Nach dem Tod von Ajatollah Ali Chamenei muss das iranische Machtgefüge klären, wer ihm nachfolgt. Doch in Kriegszeiten wird auch die Wahl des neuen Revolutionsführers zum Risiko.
Der Tod von Ajatollah Ali Chamenei hat ein Machtvakuum im Zentrum des Iran hinterlassen. Jahrzehntelang lief im System der Islamischen Republik alles auf den Revolutionsführer hinaus. Er bündelte politische, militärische und religiöse Macht. Die Nachfolge muss nun ausgerechnet in einer Phase geregelt werden, in der das Land im Krieg steht. Offiziell bestimmt der Expertenrat den neuen Revolutionsführer. In der Praxis dürfte sich entscheiden, welches Lager im Machtgefüge die Oberhand gewinnt.
Das System steht unter Zugzwang. In der Übergangsphase muss rasch geklärt werden, wer Chamenei nachfolgt. Der Posten ist in der aktuellen Lage mit einem hohen Risiko verbunden: Ein neuer Revolutionsführer würde sofort zum wichtigsten Ziel der israelisch-amerikanischen Militärkampagne. Sucht der Machtapparat jetzt einen starken Mann oder einen Kompromisskandidaten, der die rivalisierenden Lager zusammenhält? Ein Überblick über die kursierenden Namen:
Modschtaba Chamenei - Sohn des getöteten Ajatollahs
Modschtaba Chamenei, der Sohn des getöteten Religionsführers Ajatollah Ali Chamenei, gilt als aussichtsreichster Kandidat. Seit Jahren hat er seinen Einfluss ausgebaut, trat öffentlich jedoch kaum in Erscheinung. Viele Insider im Iran spekulieren, dass er im Schatten seines Vaters großen Einfluss ausgeübt hat. So soll er im Hintergrund unter anderem Angelegenheiten im Büro des Revolutionsführers gesteuert haben.
Falls er gewählt wird, dürfte der 56-Jährige den kompromisslosen Kurs seines Vaters zunächst fortsetzen. Er gilt als bekannter Akteur staatlicher Unterdrückung. So soll er während der Grünen Bewegung 2009, die nach Vorwürfen der Wahlfälschung bei der Präsidentschaftswahl entstand, eine Schlüsselrolle bei der Niederschlagung der Proteste gespielt haben. Gut informierten Kreisen in Teheran zufolge könnte er aber auch mit Unterstützung der mächtigen Revolutionsgarden einen Kurswechsel vornehmen, um das Land aus den Dauerkrisen zu führen.
Sadegh Laridschani - Gegner der Reformbewegung
Sadegh Amoli Laridschani ist ein einflussreicher schiitischer Geistlicher und der Bruder von Ali Laridschani, dem Generalsekretär des mächtigen Sicherheitsrats. Seit sechs Jahren steht er an der Spitze des sogenannten Schlichtungsrats, eines wichtigen Schiedsorgans im iranischen Machtapparat. Zuvor leitete der 62-Jährige zehn Jahre lang die Justiz. Seine religiöse Ausbildung absolvierte er wie viele schiitische Geistliche in der Pilgerstadt Ghom.
Laridschani gilt als Hardliner mit erzkonservativem Weltbild und als entschiedener Gegner der Reformbewegung. Im Laufe seiner politischen Karriere wurden ihm wiederholt Korruption und persönliche Bereicherung vorgeworfen. Die Europäische Union und die USA belegten ihn mit Sanktionen, unter anderem wegen seiner Verantwortung für schwere Menschenrechtsverletzungen. Laridschani gehört zum konservativen Establishment der Islamischen Republik und ist eng mit den Machtzentren von Klerus und Justiz verbunden.
Hassan Ruhani - Ex-Präsident und einflussreicher Reformist
Als Präsident bemühte sich Hassan Ruhani (77) in zwei Amtszeiten um eine Annäherung an den Westen und stellte vorsichtige Reformen in Aussicht. Sein größter politischer Erfolg war der Wiener Atomdeal von 2015, der dem Iran eine Lockerung der internationalen Sanktionen bringen sollte. Doch US-Präsident Donald Trump kündigte das Abkommen später auf. Damit verlor Ruhanis Kurs der Öffnung entscheidend an Rückhalt.