Manuel Neuer ernährt sich glutenfrei, Bastian Schweinsteiger hält nichts vom Kuscheln, und Curaçao spielt wie Brasilien: So lief das WM-Auftaktspiel der DFB-Elf.
Es gibt gute Nachrichten vor dem ersten Spiel der DFB-Auswahl bei diesem Turnier: Das Stadion ist dank geschlossenem Dach wohltemperiert. Manuels Neuers Wade zwickt nicht mehr. Und Donald Trump lässt sich schon wieder nicht blicken: Er feiert seinen 80. mit Käfigkämpfen vorm Weißen Haus. Ginge es nach der Mehrzahl der Fußball-Fans, darf er da gerne bis zum 20. Juli bleiben. Dann ist die WM vorbei. Vielleicht könnte ihm ja Gianni Infantino Gesellschaft leisten.
Schweinsteiger: Mit Kuschelkurs gewinnt man nicht gegen Argentinien
Für Deutschland fängt die WM gerade erst an, und bekanntlich gingen 2018 und 2022 die Auftaktspiele in die Hose. Ist also ein bisschen Druck auf dem Kessel. Deshalb hat Julian Nagelsmann auch Manuel Neuer zurückgeholt. Weil der eine ungeheure, sozusagen torverhindernde Aura habe. Auch Bastian Schweinsteiger, der mit Esther Sedlaczek in Houston am Spielfeldrand steht, freut sich, dass Neuer wieder im Tor steht. So sehr, dass sich Sedlaczek darüber lustig macht, wie herzlich er seinen alten Kumpel begrüßt hat. "Wenn wir uns ein halbes Jahr nicht sehen, würde ich dir auch 'Hallo' sagen", erwidert Schweinsteiger beleidigt. "Obwohl ... gerade bin ich mir nicht mehr so sicher."
Zuvor hat "Schweini" übrigens auch Thomas Müller, dessen Radio jetzt bei Magenta TV sendet, begrüßt. Das sieht man allerdings nur bei der Konkurrenz. Da umarmt die ehemalige Nummer 13 die ehemalige Nummer 7 innig. "Mit dem Basti kann man so schön kuscheln", grinst Müller, "der ist ein kleiner Teddybär geworden". Der Basti ist dagegen gar kein Freund solcher Nettigkeiten. "Nicht nur in den Armen liegen und kuscheln", mahnt er ob der Mantra-artig wiederholten Beteuerungen der DFB-Verantwortlichen, dass die Stimmung in der deutschen Mannschaft super sei. "Damit gewinnst du nichts gegen Frankreich und Argentinien."
Erlebt die DFB-Elf ihr "blaues Wunder"?
Aber erst einmal geht es ja gegen Curaçao, also gegen das kleinste Land, das jemals bei einer WM angetreten ist. Die meisten Zuschauer kennen von der Karibikinsel vermutlich nur den Likör. Dazu passt irgendwie, dass die "Blue Wave" von Trainerlegende Dick Advocaat betreut wird. Man ahnt, dass die Schlagzeilen schon feststehen für den Fall, dass die deutsche Mannschaft das heute verpatzt: "DFB-Elf erlebt blaues Wunder", "Vom Tsunami überrollt", "Darauf einen Advocaat", "Death in Paradise", "Houston, wir haben ein Problem!" - die Möglichkeiten wären endlos. Und die Erwartungshaltung bei den traditionell pessimistischen deutschen Fans ist entsprechend niedrig. "Die putzt man nicht einfach weg", hatte Chris Kramer noch vor ein paar Tagen im ZDF gewarnt. Bastian Schweinsteiger dagegen spürt: "Die deutsche Mannschaft ist richtig heiß!" Was soll man sagen: Der Mann ist nicht umsonst Experte.
Kommentiert wird die Partie von Tom Bartels. Er hat wieder viel unnützes Wissen parat. Zum Beispiel dass die Teamköche für Manuel Neuer glutenfrei kochen, aber jeder, der Hackfleisch will, auch Hackfleisch bekommt. Zum Glück für alle ist Bartels bei dieser Partie aber hauptsächlich damit beschäftigt, Tore zu kommentieren. Das erste deutsche gar nach 5 Minuten und 34 Sekunden. Und irgendwie passt es zu dieser WM, dass ausgerechnet Felix Nmecha diesen Treffer erzielt. Man kann dazu mal bei den Dortmunder Fans nachfragen.
Schweinsteiger unter Schock
Kurz darauf rappelt es wieder im Kasten, aber diesmal im deutschen. Livano Comenencia hat nämlich offenbar nicht mitbekommen, dass Manuel Neuer eine ungeheure Aura hat. Er metert den Ball einfach ins Netz, ganz so als stünde da David James im Tor, oder doch wenigstens nur der offenbar vollkommen Aura-lose Oliver Baumann. Es steht 1:1. Und Bastian Schweinsteiger steht unter Schock.
Und dann passiert etwas, womit niemand gerechnet hat: Die viel kritisierte Trinkpause wirkt auf die deutsche Mannschaft wie ein Timeout beim Handball. Plötzlich läuft's: 3:1 vor der Pause, 4:1 nach Wiederanpfiff. Und weil Curaçao unverdrossen mitspielt und so Räume öffnet, wird's am Ende ein 7:1. Man würde jetzt gerne auf die Schnelle herausfinden, was "sete - um" auf Papiamentu heißt, aber der Google-Übersetzer hat Curaçaos Amtssprache nicht im Programm. Tom Bartels jedenfalls kommentiert trocken: "7:1 schlägt man nicht jeden Gegner. Brasilien vielleicht - oder Curaçao." Und Bastian Schweinsteiger findet: "Mir gefällt die Trinkpause."