Dort habe die Angeklagte plötzlich ein Messer mit einer Klingenlänge von mindestens zehn Zentimetern und einer Breite von mindestens 1,5 Zentimetern gezogen und mindestens sechsmal auf den Jungen eingestochen. Zwei Stiche gingen ins Herz. Fabian starb an dem Tag zwischen 10.50 Uhr und 13.00 Uhr.
Während die Anklage verlesen wurde, sitzt Fabians Mutter mit geradem Rücken und wie versteinert auf ihrem Stuhl. Sie fixiert die Angeklagte mit festem Blick. Ihre Anwältin Christine Habetha sitzt neben ihr. Die persönliche Begegnung mit der Angeklagten falle ihrer Mandantin sehr schwer, sagt sie vor Beginn der Verhandlung. Am Donnerstag, dem zweiten Prozesstag, wird die Mutter als Zeugin aussagen. Am Nachmittag ist der Vater als Zeuge geladen.
Beziehungs-Aus als Tatmotiv?
Gerade den Vater halten die beiden Verteidiger der Angeklagten - Andreas Ohm und Thomas Löcker - für einen zentralen Zeugen. Sie wollen ihn auch zur Beziehung zu der Angeklagten fragen, kündigten sie an. Das Verhältnis scheint auch nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft eine wichtige Rolle zu spielen.
Die Angeklagte, die selbst Mutter ist, habe ziel- und zweckgerichtet gehandelt, um durch die Tötung des Jungen einen Streitpunkt in der Beziehung zum Vater aus dem Weg zu räumen, hieß es in der Anklage.
"Dabei vernichtete sie bedenkenlos das Leben des 8-jährigen Kindes für die vage Hoffnung auf Wiederaufnahme einer für sie auch monetär vorteilhaften Beziehung." Demnach gehen die Ermittler auch von finanziellen Gründen aus. Denn ohne die Beziehung fürchtete die Frau laut Anklage, ihren Lebensstil nicht fortführen zu können.
Um die Spuren der Tat zu verwischen, soll die Angeklagte den Leichnam des Jungen noch am selben Nachmittag angezündet haben. Gefunden wurde Fabian erst vier Tagen später am 14. Oktober 2025. Die inzwischen Angeklagte hatte selbst den Fund gemeldet. Damals war noch von einer Spaziergängerin die Rede.
Chance auf einen Abschluss
Die Frau will sich laut ihren Verteidigern vorerst nicht zur Sache äußern. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass sich dies im Laufe des Verfahrens ändere. Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer, Holger Schütt, appellierte an die Medienvertreter, möglichst objektiv und nicht in vorverurteilender Weise zu berichten. "Bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens gilt die Unschuldsvermutung", sagte Schütt. Insgesamt sind bis zum 2. Juli 16 weitere Verhandlungstage angesetzt. Über 60 Zeugen sollen gehört werden.
Der Fall hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Vier Tage lang suchten damals zahlreiche Einsatzkräfte den Grundschüler. Dabei kamen Spürhunde, Boote und ein Hubschrauber zum Einsatz. Nach der Tat hatte in Güstrow laut Bürgermeister Sascha Zimmermann eine Art Schockstarre geherrscht.
Vom Prozess erhofft sich Zimmermann, der den Auftakt selbst im Gerichtssaal verfolgte, nun Aufklärung. Vielleicht werde es für die Familie keinen Frieden geben, aber doch die Chance auf einen Abschluss.
Original vom 28.04.2026, 8.45 Uhr: Prozessbeginn heute
17 Verhandlungstage, vermutlich mehr als 60 Zeugen, zudem Gutachten und unzählige Indizien - der Mordprozess im Fall des getöteten achtjährigen Fabian aus Güstrow ist umfangreich. Am ersten Prozesstag (28. April 2026) soll nun vor dem Landgericht Rostock die Anklage gegen eine 30 Jahre alte Tatverdächtige verlesen werden. Sie soll den Jungen laut Staatsanwaltschaft am 10. Oktober 2025 an einem Teich in Klein Upahl, rund 15 Kilometer von Güstrow entfernt, mit sechs Messerstichen ermordet haben. Die Angeklagte schwieg bisher zu den Vorwürfen. Ob und in welchem Umfang sie sich im Prozess äußert, ist unklar.
