«Kulturpolitik als politisches Schlachtfeld»
Rücktrittsforderungen schließt sich Olaf Zimmermann ausdrücklich nicht an. «Das wäre Quatsch», sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Weimer stehe nicht alleine. «Er ist nicht einfach so Kulturstaatsminister geworden, das ist eine Entscheidung des Kanzlers gewesen. Es ist eine Antwort auf eine angeblich linke Kulturlandschaft.» Weimer sehe seine Rolle darin, «dem Kulturbereich zu zeigen, wo der Hammer hängt», meint Zimmermann.
Viele Reizthemen
Tatsächlich mied Weimer vor allem am Anfang kaum ein kontroverses Thema. In einem Beitrag für die «Süddeutsche Zeitung» schrieb er: «Die freiheitsfeindliche Übergriffigkeit der Linken hat in der Cancel Culture ihr aggressives Gesicht.» Was im Nachhinein die Ironie birgt, dass nun die Linke bei ihm «Cancel Culture» und Übergriffigkeit gegen die Freiheit der Kunst wahrnimmt.
Auch das rechte Reizthema «Gendern» nahm sich Weimer vor und verbannte Sonderzeichen wie Binnen-I oder Sternchen offiziell aus seiner Behörde. Dasselbe empfahl er allen mit öffentlichen Mitteln finanzierten Institutionen wie Museen, Stiftungen oder Rundfunk. Das kam bei einigen als Kürzungsdrohung an. So sorgte Weimer leichthin für politische Umdrehungen.
Zähe Großprojekte
Seine Großprojekte liefen zäher, darunter der sogenannte Plattform-Soli. Weimer schlug eine Abgabe von etwa 10 Prozent auf den Erlös von Digitalkonzernen wie Google oder Meta bei Geschäften in Europa vor, erntete aber Widerspruch aus der Union. Um US-Präsident Donald Trump nicht zu provozieren, hielt Weimer die Füße erst einmal still.
Bei der Investitionsverpflichtung großer US-Streamingdienste wie Netflix, Apple+ oder Disney+ schien Weimer erst entschlossen, dann setzte er sich lieber mit den Konzernen für eine freiwillige Lösung an einen Tisch. Die SPD trieb schließlich eine verpflichtende Vorgabe voran.
Frühe Werke und Jugendgedichte
Zeitweilig wurde Weimer im Herbst stiller, als er wegen Geschäftsmodellen der von ihm mitgegründeten Weimer Media Group unter Druck stand. Zwischendurch ging es um steile Thesen in Weimers früheren Büchern, um Selbstplagiate und missratene Jugendgedichte. Ausgerechnet der einstige Redakteur der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und Gründer des «Cicero» provozierte frühere Medienkollegen zu bitteren Kommentaren.
Seine eigene Kommunikation wirkte bisweilen undurchsichtig. Kritik an propalästinensischen Kommentaren während der Berlinale teilte er, Berichte über eine angebliche Abberufung von Festival-Chefin Tuttle ließ er tagelang unwidersprochen. Doch am Ende blieb Tuttle im Amt.
Sehnsucht nach Langeweile
In der Kulturwelt sei Weimer nicht zu Hause, sagt Kulturrat-Chef Zimmermann. «Er ist als Journalist in die Politik gegangen, aber immer noch nicht wirklich in seinem neuen Amt angekommen. Als Politiker reicht es nicht, einen knackigen Kommentar abzugeben, sondern man muss in derselben Sekunde auch Teil der Lösung sein.»
Zimmermanns größter Kritikpunkt: «Ich weiß genau, was Wolfram Weimer nicht gut findet. Aber was wir im Kulturbereich nicht wissen, ist, was er machen will. Nach rund einem Jahr im Amt ist seine Agenda in der Kulturpolitik immer noch unklar.» Das sei bei einem Jahresetat von 2,6 Milliarden Euro zu wenig. Der Geschäftsführer des Kulturrats lässt sich zu einem Stoßseufzer hinreißen: «Ich möchte wieder eine ganz normale, langweilige Kulturpolitik.»