Zehn Jahre nach Beginn der "Ku'damm"-Saga wagt die vierte Staffel des historischen Familiendramas einen Sprung in die wilden 70er-Jahre. Vor dem Hintergrund von RAF, Disco und Emanzipation erobert eine neue junge Generation die erfolgreiche ZDF-Reihe.
Vor fast genau zehn Jahren begann im ZDF eine Erfolgsstory: Die Familiensaga "Ku'damm 56" wurde zum Publikumsliebling, und so erhielt das historische Drama über die Schöllacks und ihre Tanzschule in West-Berlin eine Fortsetzung nach der anderen. Drei Staffeln lang folgte die Geschichte insbesondere den drei Töchtern, eingebettet in die Verhältnisse und Umbrüche der Nachkriegszeit. Der vierte Durchgang macht im Jubiläumsjahr einen großen Sprung: "Ku'damm 77" nimmt das Publikum mit in die wilden 70-er und schreibt das Epos in drei 90-Minütern mit Fokus auf die nächste Generation fort. Zwischen Disco, Emanzipation und Terror geht es im geteilten Berlin unterhaltsam wie immer auch um die Liebe und ums Tanzen.
Auch 14 Jahre nach den dramatischen Ereignissen in "Ku'damm 63", die von Suizid bis Totschlag reichten, existiert die Tanzschule "Galant" auf dem berühmten Berliner Boulevard noch immer. Während Matriarchin Caterina (Claudia Michelsen) und ihre Töchter Monika (Sonja Gerhardt) und Helga (Maria Ehrich) mit den nun großen Enkelinnen im selben Haus leben, wird Eva (Emilia Schüle) gerade aus dem Gefängnis entlassen. Vor allem aber räumt das Drehbuch von Serienschöpferin Annette Hess dem Coming-Of-Age der Jungen viel Raum ein. Monikas Tochter Dorli, gespielt von Nachwuchstalent Carlotta Bähre, tritt als Turniertänzerin in die Fußstapfen ihrer Mutter, die auch ihre strenge Trainerin ist. Derweil will Friederike (Marie Louise Albertine Becker) zum Missfallen ihrer Mutter Helga eine der ersten Polizistinnen überhaupt werden.
Dokumentarischer Blick auf die Heldinnen
Eine besondere Rolle in den detailgetreu ausstaffierten Episoden nimmt die dritte junge Figur ein: Massiamy Diaby spielt Dokumentarfilmerin Linda Müller, die die Geschichte der Tanzschule und Familie Schöllack erzählen will. Auch wenn sie als schwarze Deutsche skeptisch beäugt wird ("Am Telefon hörten Sie sich ganz normal an"), ist ihre Kamera überall dabei - wenngleich, etwa an der DDR-Grenze, etwas unrealistisch. In eingebauten Doku-Szenen und biografischen Interviews entsteht eine reizvolle doppelte Ebene, auf der die Protagonistinnen ihre Vergangenheit auch verklären ("Ich habe den Rock'n'Roll nach Berlin gebracht", flunkert Caterina).
So wie sich ihre Heldinnen aus dem Muff der 50-er emanzipiert haben, wirkt auch Reihe nun frischer. Laut Annette Hess, die die Vorgängerstaffeln als in sich abgeschlossene Trilogie ansieht, sollten die neuen Folgen "rauer und direkter" werden. Das liegt natürlich auch an den gesellschaftlichen Veränderungen der Ära, vom Disco-Fieber ("Ein sehr begabter Mann, der Herr Travolta") bis zum RAF-Terror, der vor allem als mediales Hintergrundrauschen präsent ist. Nicht zuletzt haben Maske und Kostüm wieder Grandioses geleistet: Zwischen Schlaghosen, absurden Frisuren und bunten Farben belebt "Ku'damm 77" liebevoll Sound, Mode und Ästhetik dieses einzigartigen Jahrzehnts.
"Irgendwann muss man sich seiner Vergangenheit stellen"
Zu den politischen Themen gehört auch ein Geheimnis, das die Familie einholt: Eine jüdische Stiftung fordert die Rückgabe der 1936 von den Nazis enteigneten Tanzschule an die rechtmäßigen Besitzer. Während Caterina nichts daran findet, die Schule damals für eine Reichsmark gekauft zu haben, stellt Monika klar: "Irgendwann muss man sich seiner Vergangenheit stellen." In Mutter und Tochter wird der Konflikt zwischen den überkommenen Ansichten der Alten und der moralischen Verpflichtung der Jungen zugespitzt.
Sei es der Schatten des Holocaust, sei es die in der Figur eines Musikers verdeutlichte Migrations-Geschichte oder die grassierende Homophobie, illustriert an Helgas homosexuellem Ex-Mann Wolfgang (herrlich typverändert: August Wittgenstein), den die Serie in Ost-Berlin begleitet: Die großen Themen werden zwar nicht klischeefrei verhandelt, weisen aber denkwürdige Parallelen zur heutigen Zeit auf.
Ein unerwartetes Wiedersehen
Doch "Ku'damm" wäre nicht "Ku'damm", wenn nicht die persönlichen Schicksale und Beziehungen im Fokus stünden: Helga ist trockene Alkoholikerin und nähert sich nun dem eigenartigen Zahnarzt Hannes (Florian Stetter) an. Tochter Friederike, die öfter ihren Vater im Osten besucht, beobachtet die neue Beziehung skeptisch. Auch zwischen Monika und Dorli kriselt es: Unter dem Leistungsdruck droht die junge Tänzerin zu zerbrechen, mit Schmerzmitteln versucht sie standzuhalten. Derweil lernt Monika den Lehrer Robert Beck kennen, in dem sie ihren toten Mann Joachim wiedererkennt. Kein Wunder: Gespielt wird er ebenfalls von Sabin Tambrea, dessen Figur in "Ku'damm 63" Suizid begangen hatte. Ein dann doch sehr unerwartetes Wiedersehen.