihrer Erklärung auf X: "In dieser Nacht seid ihr in meinen Gedanken."
In der 4000-Einwohner-Gemeinde Adamuz zeigte sich eine Welle der Solidarität. Freiwillige Helfer unterstützten die Rettungsarbeiten, brachten Decken, Medikamente und Lebensmittel ins Gemeindezentrum. Rafaela, die Besitzerin eines örtlichen Supermarkts, öffnete auch in der Nacht ihr Geschäft, um die Helfer und Überlebenden zu versorgen. "Heute schläft hier niemand!", sagte sie gemäß einem Bericht von RTVE.
Das spanische Hochgeschwindigkeitsnetz, das für seine Zuverlässigkeit und moderne Technik bekannt ist, gerät durch den Unfall in den Fokus. Die Strecke zwischen Madrid und Andalusien, eine der wichtigsten des Landes, bleibt mindestens bis Montag (19. Januar) gesperrt. Tausende Reisende mussten ihre Pläne ändern, viele verbrachten die Nacht in Bahnhöfen, während sie auf alternative Transportmöglichkeiten warteten, wie RTVE berichtet. Die Tragödie weckte zudem Erinnerungen an ein weiteres verheerendes Bahnunglück in Spanien: Am 24. Juli 2013 war ein Zug in Angrois, wenige Kilometer vor Santiago de Compostela, mit überhöhter Geschwindigkeit entgleist. Damals kamen 80 Menschen ums Leben.
Die Bahnunternehmen Renfe und Trenitalia stehen nun vor schwierigen Fragen. Experten und Behörden untersuchen intensiv, wie es zu einem solch tragischen Unfall kommen konnte. Die Ermittlungen umfassen dabei nicht nur technische Aspekte, sondern auch die Rolle von menschlichem Versagen und mögliche externe Faktoren.
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