Im "Sonnenhof" leben Jugendliche mit schwieriger Vergangenheit. Als dessen Leiter im Wiener "Tatort: Gegen die Zeit" ermordet wird, ermitteln Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) in ihrem vorletzten Fall. Haben sie den "künstlerischen" Fehler im Setting bemerkt?
Angenehm klischeefrei war dieser leise ORF-Krimi, der natürlich ein Sozialdrama war. Was soll auch anderes herauskommen, wenn der Schauplatz eines Mordes eine betreute Wohneinrichtung für schwierige Jugendliche ist?
Was man dem "Tatort: Gegen die Zeit" zugutehalten muss: Diese 90 Minuten haben uns 14- bis 18-jährige Dropout-Kids gezeigt, die es so tatsächlich geben könnte. Samt einer Handvoll Betreuer, die ebenfalls in Charakterzeichnung und ihrer unaufgeregten Art an echte Pädagogen erinnerten. Trotzdem gab es eine Sache im "Sonnenhof" - und es war nicht die triste Inneneinrichtung -, die komplett unrealistisch war. Das jedoch aus guten Gründen ...
Worum ging es?
David Walcher (Roland Silbernagl), Leiter des sozialen Wiener Wohnprojekts "Sonnenhof", wurde unweit der abgelegenen Einrichtung erschlagen aufgefunden. Zwar gerieten sowohl seine Ex-Frau als auch ein latent aggressiver Nachbar ins Visier der Ermittlungen, doch Eisner und Fellner richteten ihren Fokus vor allem auf die Dynamik innerhalb der Wohngruppe.
Dort lebten fünf Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren zusammen mit drei Pädagogen: Olaifa (Ayo Aloba), Araz (Emre Cakir) und Simon (Augustin Groz) kümmerten sich um die beiden Jüngsten, Levi (Christoph Lackner-Zinner) und Oki (Yacouba Diabate), sowie die etwa 17- bis 18-jährigen Leon (Tristan Witzel), Mo (Rena Hussin) und Cihan (Alperen Köse). Letzterer war jedoch seit der Tat spurlos verschwunden - ein Umstand, der ihn schnell in den Kreis der Verdächtigen rückte.
Worum ging es wirklich?
Für Drehbuch (gemeinsam mit Hermann Schmid) und Regie des neuen ORF-"Tatorts" zeichnet Katharina Mückstein verantwortlich. Die 1982 in Wien geborene Filmemacherin übernimmt zwar auch reine Regiearbeiten, etwa für die Wiener Krimireihe "Blind ermittelt" oder ihren ersten, viel beachteten "Tatort: Dein Verlust", in dem Moritz Eisner an seinem Geburtstag ins Koma trinkt.
Wenn Mückstein jedoch - wie in diesem Fall - selbst am Drehbuch beteiligt ist, entstehen meist besonders fein beobachtete, oft preisgekrönte Gesellschaftsporträts. Dies zeigt sich auch in ihren Dokumentarfilmen wie "Feminism WTF". Warum das relevant ist? Weil sich "Tatort: Gegen die Zeit" genau durch diesen präzisen Blick auszeichnet: auf prekäre, erschütterte Lebensrealitäten junger Menschen ebenso wie auf differenziert gezeichnete Figuren innerhalb des Betreuungsteams.
Was ist das für ein Betreuungsschlüssel?
Der "künstlerische Fehler" in diesem an sich um Realismus bemühten "Tatort" war natürlich der Betreuungsschlüssel. Vom im Film geschilderten können echte Einrichtungen dieser Art nur träumen. Auf vier Pädagogen (inklusive des ermordeten) kamen lediglich fünf Wohngruppen-Kids. Warum das so war? Klar, die Filmemacher wollten verschiedene Typen und Herangehensweisen an den Pädagogen-Job und das prekäre Jugendleben schildern, dabei aber auch kein riesig-unübersichtliches Ensemble ins Krimi-Rennen schicken.