Susanne Wolff und Felix Kramer werden in der Netflix-Miniserie "Unfamiliar" als ehemalige Agenten von ihrer Vergangenheit eingeholt. Was ist vor 16 Jahren in Belarus geschehen, für das sie nun sterben sollen?
Ehemalige Agenten, die von ihrer Vergangenheit eingeholt und jäh aus ihrem ruhigen Familienleben gerissen werden, diese Thematik ist nicht neu, bietet aber immer wieder Stoff für unterschiedlichste Film- oder Serienplots. Eine Variante: Die Protagonisten sind ein Ehepaar, wie in der sechsteiligen deutschen Miniserie "Unfamiliar" (ab Donnerstag, 5. Februar bei Netflix) mit Susanne Wolff ("Styx") und Felix Kramer ("Dogs of Berlin").
Meret und Simon betreiben in Berlin ein Safe House für Menschen in Lebensgefahr. Am Geburtstag ihrer Tochter Nina (Maja Bons) erhält das Paar einen Hilferuf von einem Unbekannten (Aaron Altaras, "Die Zweiflers"). Arzt Simon versorgt seine Schusswunde am Bein, eher er Meret mit dem Mann alleine lassen muss. Dass die Geschichte, die er ihnen auftischt, nicht stimmt, ahnen beide. Und in der Tat: Der Unbekannte wurde auf sie angesetzt und soll sie eliminieren.
Doch die alten Sinne und meisten Reflexe der Agenten a.D. sind noch voll da. Die erste Gefahr wird so schnell gebannt - und das im nicht eben zimperlichen, brutalen Nahkampf auf Leben und Tod zwischen Meret und dem Killer, der in der Auftaktfolge den Ton und Gewaltlevel für das, was da noch kommen mag, setzt.
Was geschah in Belarus?
Wer das Paar tot sehen möchte - Josef Koleev (Samuel Finzi), Offizier des russischen Militärgeheimdienstes GRU -, erfährt man früh, ebenso den Grund: Irgendetwas muss 16 Jahre zuvor in Belarus vorgefallen sein, als Meret und Simon für Gregor Klein (Henry Hübchen) vom BND arbeiteten, und das sie nun einholt ...
"Unfamiliar" bedeutet "nicht vertraut" oder "fremd". Dabei dachten Simon und Meret, sie wären einander genau das Gegenteil. Mit der drohenden Gefahr aber kommen Geheimnisse auf den Tisch, die ihr Leben, ihre Tochter und ihre Beziehung in größte Gefahr bringen. Es gibt nur eine Lösung: Sie müssen Kaleev töten, bevor er sie tötet. Während sie sich mit dem Russen und seinen Handlangern nun ein atemloses Katz- und Mausspiel durch Berlin liefern, nimmt der BND parallel Ermittlungen auf, der Kaleev aus anderen Gründen im Visier hat.
Nicht ohne Klischees
Headautor Paul Coates und die Regisseure Lennart Ruff und Philipp Leinemann inszenierten den Sechsteiler in einem hohen Tempo, harte Action wird immer wieder abgelöst von ruhigeren Momenten zwischen Meret und Simon, die den Agententhriller auch zum Beziehungsdrama machen. Eine Mischung, die bestens funktioniert. Felix Kramer und Susanne Wolff lassen ihre Figuren an ihre psychischen und physischen Grenzen gehen, was in den besten Szenen schon mal an die gefeierte US-Serie "The Americans" erinnert. Dass sie nicht mehr die taufrischesten Agenten sind, wird weder verheimlicht noch "Lethal Weapon"-artig ("Ich bin zu alt für diesen Sche...ß") verkalauert, sondern weit subtiler angedeutet, etwa durch gelegentliche Schweißausbrüche Merets. Eine zentrale Rolle spielt auch Berlin, einstige "Hauptstadt der Spione". Sie sei, so Regisseur Lennart Ruff, "nicht nur Schauplatz, sondern wie ein eigener Protagonist der Serie".
Ohne erwartbare Spionagefilm-Klischees kommt "Unfamiliar" zwar nicht aus, aber, Hand aufs Herz, man würde es doch auch vermissen, würden die Protagonisten nicht wenigstens einmal mit Brille und weißem Kittel als Ärzte verkleidet eine Patientin an unzähligen Menschen vorbei ungehindert aus dem Krankenhaus entführen. Ebenfalls vermissen würde man die durchweg hochkarätigen Darstellerinnen und Darsteller, darunter neben den bereits Genannten vor allem Andreas Pietschmann, Seyneb Saleh und Natalia Belitski. Erfüllen die letzten drei Episoden das, was die ersten drei zur Voransicht von Netflix bereitgestellten Episoden vorlegen und versprechen, darf man sich auf eine nicht nur für deutsche Verhältnisse packende Netflix-Serie mit höchstem Binge-Faktor freuen.