Die Mutter des Opfers ist als Nebenklägerin an dem Prozess vor der Schwurgerichtskammer beteiligt. Zeugen sollen am ersten Verhandlungstag nicht gehört werden. Allerdings geben die beiden Verteidiger der Angeklagten möglicherweise ein Eingangsstatement ab. Das öffentliche Interesse ist groß. Im Saal 2.002 sind allein 50 Sitzplätze für Medienvertreter reserviert. Zunächst sind bis zum 2. Juli 17 Verhandlungstage terminiert. Die zur Tatzeit 29-Jährige sitzt seit dem 7. November in Untersuchungshaft und ist wegen "des Verdachts des heimtückischen Mordes und aus sonst niedrigen Beweggründen" angeklagt.
Mordprozess startet: Wieso musste Fabian (8) sterben?
Der Grundschüler aus Güstrow war am 10. Oktober 2025 verschwunden. Zahlreiche Einsatzkräfte suchten damals tagelang nach ihm. Spürhunde, Boote und ein Hubschrauber waren im Einsatz. Erst am 14. Oktober entdeckte eine Spaziergängerin, die mit ihrem Hund unterwegs war, Fabians Leiche in einem Waldstück nahe Klein Upahl südwestlich von Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern. Die Obduktion des Leichnams bestätigte, dass das Kind gewaltsam getötet wurde. Anschließend wurde der Leichnam mit Brandbeschleuniger angezündet.
Der Junge war am Tag seines Verschwindens wegen Unwohlseins zu Hause geblieben, während seine Mutter zur Arbeit ging. Als die Frau zurückkam, war ihr Sohn verschwunden. Auch zur sonst üblichen Zeit tauchte er nicht auf. Gegen 20.30 Uhr meldete die Mutter Fabian als vermisst. Der Junge gelte als zuverlässig und nicht als Ausreißer, hieß es.
Die Eltern des Kindes leben getrennt. Fabian wohnte bei der Mutter in Güstrow. Er hatte auch Kontakt zu seinem Vater, der in einem Dorf südlich davon wohnt. Zunächst nahmen die Ermittler an, dass das Kind an dem Tag möglicherweise auf dem Weg zu seinem Vater war. Später fanden sie heraus, dass Fabian bereits zur Zeit der Vermisstenmeldung tot war. Demnach starb das Kind am 10. Oktober zwischen 11.00 und 15.00 Uhr - gewaltsam durch mindestens sechs Messerstiche.
Tausend Spuren ausgewertet - aber keine Tatwaffe gefunden
Die Ermittler gingen nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund 1.000 Spuren nach. Nach dem Fund der Kinderleiche richtete die Kriminalpolizeiinspektion Rostock eine Mordkommission ein. Mehrfach untersuchten Ermittler und Ermittlerinnen den Fundort. Am 5. November war der Fall Thema in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst". Mehr als 30 Hinweise gingen danach bei den Ermittlern ein.
Am Folgetag durchsuchte die Polizei mit rund 120 Kräften mehrere Objekte in Reimershagen und im Ortsteil Rum Kogel in der Nähe von Güstrow im Landkreis Rostock. Sie stellten mögliche Beweismittel sicher. Unter dringendem Mordverdacht verhafteten die Einsatzkräfte die Frau. Der Anwalt der 30-Jährigen versuchte juristisch zu erreichen, dass sie aus der Untersuchungshaft entlassen wird. Er verwies darauf, dass es in der Ermittlungsakte keine "handfesten Beweise" gebe. Die Tatwaffe sei nicht gefunden worden. Erfolg hatte der Jurist damit nicht.
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