ZDF wollte über Nazi-Vergangenheit von Promi-Vorfahren berichten: "Es hagelte Absagen"

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"German Guilt"
Katja Riemann will in "German Guilt" mit Thilo Mischke mehr über das Schicksal ihrer Großmutter herausfinden.
ZDF/ Leonard Schmidt
"German Guilt"
Reporter Thilo Mischke geht in den Arolsen Archives, dem größten Archiv über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus, auf Recherche.
ZDF/ Fabian Beyer

Es ist eine Reise in die Vergangenheit, der sich die meisten Promis offenbar nicht stellen wollten: In der ZDF-Dokureihe "German Guilt" erfährt Journalist Thilo Mischke, dass sein Urgroßvater Adolf Hitler persönlich schützte. Katja Riemann wird hingegen damit konfrontiert, dass ihre Großmutter Euthanasie-Opfer wurde.

"Setzt euch mit der eigenen Geschichte auseinander, damit wir dieselben Fehler nicht noch mal machen", fordert Thilo Mischke in der ZDF-Reihe "German Guilt". Mehrere Promis hätten er und das Team hinter der dreiteiligen Doku zu dem Projekt eingeladen. "Bei den ersten fast 40 Anfragen hagelt es Absagen. Niemand traut sich. Alle winken ab, zu heikel, zu persönlich", verrät er, ohne Namen zu nennen.

Mischke selbst wagt den Blick in die eigene Familiengeschichte. "Wer war Oma wirklich?", fragt sich der 44-Jährige, dessen geplatztes Engagement als Moderator des ARD-Kulturmagazins "ttt - titel thesen temperamente" im vergangenen Jahr hohe Wellen schlug. Mischkes 2018 verstorbene Oma Karin war "Kommunistin, Tausendsassa, Mysterium - schon ihre Herkunft ist ein großes Geheimnis", erklärt er.

Thilo Mischke: "Mein Uropa kannte Adolf Hitler wahrscheinlich persönlich"

Wie er weiß, war seine Großmutter ein sogenanntes Lebensborn-Kind. Der Verein Lebensborn wurde 1935 von Himmler gegründet, um "den Kinderreichtum in der SS zu unterstützen, jede Mutter guten Blutes zu schützen und zu betreuen und für hilfsbedürftige Mütter und Kinder guten Blutes zu sorgen". Fernziel aber war die Züchtung "arischer" Menschen. Er sei das "Produkt einer Rassen-Idee", erkennt Mischke.

Lange kannten weder er noch seine Mutter die Identität seines Urgroßvaters. Erst bei seinen Recherchen findet Mischke heraus, dass es sich beim Vater seiner Oma um ein Mitglied der Leibstandarte SS Adolf Hitler handelte - also der persönlichen Schutztruppe des Diktators. "Mein Uropa kannte Adolf Hitler wahrscheinlich persönlich", stellt der Moderator fest. Als er auf ein Foto seines Urgroßvaters stößt, muss er schlucken: "Ja, ist ekelhaft. Ich habe keinen Bezug zu diesem Mann, aber es ist einfach ekelhaft, ihn in dieser Uniform zu sehen."

Eine der wenigen Prominenten, die sich neben Mischke dazu bereit erklärten, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, ist Katja Riemann. Die Großmutter der Schauspielerin starb 1945 unter umgeklärten Umständen im Alter von 45 Jahren. Riemann erinnert sich an einen prägenden Vorfall in ihrer eigenen Kindheit: "Die Post kam und meine Mutter schrie", erzählt sie. "Ich kam runter und sie zerriss einen Brief, zerfetzte den, warf den Papierkorb durch die Gegend ... reinste körperliche Verzweiflung."

Katja Riemanns "Großmutter wurde ermordet"

Bei einem Blick in den Papierkorb fand Riemann heraus, dass ihre Mutter die Information von einem Amt bekommen hatte, "dass ein Massengrab entdeckt wurde, geöffnet worden ist - und auf den Listen hat man den Namen meiner Großmutter gefunden". Letztere war zum Zeitpunkt ihres Todes wegen Schizophrenie in der Heilanstalt Wehnen untergebracht. Dort sollen im Zweiten Weltkrieg mehr als 1.500 Patientinnen und Patienten ermordet worden sein - meist durch Vernachlässigung und Unterernährung.

Auch Riemanns Großmutter zählte zu den Opfern. "Katjas Großmutter wurde ermordet", resümiert Mischke. Eine harte Erkenntnis für sein Gegenüber: "It breaks my heart. Die hat so gelitten, diese Frau", ist Riemann sichtlich getroffen. Sie "wünschte, man könnte sie nachträglich in den Arm nehmen".

Immer wieder kämpft die 62-Jährige während der Recherche mit den Tränen. Dennoch empfindet sie die neugewonnenen Informationen als Bereicherung: "Weil meine Großmutter dadurch real wurde. Und zum Leben kam. Ich hatte ja nicht die Möglichkeit als Kind, sie zu lieben." Auch sie rät zum Ende der Dreharbeiten dazu, es ihr gleichzutun und die eigene Familiengeschichte zu erforschen: "Do it. Mach es. Egal, was du findest, du findest auch immer ein Stück von dir selber."

Alle drei Teile der Doku-Reihe "German Guilt" sind im Streamingportal des ZDF abrufbar.

Quelle: teleschau – der mediendienst