Ein Jahr nach dem Eklat um Maximilian Schafroth gab Stephan Zinner ein mit Spannung erwartetes Debüt als Fastenredner "Auf dem Nockherberg". Zinner sparte nicht an Schärfe - und kassierte hinterher ein Söder-Lob mit Gift-Anteilen.
Punkt 19.22 Uhr war es, als auf dem Münchner Nockherberg die Ära des neuen Fastenredners begann. Nur für wie lange? Man muss es wohl als Zeichen von Realismus, vielleicht auch der Kollegialität verstehen, dass Stephan Zinner den unfreiwillig ausgeschiedenen Vorgänger indirekt zu grüßen verstand. Ein "Schleudersitz" sei dieses Amt. Da lachte im Publikum sitzend Maximilian Schafroth, dem nach allzu scharfen Attacken gegen CSU-Chef Markus Söder kein weiterer Auftritt an der Starkbier-Kanzel vergönnt war.
Ob er wohl auch etwas Versöhnendes und Verbindendes in seine Rede einbaue, überlegten in der BR-Übertragung vom Starkbieranstich einige. Aber bitteschön auch nicht ohne die beim traditionellen Politiker-Derblecken obligatorischen Spitzen! Kein Wunder, dass hinterher viele eine gewisse Anfangs-Nervosität beim immerhin Singspiel-erfahrenen Redner erkannt haben wollten.
Dass Stephan Zinner zur Vorbereitung nicht nur Kreide gefressen hatte, wurde schnell klar. Und dass Markus Söder ein Jahr nach dem Schafroth-Eklat nicht unter Artenschutz stehen würde, auch. Er müsse den Freistaat nicht loben, sagte Zinner, das mache ja schon der Ministerpräsident beruflich, und zwar "minütlich". Söders Bart erinnere ihn an Dr. Fu Manchu, den aus dem Kino bekannten chinesischen Superschurken, der die Weltherrschaft anstrebt. "Das trifft nicht hundertprozentig zu", beschwichtigte der Redner in Richtung des CSU-Chefs. "Sie sind ja kein Chinese."
Friedrich Merz "sollte vielleicht auf Pfeil und Bogen umschulen"
Ein schöner Gag, doch Zinner konnte auch ernst. Die allseits grassierende Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen sei das "Zeichen einer überhitzten, aus dem Ruder gelaufenen Diskussionskultur". Emotionen schlügen heute Argumente, Empörung ersetze die Analyse. Das Ergebnis manifestiere sich in der Person Donald Trumps. "Ist das der amerikanische Weg, den sie einschlagen wollen, Herr Ministerpräsident?" Da schüttelte Söder in Reihe eins gequält den Kopf.
Zu gern hätte man auch das Gesicht des Bundeskanzlers gesehen, doch der hat derzeit wichtigere Termine. Zinner schimpfte Friedrich Merz in Abwesenheit einen "nordrhein-westfälischen Hungerhaken", der versuche den "Aufbruchs-Kanzler" zu geben. "Wenn das die letzte Patrone der Demokratie ist, sollte er vielleicht auf Pfeil und Bogen umschulen. Dann hätte er noch ein bisschen was im Köcher." Später gab es eine strenge Warnung an die Adresse des Regierungschefs. Wer von Bandmauern spreche und gleichzeitig zündele, "sollte wissen, dass nur ein Funke genügt, dass der Stammtisch brennt".
Mit Lars Klingbeil ("Charisma wie ein Einbaukühlschrank") und Alexander Dobrindt bekamen weitere Bundespolitiker ihr Fett weg. Der Innenminister wolle mit seiner Migrationswende wohl "den jammernden, Schrebergarten verteidigenden AfD-Wähler" auf seine Seite ziehen, mutmaßte Zinner.
Landwirtschaftsminister Alois Rainer empfahl er, nicht "heimlich Glyphosat zu schnüffeln". Der CSU-Politiker und Metzgermeister hatte unter anderem in seinem Ministerium das Wort "Glyphosat" durch "Pflanzenschutzmittel" ersetzen lassen. Dann solle man auch "den dadurch verursachten Krebs durch 'Zellwachstumsinnovation' ersetzen", schlug der Fastenredner vor.