Im Juli 1992 wurden in Halle an der Saale 4.500 Namen von Menschen veröffentlicht, die als "Inoffizielle Mitarbeiter" für die Stasi gearbeitet hatten. Die Drahtzieher, die hinter der Aktion steckten, blieben über 30 Jahre lang unerkannt. Jetzt packten sie aus.
Ulrich Schlademann, evangelischer Pfarrer, saß im Jahr 1990 an seinem Schreibtisch und las - dienstlich - Akten. Stasi-Akten. Berichte von "Inoffiziellen Mitarbeitern" des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, in denen sie über Bekannte, Freunde, sogar Ehepartner im Auftrag der Stasi berichteten.
Die Erinnerung nimmt Schlademann heute noch mit. "Es hat mich oft angeekelt, was Menschen da über Menschen geschrieben haben. So was von hässlich und gemein." Seine Stimme bricht, als er von den schriftlichen Beweisen für Verrat, Bespitzelung und Denunziation erzählt. Dann fand er zufällig einen Schatz: Rucksäcke voller Mikrofilme mit Dokumenten über Stasi-Mitarbeiter aus seiner Heimatstadt Halle an der Saale - mit Decknamen, Klarnamen, Wohnorten. Was sollte er damit machen?
Die MDR-Dokumentation "Der große Stasi-Leak - Helden oder Verräter" (Dienstag, 10. November 2026, 20.15 Uhr, MDR, vorab in der ARD-Mediathek) ist wie ein zeitgeschichtlicher True-Crime- und Spionagefall. Denn Schlademann und sechs Freunde veröffentlichten die Namen. Anonym, denn ihnen war klar: "Das ist illegal. Aber deshalb war's spannend für mich", sagt Henning Schaarschmidt.
Er ist einer derer, die sich damals scherzhaft "die sieben Samurai" nannten. Fünf davon - neben Schaarschmidt Thea Ilse, Wieland Berg, Ulrich Schlademann und Matthias Waschitschka - berichten in der Dokumentation von Melissa Müller, Ulrike Schwerdtner und Bettina Wobst, warum sie sich damals entschlossen, die Namensliste zu veröffentlichen. Zwei der Samurai treten nicht vor die Kamera. Fritz starb 2007, heißt es im Abspann, und "Matjes" wolle die Vergangenheit ruhen lassen.
Es ist eine wilde Geschichte. Aber eine, die nachwirkte. Die Historikerin Anita Krätzner-Ebert meint: "Die 'Stasi-Liste von Halle' hat einen unschätzbaren Wert für die gesellschaftliche Aufbereitung des Themas und der Frage nach der individuellen Schuld."
Schmerzlicher Moment: "Ich entdeckte auf der IM-Liste sogar den Namen meiner Freundin"
Die meisten der Samurai waren als Mitglieder von ökologischen Gruppierungen selbst auf der Stasi-Liste derer, die ausspioniert wurden. Die Stasi-Akte von Matthias Waschitschka ist 800 Seiten dick, 30 Inoffizielle Mitarbeiter (IMs) berichteten damals über ihn ans Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Als sie die Liste - unter strengster Geheimhaltung und in konspirativen Nacht- und Nebel-Aktionen - vom Mikrofilm auf Disketten übertrugen und nächtelang nur Namen abtippten, kam es zu "schmerzlichen Momenten" - immer dann, wenn sie einen Namen auf der IM-Liste erkannten. Waschitschka: "Ich entdeckte sogar den Namen meiner Freundin."
Oder sie fanden auf der Liste Günther Henry Schramm. Ein Schock, denn der war ihr Freund, Mitbegründer und Initiator der ökologischen Bewegung. Schlademann konfrontierte ihn: "Geh zu deiner Ökogruppe und sage ihnen, dass du alle Aktivitäten an die Stasi gemeldet hast." Schramm, nach der Wende Mitglied der Grünen und sogar Bundestagskandidat, kommt in der Doku auch zu Wort: "Als er mich ansprach, wusste ich: das war's." Er argumentiert, "es waren hinterlistige Berichte, weil die anderen es nicht wussten. Aber ich habe keinen ins Gefängnis gebracht, niemanden angeschwärzt und keine Märchen erzählt." Als der Skandal dann publik wurde, trat er zurück: "Dass dann alles weg war, ist das Lehrgeld, das ich zahlen musste."