Auch der europäische Flughafenverband ACI Europe sorgt sich infolge der durch den Iran-Krieg ausgelösten Energiekrise um ausreichend Kerosin. Wenn der Transit durch die Straße von Hormus nicht innerhalb der nächsten drei Wochen wieder aufgenommen werde, gehe man davon aus, dass eine Knappheit von Flugtreibstoff in der EU Realität werden dürfte, warnt Generaldirektor Olivier Jankovec in einem Brief an die Europäische Kommission.
Deutsche Produktion reicht nicht aus
Ersatz kommt derzeit hauptsächlich aus den Vereinigten Staaten, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet. Allerdings können diese Lieferungen bislang nur rund die Hälfte der ausfallenden Mengen ersetzen. Es drohen niedrige Bestände und ein angespannter Markt über den gesamten Sommer hinaus. Die unzureichende Kompensation verschärft die ohnehin prekäre Versorgungslage weiter. Die Kerosinkosten sind infolge des Iran-Kriegs von 85 auf bis zu 200 Dollar pro Barrel explodiert, was Airlines wie Thai Airways, Cathay Pacific und Air New Zealand bereits zu massiven Preiserhöhungen bei den Ticketpreisen zwingt.
Die heimische Kerosin-Produktion kann den Bedarf nicht decken. Laut Zahlen des Energieverbands en2x wurden 2024 von den rund 9 Millionen Tonnen in Deutschland abgesetzten Kerosins etwa 5,9 Millionen Tonnen importiert – vornehmlich aus dem Nahen Osten. Deutsche Raffinerien stellten im gleichen Zeitraum 4,8 Millionen Tonnen her, von denen jedoch 1,6 Millionen Tonnen exportiert wurden, der dpa zufolge. Diese Zahlen verdeutlichen die hohe Importabhängigkeit der deutschen Luftfahrtbranche.
Airlines haben bereits auf die angespannte Lage reagiert. Fluggesellschaften wie KLM oder SAS haben unrentable Verbindungen aus ihrem Programm gestrichen, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. Der Lufthansa-Konzern lässt 27 Flugzeuge der Regionaltochter Cityline am Boden stehen und plant, weitere Spritfresser zum Winterflugplan ab Ende Oktober aus der Flotte zu nehmen. Wegen hoher Kosten für Kerosin und der fortgesetzten Streiks schließt die Lufthansa ihre Regionaltochter Cityline komplett. Der BDL betrachtet solche Maßnahmen lediglich als ersten Schritt in einer längeren Anpassungsphase.
Sieben-Punkte-Plan als Gegenmaßnahme
An konkreten Gegenmaßnahmen schlägt der Verband – ebenso wie der europäische Airlineverband A4E – eine engmaschige staatliche Überwachung der vorhandenen Kerosin-Mengen vor, der dpa zufolge. Zudem sollten nationale und europäische Reserven freigegeben werden. Helfen könnten auch zusätzliche Durchleitungsrechte für das sogenannte NATO-Pipeline-System beziehungsweise das Central Europe Pipeline System, um die Flughäfen in Frankfurt, Köln/Bonn, München und Zürich besser mit Treibstoff versorgen zu können. Diese Infrastruktur könnte kurzfristig Engpässe abfedern.
Die Branche fordert darüber hinaus in der Krise eine Entlastung von Steuern und Abgaben. Ein besonders umstrittener Vorschlag würde jedoch zulasten der Passagiere gehen: Der BDL möchte erreichen, dass Flugausfälle oder Verspätungen aufgrund von Spritmangel als "außergewöhnliche Umstände" bewertet werden, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet. In solchen Fällen müssten dann keine Entschädigungen nach der EU-Passagierrechtsverordnung gezahlt werden. Diese Forderung dürfte bei Verbraucherschützern auf erheblichen Widerstand stoßen.
Folgende Maßnahmen umfasst der Forderungskatalog der Luftverkehrswirtschaft im Überblick:
- Engmaschige staatliche Überwachung der Kerosin-Bestände
- Freigabe nationaler und europäischer Treibstoffreserven
- Zusätzliche Durchleitungsrechte für NATO-Pipeline-System
- Steuerliche Entlastungen für die Luftfahrtbranche
- Bessere Versorgung der Hauptverkehrsflughäfen
- Anerkennung von Spritmangel als außergewöhnlicher Umstand
- Koordinierte europäische Notfallplanung
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen ausreichen, um größere Verwerfungen im Flugverkehr zu verhindern. Fest steht: Die Sommerreisesaison steht unter keinem guten Stern, und Fluggäste müssen sich möglicherweise auf Einschränkungen einstellen. sl/mit dpa
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