Mehr als vier Jahre lang begleitete ein Kamerateam Menschen in Russland - Gegner, aber auch Befürworter des Krieges gegen die Ukraine. Die Doku "Russland im Krieg" zeigt nun, wie gespalten das Land inzwischen wirklich ist.
"Ich befürchte, dass wir unser ganzes restliches Leben damit zubringen müssen, uns bei den Ukrainern zu entschuldigen", sagt Maria. In der ARTE-Dokumentation "Russland im Krieg" spricht die Russin offen darüber, wie es ihr in den vergangenen vier Jahren in ihrem Heimatland ergangen ist. Immer wieder habe sie gemeinsam mit anderen Frauen versucht, sich gegen das Regime aufzulehnen. Dann jedoch wurde sie zur "ausländischen Agentin" erklärt, verlor vorübergehend ihren Job - und musste ihren Aktivismus einstellen, um sich und ihr Kind ernähren zu können.
"Werden wir Russen irgendwann normal leben können?", fragt sie sich. "Ich sehe einfach keine Zukunft. Es ist furchtbar, wenn du nicht einmal den morgigen Tag planen kannst." Wie viele andere Männer ist auch Marias Partner in den Angriffskrieg gegen die Ukraine eingezogen worden. "Unser Präsident sagt, dass es besser sei, im Krieg zu sterben als an Vodka oder bei einem Verkehrsunfall", erzählt Maria. Von Putin hält sie wenig: "Wenn unser Präsident dermaßen auf die Menschen pfeift und sie einfach in die Kampfzone schickt, dann sollten wir uns fragen, ob wir einen solchen Präsidenten überhaupt brauchen."
Vier Jahre lang, seit dem Überfall Putins auf die Ukraine am 22. Februar 2022 bis heute, begleitete das internationale Filmteam Menschen in Russland. Darunter auch die Fotojournalistin Julia, die wie Maria zu den offenkundigen Dissidenten zählt - leider, wie ihr Sohn im Teenageralter findet. Als der ihr erklärt, dass er sich eine "normale Mutter" wünsche, wird Julia deutlich: "Ich wünsche mir ein normales Land. Ich möchte, dass meine Familie in einem guten Land lebt. Ich will nicht weg - ich will mein Land besser machen."
"Nein zum Krieg": Nikolajs "Ein-Mann-Protest"
Für Journalisten seien die vergangenen Jahre nicht leicht gewesen, schildert sie dem Kamerateam. "Oft will der Staat bestimmte Dinge nicht zeigen. Deswegen bekommen Journalisten oft Besuch." Auch vor ihrer Tür ständen immer wieder Polizisten. "Sie versuchen, uns einzuschüchtern und machen deutlich, dass man über diese Veranstaltungen nicht berichten sollte", sagt die Fotografin in Bezug auf die Demonstrationen, die vor allem zu Beginn des Krieges in großen Städten wie Moskau stattfanden.
Auch das Doku-Team hat Bilder von einigen dieser Protesten eingefangen. "Wir sind kein Kanonenfutter", hört man eine Frau bei einer Demo im September 2022 rufen. "Putin ist ein Mörder", schreit eine andere, während sie von Polizisten abgeführt wird. Heute, heißt es im Film, komme es kaum mehr zu derartigen Protestaktionen. Wohl auch, weil inzwischen jahrelange Freiheitsstrafen für alldiejenigen drohen würden, die an nicht genehmigten Kundgebungen teilnehmen.
Und doch finden die Menschen Wege, ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen. Nikolaj etwa, ein Künstler aus Sankt Petersburg, hat seinen Einkaufsbeutel mit der Botschaft "Nein zum Krieg" beschriftet. "Ich gehe fast jeden Tag los und fahre irgendwo hin. Es ist so eine Art Ein-Mann-Protest", erklärt er. Mit anderen Aktivisten trifft er sich regelmäßig - heimlich, weil man nur so "offen über alles reden" könne.
Alena hilft, Handgranaten herzustellen
Schließlich, auch das zeigt der Film, sind nicht alle Menschen in Russland Gegner von Putins Politik. Vor allem in der Provinz
würden viele Menschen den Krieg gelassen hinnehmen, wegschauen - oder sich sogar dafür engagieren, heißt es aus dem Off. So auch Alena, die mit ihrer Hilfsorganisation allerlei Zweckdienliches für die Frontsoldaten herstellen lässt. "Wir mussten unsere Jungs für die spezielle Militäroperation ausrüsten", sagt sie voller Stolz. Bis heute unterstütze ihre Gruppe neue Rekruten, die in den Krieg ziehen - mit gestrickten Socken, Tarnnetzen, Kerzen.