Welche Lehren lassen sich aus dem viral gegangenen Nicht-Gespräch zwischen Dunja Hayali und Alice Weidel im ZDF-"heute journal" ziehen? Journalistin Melanie Amann sieht ihren Berufsstand in einem Dilemma, wie sie im Podcast von Bettina Böttinger darlegte.
Das Streitgespräch zwischen Dunja Hayali und AfD-Chefin Alice Weidel im "heute journal" sorgt weiterhin für Aufregung - aber auch für Nachdenklichkeit in Journalisten-Kreisen. "Ich habe dieses Interview gesehen, das unsere Kollegin Dunja Hayali mit Alice Weidel im ZDF geführt hat, und ich finde, da ist jetzt nichts, wo ich sagen würde, das hat sie falsch gemacht", urteilte Funke-Chefredakteurin Melanie Amman nun im Podcast "Zwischen den Zeilen" von Bettina Böttinger. Zugleich habe das Gespräch in ihren Augen "etwas Sinnlos" gehabt.
Sie könne sich "genau vorstellen", was jene Menschen gedacht hätten, die AfD-Anhänger sind oder zumindest offen für die Partei, sagte Amann: "Da wird eine Politikerin, wie soll man sagen, nicht interviewt, sondern angegriffen."
"Wir haben uns in ein Dilemma manövriert als Journalisten"
Weidel war Anfang Juli live vom AfD-Parteitag in Erfurt ins ZDF-Nachrichtenjournal zugeschaltet und mit einer Reihe an kritischen Fragen konfrontiert worden. Inhaltlich ging die Parteichefin auf die von Hayali vorgetragenen Punkte jedoch kaum ein und verwahrte sich stattdessen gegen "dieses Framing, dass die AfD oder Teile der Alternative für Deutschland Rechtsextremisten sind". Das Echo in klassischen und sozialen Medien war enorm.
Amann wertet das kontrovers aufgenommene Interview als Beleg dafür, dass wir uns "in ein Dilemma manövriert haben als Journalisten". "Wir sehen unseren Auftrag darin, den Leuten zu zeigen: 'Schaut mal her, das ist ein Rechtsextremist'", sagte sie. "Wir sind aber in einem Zeitalter, wo das den Leuten vielleicht einmal zu oft gesagt wurde und sie sagen: 'Wir haben es gehört, und es ist uns egal.'"
Amann bekam Kritik für Einladung des Podcasters Ben Berndt
Umgekehrt erkläre sich daraus der Erfolg des dezidiert als Nicht-Journalist auftretenden Podcasters Ben Berndt. Bei ihm hatte der thüringische AfD-Chef Björn Höcke unlängst weitgehend ohne kritische Nachfragen und Einordnungen rund viereinhalb Stunden sprechen dürfen. Bei YouTube wurde die Folge bislang mehr als sechs Millionen Mal aufgerufen. Amann hat beobachtet, dass sich viele Kommentatoren für die Gesprächsführung bedankt hätten mit dem Tenor: "Endlich konnte er mal ausreden."
In ihrem eigenen Podcast unterhielt sich Amann wiederum kritisch mit Ben Berndt über Fragen der publizistischen Verantwortung von Medienschaffenden. Sie habe aus ihrem beruflichen Milieu viel Kritik für die Einladung bekommen, sagte Amann im Gespräch mit Bettina Böttinger. Man habe ihr vorgeworfen, "diesem Typen" Reichweite zu verschaffen, nur um ihren eigenen Podcast zu promoten.
Sie jedoch habe die Chance gesehen, Menschen zu erreichen, die keine klassischen Medien mehr rezipieren und auch die Polit-Talks von ARD und ZDF nicht einschalten. Durch viele E-Mails, die sie bekommen habe, fühle sie sich bestätigt, sagte Amann. Eine "nennenswerte Zahl an Leuten" habe ihr signalisiert, die Journalistin habe sie mit ihren Positionen immerhin ins Nachdenken gebracht. Die Erkenntnis, "wenigstens ein kleines bisschen" die Journalisten-Ehre retten zu können, habe sie getröstet.